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#ILookLikeASurgeon "Chirurgen dürfen keine Gefühle zeigen"

Männlich, weiß, unnahbar: So stellen sich viele einen Chirurgen vor. Ärztin Heather Logghe twittert gegen dieses Klischee. Mit Hunderten Kolleginnen will sie zeigen, dass in der Chirurgie Menschen arbeiten, keine OP-Maschinen.
Chirurgin Heather Logghe mit Tochter: "Wir sind keine Maschinen"

Chirurgin Heather Logghe mit Tochter: "Wir sind keine Maschinen"

Foto: Heather Logghe
Zur Person
Foto: Heather Logghe

Heather Logghe ist Ende dreißig und macht ihre Facharztausbildung zur Chirurgin in North Carolina. Derzeit nimmt sie sich ein Forschungsjahr. Sonst hätte sie nie die Zeit gehabt, #ILookLikeASurgeon zu starten, sagt sie.

KarriereSPIEGEL: Mrs. Logghe, Sie haben sich von der Twitter-Aktion "I Look Like An Engineer" inspirieren lassen und den Hashtag #ILookLikeASurgeon  gestartet, um zu zeigen, dass nicht alle Chirurgen dem Klischee entsprechen (einige Beispiele unten in diesem Text). Wie stellen sich denn die meisten einen Chirurgen vor?

Logghe: Männlich, weiß und unnahbar. Das Schlimme daran ist, dass das für die meisten Chirurgen auch zutrifft: Es gibt in unserem Beruf nur 15 Prozent Frauen, in den Führungsetagen sogar noch weniger. Und tatsächlich sind viele von ihnen im Umgang mit Patienten und Kollegen unterkühlt, weil sie es so gelernt haben. Wenn man es anders als sie machen will, hat man ein Problem.

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Logghe: Ich würde mir gern mehr Zeit für Patienten nehmen. Mit ihnen auch mal von Mensch zu Mensch reden, nicht nur Diagnosen stellen. Und nicht ständig den Eindruck erwecken müssen, ich sei eine Maschine.

KarriereSPIEGEL: Sie dürfen in Ihrem Job keine Emotionen zeigen?

Logghe: Das wird von uns erwartet. Die meisten Kollegen - Männer wie Frauen - passen sich diesem Bild an, weil alle es tun. Das war für mich frustrierend. Es fühlte sich an, als ob ich nicht in den Beruf passe. Die vielen #ILookLikeASurgeon-Fotos haben mir gezeigt, dass ich damit nicht allein bin. Es gibt Tausende Chirurgen, die dem Bild nicht entsprechen: Frauen, Schwarze, Menschen mit Behinderungen. Sie zeigen auf den Bildern, dass ihnen die Arbeit Spaß macht - und dass sie neben ihrem Job eine Familie und Hobbys haben.

KarriereSPIEGEL: Klingt nach ganz normalen Menschen.

Logghe: Genau! Wir sind keine Maschinen, denen zwei Tage Arbeit am Stück nichts ausmachen. Das erwarten viele Kollegen und Patienten aber von uns. Chirurgen dürfen keine Gefühle zeigen. Sonst werden sie ausgegrenzt.

KarriereSPIEGEL: Sie haben eine zweijährige Tochter und arbeiten 80 Stunden die Woche. Wie machen Sie das?

Logghe: Mein Mann passt viel auf unsere Tochter auf. Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft. Deshalb muss sich ja etwas ändern: Die hohe Arbeitsbelastung macht den Job für Frauen unattraktiv, die eine Familie gründen wollen. Die Stundenzahl ist in den vergangenen Jahren zwar gesunken, der Arbeitsaufwand ist aber nach wie vor der gleiche. Unter dem Strich bleibt für den einzelnen Patienten noch weniger Zeit.

KarriereSPIEGEL: Eine Kollegin twitterte, sie werde von Patienten immer für die Krankenschwester gehalten. Ist Ihnen das auch schon passiert?

Logghe: Ja, immer wieder. Ich nehme Patienten das nicht übel. Zum einen machen die Schwestern eine unglaublich wichtige und gute Arbeit. Zum anderen passiert das selbst mir: Wenn jemand von einem Dr. Smith erzählt, denke ich im ersten Moment an einen Mann. Das sind Stereotype, die wir so schnell nicht aus dem Kopf bekommen. Da gibt es Schlimmeres.

KarriereSPIEGEL: Und zwar?

Logghe: Frauen, die am Arbeitsplatz sexuell belästigt oder misshandelt werden. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich möchte Ärzte ermutigen, Kollegen zu helfen, denen so etwas passiert. Für sie aufzustehen und laut auszusprechen, dass so ein Verhalten inakzeptabel ist.

KarriereSPIEGEL: Angenommen, Ihre Tochter möchte später Chirurgin werden. Würden Sie ihr dazu raten?

Logghe: Ich hoffe, ja. Bis dahin ist ja noch Zeit.


Einige Beispiele aus der Twitter-Aktion #ILookLikeASurgeon:

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