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Zeitungsmacher hinter Gittern: Eine Redaktion im Knast

Foto: Ole Spata/ dpa

Zeitungsmacher hinter Gittern Eine Redaktion im Knast

Im Internet sind die meisten Seiten für sie gesperrt, und Recherchen enden spätestens am Stacheldrahtzaun: Vier Redakteure machen eine Zeitung in Deutschlands größtem Männerknast. Sie wird auch von Frauen gelesen.

Für die Recherche bleibt ihnen nur das Telefon. Die Türen zur Straße sind verschlossen, die meisten Internetseiten gesperrt. Zehn bis zwölf Stunden arbeiten die vier Redakteure jeden Tag, dafür bekommen sie 14,55 Euro - nicht pro Stunde, sondern als Tageslohn. Das ist die reguläre Vergütung für Strafgefangene.

Chefredakteur Vito, 52, war früher Finanzbuchhalter, Timo ist studierter Kultur- und Sozialwissenschaftler, Ralf ist Zimmermann. Sie haben sich im Männergefängnis Berlin-Tegel kennengelernt. Hier sitzen sie ihre Strafen ab - und schreiben zusammen mit ihrem Mithäftling Mesut über den Knastalltag, philosophieren über die erste Zeit in Freiheit oder redigieren Gastbeiträge von Anwälten.

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Kreative Zelle: Knackis an der Nähmaschine

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"Der Lichtblick" ist Deutschlands größte Gefangenenzeitung. Sie erscheint viermal im Jahr, meist mit rund 60 Seiten in einer Auflage von 8000 Exemplaren. Von Gefangenen für Gefangene, das ist das Konzept. Das Blatt wird in Justizvollzugsanstalten kostenlos verteilt, über die deutschen Botschaften sogar in Gefängnissen in den USA und in Griechenland. Die meisten Leserbriefe kommen aus Bayern, "weil da der Strafvollzug so restriktiv ist", sagt Redakteur Ralf. Per Post wird die Zeitung auch an Leser außerhalb der Gefängnismauern verschickt, so erhält sie zum Beispiel jeder Landgerichtspräsident. Die Redaktion ist eine umgebaute Zelle in einem leerstehenden Trakt des Männergefängnisses. Die sogenannte Teilanstalt III wurde im 19. Jahrhundert gebaut und würde gut als Kulisse für alte Gefängnisfilme taugen: Lange, schmale Flure mit vielen Zellentüren, Metalltreppen. Die Redakteure sind die einzigen, die hier noch kampieren.

Sie sollen in größere und hellere Räume umziehen, doch das wollen sie nicht. Hier, im alten Trakt, haben sie ihre eigene Druckmaschine. In den neuen Räumen ist für sie kein Platz, das Heft soll in Zukunft in der anstaltseigenen Druckerei hergestellt werden. Damit würden sie ihre Eigenständigkeit verlieren, fürchten die Redakteure.

"Der Lichtblick" ist bundesweit die einzige unzensierte Gefangenenzeitung. Die Redaktionsräume sind presserechtlich geschützt. Die Zeitungsmacher-Häftlinge verwalten ihr Budget selbst und wählen die Themen aus. Einzige Einschränkung: Sie dürfen keine Straftaten propagieren und niemanden beleidigen. Aber Kritik üben, das ist erlaubt. Und zu kritisieren gebe es im Gefängnis viel, sagt Timo: zu wenige Sozialarbeiter, abgeschaffte Wohngruppen, zu viel Wegschluss in den Zellen, schlechte Stimmung, zu wenige Resozialisierungsangebote, Spannungen mit neuem Personal.

Suche nach der großen Liebe im Männerknast

Mit einem "Freiläuferausweis" können die Redakteure in dem großen Gefängniskomplex recherchieren und Tipps überprüfen. Informationen bekommen sie von Mithäftlingen, aber auch von Bediensteten. "Bevor wir etwas aufgreifen, checken wir, ob das Hand und Fuß hat", sagt Chefredakteur Vito. Als es einmal Beschwerden über verdorbenes Fleisch gab, wurde keine Geschichte daraus - es habe einfach nicht gestimmt.

Alle vier haben erst in der Justizvollzugsanstalt mit dem Schreiben angefangen, zunächst ohne Vergütung, als ehrenamtliche Mitarbeiter. Ob jemand in die Redaktion aufgenommen wird, entscheidet die Gefängnisleitung. Dass sie ohne Aufsicht arbeiten dürfen, sei eine große Verantwortung, finden die Männer.

"Wenn es hier ein Drogenversteck geben würde, wäre es der Gau. Wir wollen nicht, dass Mist gebaut wird", sagt Timo. Es gehe ihnen nicht um Krawall, sondern um einen Dialog mit der Gefängnisleitung: "Wir geben den Gefangenen eine Stimme. Und wir öffnen die geschlossene Welt nach draußen." Manchen Mithäftlingen geht das allerdings nicht weit genug: Sie maulen, die Zeitung sei zu unkritisch.

Ein großes Problem für sie sei, dass es keinen freien Internetzugang gebe, sagt Timo. Nur einige Seiten sind für sie freigeschaltet, auch E-Mails dürfen sie nur an bestimmte Adressen versenden. Papiere wie Gesetzesentwürfe können sie nur über Angehörige, Abgeordnete oder Anwälte bekommen. Warum lässt man sie nicht einfach im Internet surfen? Es gebe noch keine überzeugende Lösung, um etwa den Besuch von Pornoseiten komplett auszuschließen, erklärt Lisa Jani von der Berliner Justizverwaltung.

30.000 Euro beträgt der Jahresetat der Zeitung, inklusive Portokosten zum Verschicken des Heftes. Der größere Teil wird über Spenden aufgebracht: Anwälte oder Verwandte überweisen Geld, manchmal auch andere Häftlinge. Und es werden Anzeigen verkauft, vor allem die Rubrik "Bekanntschaften" ist beliebt. Unter der Überschrift "Sie sucht ihn" suchen Frauen nach der großen Liebe im Männerknast.

Jutta Schütz/dpa/vet
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