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Englisch-Sprachtest Verdammt, ich will doch nur nach Sydney

Ohne Sprachtest kein Arbeitsvisum, da sind die Australier eisern. Verena Töpper musste trotz Uniabschluss in Englisch die IELTS-Prüfung schaffen, um in Sydney zu arbeiten. Ein Tag mit strikten Regeln und zerkauten Bleistiften.
Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance / dpa

Ich habe zwei Bleistifte bekommen, angenagt. Dazu dieses schwarz verfärbte Kügelchen, wohl ein Radiergummi. Von meiner Wasserflasche musste ich das Etikett abziehen, ein paar Reste kleben noch dran. Meine Handtasche mit Smartphone und Geldbörse liegt irgendwo im Aufenthaltsraum. Einen Spind gibt es nicht.

Für 215 Euro hatte ich mehr erwartet.

Ich bin für den IELTS-Test hier (International English Language Testing System). Mindestens 4,5 von 9 Punkten muss ich in den Modulen Sprechen, Lesen, Hören und Schreiben erreichen, sonst kann ich das australische Arbeitsvisum vergessen. Der Schreibtisch in Sydney ist angemietet, alles steht bereit - aber ohne Test darf ich nicht ins Land.

Ich habe einen Magister in Amerikanistik, in Washington studiert und Praktika gemacht. Den Australiern reicht das nicht. Mein TOEFL-Sprachtest aus dem Studium ist ihnen zu alt. Und von den Tests befreit wird nur, wer fünf Jahre lang durchgehend an einer Institution studiert hat, in der zu 80 Prozent auf Englisch unterrichtet wird.

In Hamburg war der Sprachtest auf Wochen ausgebucht. Also auf nach Málaga, so heißt der Prüfungsraum im dritten Stock des Berolinahauses in Berlin. Am Morgen ist die Menschenschlange auf dem leeren Alexanderplatz nicht zu übersehen. Unbedingt pünktlich um 9.30 Uhr erscheinen, Zuspätkommer werden abgewiesen, hieß es auf der Einladung. Erst nach einer Viertelstunde hat der winzige Aufzug alle Prüflinge transportiert.

Sprachtest: Can you English?

Oben muss jeder seinen Reisepass vorzeigen und sich fotografieren lassen. Bitte nicht lachen, sagt der Fotograf. Das kann ja heiter werden. Ein junger Mann aus Mali hat seinen Ausweis nicht dabei. Er diskutiert, fleht, wütet. Hilft alles nichts.

Alle anderen bekommen ihren Raum zugewiesen, New York, Moscow, Oslo, Málaga. Es gibt zwei IELTS-Versionen: Beim "Academic"-Test muss man zum Beispiel ein Diagramm erklären und einen Text über fleischfressende Pflanzen lesen, beim "General Training" einen Brief schreiben und sich mit der Entstehungsgeschichte der Post beschäftigen. Die meisten Kandidaten wollen in Großbritannien studieren, "Academic". Beim "General Training" im Raum Málaga sind wir nur zu zehnt.

Schon aufs Rüberschielen steht der Rauswurf

Vom Platz in der zweiten Reihe kann ich durchs Fenster den Brunnen der Völkerfreundschaft sehen und ein Hotel mit Plattform für Bungee-Jumper. Vielleicht springt ja gleich jemand. Wir blättern in unseren Reisepässen, bis eine Mitarbeiterin des British Council einen uralten Ghettoblaster aus der Ecke holt, mit CD-Fach. Eine Männerstimme scheppert los.

"You will hear a telephone conversation between two people, Cathy and John. First, you have some time to look at questions one to ten."

Den Ablauf kenne ich. Als Streberin kann ich nicht ohne Vorbereitung zu einem Test gehen, habe darum meinen Arbeitgeber "The Official Cambridge Guide to IELTS" kaufen lassen: 400 Seiten, eine DVD-Rom, 74 Euro.

Mein Sitznachbar hat das wohl nicht durchgearbeitet. "It's 18 degrees celsius" - jetzt soll man "18" in den Lückentext schreiben. Mein Nachbar notiert "18 C". Mööp, Fehler. "Write ONE WORD OR A NUMBER for each answer", heißt es in der Aufgabenbeschreibung. Für ein Wort oder eine Zahl zu wenig oder zu viel bekommt man null Punkte.

Ich würde den jungen Mann gern darauf aufmerksam machen, aber schon aufs Hingucken steht hier der Rauswurf. Also Blick in die andere Richtung: Vom Hotel draußen springt tatsächlich ein Bungee-Jumper.

"That is the end of section one. You now have half a minute to check your answers."

Nach 30 Minuten folgt der Lesetest - eine Hotelbeschreibung aus einem Reiseprospekt, ein Infoblatt zur Müllentsorgung, die schwärmerische Reiseerzählung eines Mannes, der am Lake Powell Indianer getroffen hat. Welches Hotel hat einen Konferenzraum? Kommt der Plastikmüll in die blaue oder gelbe Tonne? Und welche indianische Gottheit kann fliegen und schwimmen?

Berliner Stadtschloss? WTF?

60 Minuten sind für den Quatsch angesetzt. Nach 20 Minuten lese ich alle Texte und Aufgaben noch mal, schaue aus dem Fenster. Kein Springer. Schon auswendig kann ich die Daten der Stempel im Reisepass. Den lasse ich als Pfand zurück, gehe gründlich Händewaschen, zähle die Kacheln an den Wänden. Die letzten zehn Minuten muss jeder auf seinem Platz sitzen, sonst wird man disqualifiziert.

Endlich Teil drei: Schreiben, zwei Texte in einer Stunde. Die Aufpasserin läuft mit einem Spitzer herum. Im Brief an einen Professor soll ich um eine Kopie des Abschlusszeugnisses bitten, darf mir den Grund selbst ausdenken und schildere einen dramatischen Diebstahl am Flughafen.

Außerdem soll ich schriftlich ein Verbot von Extremsportarten erörtern. Erwartet wird laut Übungsbuch ein Standardtext: einleitender Absatz, je ein Absatz pro und contra Verbot, Fazit. Ich schwafele etwas von Selbstverwirklichung und Rettungskräften in Gefahr und komme dann zu dem Schluss, dass es schon genug Verbote gibt. "On the one hand… On the other hand…" Als Narkotikum würde mein Text locker taugen.

Drei Stunden Leerlauf, drei Eisbecher und unzählige Tassen Kaffee später der Sprechtest. Mein Prüfer sieht so aus, wie man sich einen Englischlehrer Mitte 50 vorstellt. Kariertes, kurzärmeliges Hemd, braune Cordhose, aus England, das ist nicht zu überhören. Ob er das Gespräch aufzeichnen dürfe? Als hätte ich eine Wahl.

Wo ich herkomme, will er wissen. Ein Dorf nahe Frankfurt, soso. Wie viele Einwohner, wie sieht es aus? Ich rede, bis er mich unterbricht und ich einen zweiminütigen Monolog halten soll, über ein herausragendes Gebäude meiner Wahl. Warum ich es schön finde. Wann und wie oft ich hingehe. Mir fällt nur der Hamburger Michel ein, da war ich mit meiner Familie an Heiligabend. Egal.

Nun will der nette Herr über Architektur reden, ausgerechnet. Ob ich meine, dass Architektur von Kultur beeinflusst werde? Ich starre ihn an. Na klar, was denn sonst? Ich spreche über klimatische Unterschiede, schlage einen Bogen von mittelalterlichen Burgen bis zu afrikanischen Buschhütten. Ob ich dafür bin, dass das Berliner Stadtschloss wieder aufgebaut wird? Ich will nach Sydney, verdammt, das Schloss ist mir egal, möchte ich schreien. Stattdessen lächle ich.

13 Tage später kommt das Ergebnis: Gesamtnote 8,0. Jetzt glauben mir selbst die Australier, dass ich Englisch kann.

Foto: Jeannette Corbeau

Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) war von September bis März für SPIEGEL ONLINE in Sydney und hat dort zur deutschen Nachtzeit die Website aktualisiert.

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