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Job & Karriere

Katrin Wilkens

Tipps von der Karriereberaterin Ich war Escortgirl – und jetzt?

Katrin Wilkens
Ein Gastbeitrag von Katrin Wilkens
Samy ist 24 Jahre alt. Sechs Jahre lang hat sie als Escortgirl gearbeitet, nun will sie aussteigen. Wie soll sie mit ihrem bisherigen Lebenslauf umgehen?
Lebensläufe sind nicht immer geradlinig. Aber wie damit umgehen, wenn man einen Beruf in der Sexbranche hatte? (Symbolbild)

Lebensläufe sind nicht immer geradlinig. Aber wie damit umgehen, wenn man einen Beruf in der Sexbranche hatte? (Symbolbild)

Foto: Deagreez / iStockphoto / Getty Images

Samy, 24, fragt: »Ich habe sechs Jahre lang als Escortgirl gearbeitet. Und nicht schlecht dabei verdient. Ich hatte zuletzt sogar einen gewissen Status in meiner Agentur, sodass ich mir meine Kunden selbst aussuchen konnte. Nun will ich trotzdem demnächst beruflich etwas anderes machen und frage mich, wenn ich einen ›normalen Job ergreifen will: Was kann ich überhaupt? Und wie beschreibe ich die letzten Jahre in meinem Lebenslauf? Soll ich meine Tätigkeit erwähnen oder lieber nicht?«

Liebe Samy,

erst einmal Glückwunsch, dass Sie sich auf die Suche nach einem »normalen« Job machen. Wobei ich gar nicht genau weiß, was in unserer heutigen Arbeitswelt eigentlich normal ist. Bäcker? Fußpflegerinnen? Landschaftsarchitekten?

Wenn es um Ihre Qualifikationen geht, dann sind die in der Tat immens und weit ausgeprägter, als man vermuten könnte: Sie können, Sie müssen Menschen bestimmt rasend schnell einschätzen, wissen, was welcher Kunde möchte, wie Sie ihn auflockern und – vor allem – wie Sie ihn positiv manipulieren können. Sie können Bedürfnisse erspüren, sich abgrenzen und haben Dienstleistung verinnerlicht.

Selbstbewusstsein und Demut

Ähnliches benötigt man auch im Marketing, im Vertrieb, im Einzelhandel. Und in Gefahrensituationen – die wird es bei sechs Jahren Berufserfahrung sicherlich auch schon gegeben haben – müssen Sie schnell, konsequent und selbstfürsorglich handeln. Sie haben dann ja keinen Chef in der Nähe, sondern müssen kritische Situationen allein meistern.

Das heißt, Sie können mit einem guten Schwung Selbstbewusstsein Ihre künftige Karriere starten, allerdings nicht ohne das gewisse Maß Demut – diese beiden Eigenschaften müssen Sie irgendwie miteinander verbinden. Denn natürlich wartet keiner mit offenen Armen auf Sie und ruft: »Hier herein, und Ihren bisherigen Lohn verdoppeln wir einfach.«

Sie müssen damit rechnen, dass Sie noch einmal von der Pike auf etwas lernen müssen.

Sie müssen damit leben, dass Sie künftig wahrscheinlich weniger Geld verdienen werden und dabei unflexibler arbeiten werden und Sie müssen damit leben, dass Ihnen vermutlich andere sagen werden, wie und was Sie arbeiten.

Je nach Finanzstatus und Bildung würde ich mir an Ihrer Stelle überlegen, ob ein Studium oder eine Ausbildung für Sie infrage kommt. Rechnen Sie aber damit, dass Ihnen viele Auszubildende und Studierende anfangs etwas naiv vorkommen werden – ihnen gegenüber haben Sie vermutlich einen großen Vorsprung an Lebenserfahrung.

Schreiben Sie eine ganz profane Pro- und Contraliste, was für und gegen die jeweilige Ausbildungsform spricht. Und dann noch zu der Frage, wie Sie die jüngsten sechs Jahre im Lebenslauf umschreiben sollen. Ganz ehrlich: Ich würde nicht mit der Tür ins Haus fallen. Vielleicht haben Sie außerdem ein Ehrenamt ausgeübt – oder privat ehrenamtlich gearbeitet? Vielleicht sich um Ihre Oma gekümmert, Nachbarschaftshilfe geleistet oder Nachhilfe gegeben? Auch das könnten Sie aufnehmen.

Wissen Sie, was ich berauschend an Ihnen finde? Ihre Neugier auf das Leben und den Mut etwas zu wagen, sonst lässt man sich nicht auf so einen außergewöhnlichen Job ein – jedenfalls, wenn Sie das freiwillig getan haben. (Beratungsangebote für Prostituierte und Aussteigerinnen gibt es hier .) Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Neugier auch in Ihr zweites Berufsleben mit hinüberretten.

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