In Kooperation mit

Job & Karriere

Fotostrecke

Indischer Professor auf Geniesuche: Not macht erfinderisch

Foto: Rafiq Maqbool/ AP

Erfindersuche in Indien Billig, genial, völlig unbekannt

Keine Waschmaschine läuft ohne Strom? Doch, wenn man ein Moped anschließt. Solche Erfindungen sammelt der indische Wirtschaftsprofessor auf Reisen durch die Provinz. Ein tönerner Kühlschrank, eine Flaschenzugbremse und eine Windelmaschine haben es schon auf den Markt geschafft.

Ein kleines Dorf irgendwo im Flachland von Zentralindien. Keine Wasserleitung, kein Strom, keine Straße, die nächste Stadt Hunderte Kilometer entfernt. Gäbe es hier ein Thermometer, würde es über 40 Grad Celsius anzeigen. Für Anil Gupta, 59, ein idealer Ort, um nach Erfindungen zu suchen.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten streift der Wirtschaftsprofessor durch das ländliche Indien, um unbekannte Geniestreiche aufzustöbern. Rund 25.000 Erfindungen hat er zusammen mit seinen Helfern schon gesammelt. Eine Waschmaschine auf einem Moped, die von dessen Motor angetrieben wird. Eine Weste, die mit Kräutern gefüllt ist und so Pistolenkugeln abfängt. Die auf einem Fahrrad montierte Pflanzenspritze.

Gupta ist davon überzeugt, dass die besten Ideen im Kampf gegen Armut und Not von den Betroffenen selbst kommen, nicht aus den Labors von Unternehmen. Er hat alle Erfindungen in einer Datenbank dokumentiert. Investoren können dort nach Ideen suchen, die Profite gehen an die Erfinder.

Selbst nachbauen darf die Ideen jeder umsonst

Viele Ideen trägt er mit dem Einverständnis der Urheber auch einfach von Dorf zu Dorf. Wie etwa den Flaschenzug mit automatischer Bremse von Amrit Agrawat. Der hatte vor 20 Jahren beobachtet, wie Frauen ihre schweren Wassereimer immer wieder in den Brunnen plumpsten, wenn sie kurz verschnaufen wollten. Die Flaschenzugbremse hilft und kostet nur fünf Euro, gut 5000 hat Agrawat schon verkauft. Nachgebaut werden darf umsonst.

Fotostrecke

Indische Callcenter: Butler, Designer und Lehrer erzählen von ihrer Arbeit

Foto: Katharina Finke

Dass Not tatsächlich erfinderisch machen kann, hat Anil Gupta oft beobachtet: "Jedes Mal, wenn wir irgendwohin kommen, finden wir eine Lösung, die wir uns vorher nicht vorstellen konnten." Eine besonders ertragreiche Sorte Paprika; ein Sitz, auf dem Kokosnuss-Pflücker hoch in den Palmen Pause machen können; ein hohler Speer, mit dem ein Loch ins Feld gestochen und dann der Samen platziert wird. Oder die Reiswaschmaschine - die entwickelte ein 13-Jähriger, als er sah, wie seine Mutter Steinchen aus den Reissäcken klaubte.

Geld für sein Projekt und das von ihm gegründete Netzwerk Honeybee  erhält Gupta von der indischen Regierung und von Hilfsorganisationen. Er hat einen der höchsten indischen Orden erhalten, arbeitet mit dem Präsidenten zusammen, referiert regelmäßig bei Wirtschaftskonferenzen. Vor kurzem fädelte er eine Kooperation mit einer der größten indischen Einzelhandelsketten ein, um erfolgversprechende Erfindungen auf den Massenmarkt zu bringen, etwa eine Zahnbürste mit eingebauter Zahnpasta. Die Profite sollen an gute Zwecke gehen.

Linsensuppe soll Touristen abschrecken

Auf seinen Expeditionen wird Gupta häufig von Dutzenden Anhängern begleitet. Shodh Yatras heißen seine Wanderungen, die in strengen Wintern wie heißen Sommern durch das ländliche Indien führen. 20 Kilometer täglich wandert die Gruppe, geschlafen wird auf Schulhöfen, zum Essen gibt es dünne Linsensuppe. So will Gupta bäuerliches Leben an die Teilnehmer vermitteln - und zugleich Touristen abschrecken.

Akash Badave, 23, ist schon zum zweiten Mal dabei. Er sieht die Tour als Vorbereitung auf seinen Job in einer Provinzverwaltung. Viele der Teilnehmer sind junge Städter, auf der Suche nach sich selbst, neugierig auf das ihnen unbekannte Landleben.

Ihre Ankunft im kleinen Dorf Dhaboti gleicht einem Zirkus-Einzug. Gupta verteilt bunte Magazine und Tipps; etwa wie man aus heimischen Pflanzen Mittel zur Schädlingsbekämpfung gewinnen oder krankes Vieh mit Gewürzmischungen kurieren kann. Im Gegenzug zeigt ihm ein 80-Jähriger Zweige, die gegen Fieber helfen sollen. Ein anderer Mann erklärt, welche Kräuter gegen Gelbsucht wirken.

Billiger, besser, nachhaltiger

Kanhiaya Lal freut sich über die kleine Delegation der Erfindersucher besonders. Er stellt aus Ästen ein Gegenmittel für Schlangenbisse her. "Wenn ich sterbe, würde sonst auch das Geheimnis sterben, wie man Menschen heilt", sagt er. Guptas Assistenten schreiben alles auf. In einer schlichten Zeremonie überreicht Gupta dann jedem Erfinder eine Urkunde und legt ihm einen Schal um.

Besonders beeindruckt war Gupta von der Idee, die Reifen von Traktoren mit Wasser zu füllen. Die Maschinen waren zu leicht, um die verdichteten Ackerböden zu pflügen. Statt teure Gewichte zu kaufen und die Traktoren so zu beschweren, erfand ein Mann die Wassermethode. Billiger, besser, nachhaltiger - das ist ganz nach Guptas Geschmack.

Die vielleicht erfolgreichste Erfindung, die Gupta entdeckte, war ein tönerner Kühlschrank, der durch Verdunsten kühlt. Erfinder Mansukhbai Prijati stellt das Gerät mittlerweile in einer Firma mit 30 Mitarbeitern in Serie her. Ein ähnlicher Verkaufsschlager ist eine Maschine, die Windeln aus Holzfasern herstellt.

29 Entdeckungsreisen hat Gupta bis jetzt unternommen. Er träumt davon, dass seine Ideen die Grenzen Indiens hinter sich lassen und in die ganze Welt getragen werden.

Ravi Nessman/AP/vet
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.