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20. September 2017, 06:49 Uhr

Frag die Karriereberaterin

Wie wechsle ich in meinem Alter die Branche?

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Wer in seinem Job fit ist, muss doch auch für andere Branchen attraktiv sein, oder? Wer den Umstieg versucht, wird jedoch oft enttäuscht. Einige Indikatoren verraten schon vorab, wie die Chancen stehen.

"Ich arbeite seit 20 Jahren in der Bankbranche. Nun habe ich einen cholerischen Vorgesetzten bekommen und möchte das Unternehmen wechseln, aber aus familiären Gründen möchte ich nicht aus unserer Kleinstadt wegziehen. Leider gibt es dort keine anderen Banken mehr. Ich bin bereit, die Branche zu wechseln, und geringfügige Abstriche an das sechsstellige Jahresgehalt würde ich auch hinnehmen. Wie gelingt der Quereinstieg in eine andere Branche?" Theo, 41 Jahre

Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Der Fachkräftemangel scheint paradiesische Zustände zu verheißen. Was viele dabei nicht sehen: Branchen sind wenig kompatibel zueinander. Dynamik, Prozesse und Unternehmenskulturen unterscheiden sich oft erheblich. Mitarbeiter aus traditionellen Wirtschaftszweigen haben es bei einem Quereinstieg in junge Branchen schwer - erst recht, wenn sich die erworbenen Kenntnisse überwiegend auf die typischen Prozesse, Produkte und Kundenstrukturen der bisherigen Branche beziehen.

Mit ehemaligen Bankmitarbeitern habe ich in den letzten Jahren oft langwierige Neuorientierungsprozesse erlebt. Das Marketing in einer Bank ist eben überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Marketing bei einem Online-Autohändler. Und auch Vertriebsprozesse sind ganz andere: Der Kauf eines Autos ist doch etwas anderes als der Abschluss eines Bausparvertrags.

Hat Sie in den vergangenen Jahren jemand abwerben wollen?

Mir scheint, viele Branchen sind immer weniger kompatibel zueinander. Das erschwert den Wechsel selbst Mitarbeitern aus Dienstleistungsabteilungen, in denen das Produkt kaum eine Rolle spielt. Nur das Personalwesen bildet eine gewisse Ausnahme.

Möglicherweise wollen Sie, Theo, das nicht so gerne hören. Gerade gut bezahlte Manager, die wenig Bewerbungserfahrung haben, können sich kaum vorstellen, wie schwer ein Quereinstieg für jemand mit sehr viel Berufserfahrung sein kann. Sie überschätzen ihren Marktwert, auch weil sie der eigenen Führungserfahrung und ihren Kenntnissen zu viel Bedeutung beimessen.

Deshalb machen sie wenig Abstriche. Dabei ist es eigentlich schon ein sicherer Indikator für den Marktwert, wenn es in den letzten Jahren keine oder nur wenige Headhunteranfragen gegeben hat. Jedenfalls gilt das für alle mit gut gepflegtem Xing- oder Linkedin-Profil. Frauen erlebe ich übrigens als pragmatischer und offener für Positionen, die nicht auf dem vorherigen Niveau liegen, aber den Quereinstieg ermöglichen.

Pragmatismus ist wichtig: Zunächst empfehle ich, die eigenen Prioritäten klarzumachen, am besten anhand eines Quadrats, an dessen Ecken die Prioritäten stehen, zum Beispiel Stadt, Inhalt, Gehalt, Flexibilität. Fragen Sie sich, was das konkret heißt. Und stellen Sie sich dann die Frage: Auf welche Ecke würde ich zuerst verzichten, an welchen Ecken Abstriche machen - und wie groß dürfen diese sein?

Wägen Sie ab: Geld oder Liebe?

Kommt vielleicht auch noch der Umkreis der Stadt infrage? Wäre teils virtuelles Arbeiten eine Option? Auf was würde ich auf gar keinen Fall verzichten? Je mehr man sich damit beschäftigt, desto klarer werden die Vorstellungen. Bewerber sind dadurch automatisch gezwungen, abzuwägen: Gehalt oder Liebe? Flexibilität oder Führung?

Ein Quereinstieg ist umso schwerer, je mehr spezifische Berufserfahrung vorher gesammelt wurde. Ich unterscheide Fach- und Branchen-Quereinsteiger. Beides zusammen, Fach- und Branchenquereinstieg, ist fast nur möglich, wenn man neu anfängt. Wer einen fachlichen Quereinstieg sucht, dem empfehle ich, möglichst im eigenen Unternehmen zu beginnen. Branchen-Quereinsteiger müssen sich auf deutliche Abstriche einstellen, es sei denn, der Mehrwert ihrer Fachkenntnisse ist groß. Bei der Einschätzung hilft es zum Beispiel, sich Profile von Mitarbeitern in anderen Branchen in sozialen Netzwerken anzuschauen.

Unser immer noch gängiges Bild vom Zusammenhang zwischen Gehalt und Leistung müssen wir auch anpassen. Hochbezahlt sind heute jene mit speziellen und gefragten Kenntnissen. Arbeitsengagement oder die Dauer der Berufserfahrung spielen dabei kaum eine Rolle.

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