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Frauen in der IT: Mädels, gebt nicht so schnell auf

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Frauen in der IT "Du musst besser sein als ein Mann"

Für viele Frauen scheitert die Karriere in der IT nicht am Studium. Der eigentliche Kampf beginnt für sie erst nach dem Abschluss. Drei Programmiererinnen berichten.

Michaela Keller (Name geändert) könnte sich die Jobs in der IT aussuchen. Ihr Informatikstudium hat sie mit der Note "sehr gut" abgeschlossen, bei einem Bonner IT-Unternehmen Programmcodes geschrieben und eine Datenbank mit rund 8000 Datensätzen zu Implantaten verwaltet. Doch Keller, 35, arbeitet nicht mehr als Informatikerin. Sie näht jetzt kleine Monster oder Taschen und entwirft Nähsets zum Selbermachen.

Der Studentinnen-Anteil in der Informatik erreichte 2013 mit 22,5 Prozent ein Allzeithoch, der Branchenverband Bitkom jubelte schon: "Die Initiativen, mehr Mädchen und junge Frauen für die Informatik zu begeistern, tragen offensichtlich Früchte." Aktuell kommen auf eine Informatikerin sechs männliche IT-Spezialisten, der Frauenanteil in Unternehmen der Informationstechnologie und Telekommunikation beträgt nur 14 Prozent. Keller taucht in der Statistik jetzt nicht mehr auf. Warum?

Sie findet für ihren Wechsel diplomatische Worte: "Ich habe eine gute Stelle gegen eine noch bessere getauscht." Auch als Informatikerin hat sie Teilzeit gearbeitet, um die Arbeitzeiten ging es also nicht. Ums Geld auch nicht. Sie habe sich wohlgefühlt, sagt sie, aber ihre Erfahrungen in der Informatik waren nicht immer positiv. "Die IT ist ein sehr männerdominierter Bereich. Man muss sich als Frau sehr durchsetzen und muss besser sein als ein Mann, um gehört zu werden. Das kann sehr anstrengend sein."

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Informatikerinnen: Hardware und Lippenstift

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Der Branchenverband Bitkom ließ unlängst durch seinen Präsidenten Dieter Kempf mitteilen: "Die Berufsaussichten in der schnell wachsenden IT-Branche sind nicht zuletzt wegen des Fachkräftemangels hervorragend." Klingt prima, doch die Arbeitsrealität in den IT-Abteilungen ist für viele Frauen oft wenig attraktiv.

Mehr als zehn Jahre lang arbeitete Anja Schneider (Name geändert) als Abteilungsleiterin. Sie hatte Informatik studiert, in unterschiedlichen IT-Unternehmen gearbeitet. Doch weltweite Reisen, enormer Druck und das negative Betriebsklima verleideten der Mittvierzigerin ihre Arbeit: "Wer bei uns auf Teilzeit ging, bekam weniger Geld, musste aber weiterhin genauso viel arbeiten wie zuvor, manchmal noch mehr."

Generell waren Teilzeitarbeiter im Unternehmen nicht gerne gesehen: "Als ich die Idee testhalber für eine Kollegin äußerte, schaute mich mein Vorgesetzter mit großen Augen an und sagte: Ist die krank?" Heute ist die ehemalige Informatikerin im künstlerischen Bereich tätig. Den Schritt in die IT würde sie heute nicht mehr wiederholen: "Die Grabenkämpfe und die Arbeitsbedingungen sind wirklich nicht gut." Wenn sie an ihre Zeit im Großkonzern denkt, kommen ihr noch heute die Tränen: "Es war die Hölle."

"Frauen sind doof, die brauchen einen Extrakurs"

Nur ein Einzelbeispiel, das nicht das Gesamtbild zeigt? Astrid Wonner, 40, hat den Schritt in die Männerdomäne IT nicht bereut. Nach dem Studium der medizinischen Informatik in Dortmund arbeitete sie zunächst in einem Bonner Unternehmen für Medizintechnik. Heute leitet sie für das Kölner IT-Unternehmen Seneos den Standort Lippstadt, ist Teamleiterin, Systemingenieurin und Programmiererin und betreut unter anderem die Systemtests für Auto-Steuergeräte. "Es gibt viele Tage, an denen ich hier elf Stunden sitze, doch an anderen Tagen kann ich nach fünf Stunden nach Hause gehen", erzählt sie. "Die Gleitzeit hilft mir sehr."

Den Grund, weshalb die Frauenquote in der Informatik nur zögerlich ansteigt, sieht Wonner in der Erziehung: "Mädchen werden immer noch zu zögerlich an technische Dinge herangeführt." Sie selbst habe im Studium "etwas sehr abschreckendes erlebt": "Für uns Frauen gab es spezielle Einführungskurse in Mathematik und Technik. Das machte auf mich den Eindruck: Frauen sind doof, die brauchen einen Extrakurs."

Von reinen IT-Frauenstudiengängen hält sie deshalb nichts: "Die Idee ist schlecht und kontraproduktiv. Im Berufsleben muss man mit Männern zusammenarbeiten und damit klar kommen." Auch Michael Keller und Anja Schneider halten davon nichts. "Ich glaube nicht, dass sich dadurch etwas ändert", sagt Schneider. "Die IT-Branche und das Arbeitsumfeld müssen für Frauen attraktiv sein, dann arbeiten dort auch mehr Frauen", so Keller. Von Schwierigkeiten im Studium dürfe man sich nicht aufhalten lassen. Dem Nachwuchs rät sie aber dennoch: "Falls du merkst, dass du den falschen Weg eingeschlagen hast, suche zügig eine Alternative. Die gibt es immer."

Der Nachwuchs solle "die Flinte nicht zu schnell ins Korn zu werfen", meint dagegen Wonner: "Es gibt genug Männer, die Frauen Steine in den Weg legen und ihnen einreden, dass sie für diesen Beruf nicht geschaffen sind und lieber an den Herd sollten."

Foto: Matthias Lauerer

Matthias Lauerer (Jahrgang 1975) ist freier Journalist. Er hat nach dem Volontariat bei der "Neuen Westfälischen" unter anderem für "Stern" und stern.de gearbeitet.