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Ingenieur-Studiengänge Hochschulen verpassen den digitalen Anschluss

Nur jeder zehnte Ingenieurstudent fühlt sich gut vorbereitet auf die digitale Arbeitswelt. Auch Berufseinsteiger beklagen zu wenig digitale Inhalte im Studium - doch die Hochschulen warnen vor Aktionismus.
Von Britta Mersch

Machen die Hochschulen die Studierenden fit für die Berufe der Zukunft? Bekommen angehende Ingenieure das Wissen mit auf den Weg, das sie für die digitale Arbeitswelt brauchen? Eher nicht, finden Studenten der Ingenieurwissenschaften: Nur elf Prozent sind mit der Vorbereitung auf die digitale Arbeitswelt völlig zufrieden.

Die Zahl stammt aus einer Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Die Studie belegt eine große Skepsis gegenüber den Studieninhalten: Mehr als die Hälfte der angehenden Ingenieurwissenschaftler hat demnach den Eindruck, dass die Hochschulen nicht das nötige Handwerkszeug vermitteln.

Auch die Berufseinsteiger mit ersten Erfahrungen im Job finden, dass es an den Hochschulen Nachholbedarf gibt, wenn es um digitales Wissen geht:

  • Nur neun Prozent der ingenieurwissenschaftlichen Berufseinsteiger sind der Meinung, dass sie von den Hochschulen adäquat auf die Realität der Arbeitswelt vorbereitet wurden.
  • 61 Prozent der Berufsstarter fühlen sich durch ihr Studium "eher nicht" bis "gar nicht" vorbereitet.
  • Studierende an Fachhochschulen beurteilten die digitale Entwicklung ihrer Hochschule etwas positiver als ihre Kommilitonen an Universitäten.

Hier finden Sie die Studie als PDF-Datei .

Befragt wurden aber nicht nur Studierende und Berufseinsteiger, sondern auch Vizepräsidenten, Prorektoren und Studiengangskoordinatoren von Universitäten und Fachhochschulen. Zwar geben etwa zwei Drittel der befragten Hochschulvertreter an, dass das Thema digitale Transformation als strategisches Ziel Einzug in Grundsatzpapiere der jeweiligen Hochschule gefunden habe.

Doch nur 14 Prozent der Hochschullehrer stimmen voll zu, dass ihre Kollegen der digitalen Transformation ihres Studiengangs sehr positiv gegenüberstehen. Und gerade einmal zehn Prozent meinten, dass ihre Kollegen bereit seien, die Lehrveranstaltungen dem digitalen Wandel anzupassen.

Details zur Erhebung

Aus Sicht des VDI sind die Ergebnisse unbefriedigend: "Digitale Lehrinhalte kommen in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen zu wenig vor", sagt VDI-Direktor Ralph Appel. Die Hochschulen konzentrierten sich in den Studiengängen zu sehr auf die Vermittlung von Fachwissen.

Kompetenzwissen für die digitale Arbeitswelt, das zum Beispiel in Projekten erarbeitet wird, bleibe dagegen auf der Strecke. Die Lösung liegt für Ralph Appel in einem stärker fallorientierten Studium: "Wir müssen weg von der Wissensvermittlung hin zu einer Kompetenzvermittlung."

Da sich die Arbeitswelt rasant verändere, müsse den Studierenden vor allem beigebracht werden, wie sie sich neue Themen erschließen können. "Wir brauchen Studiengänge mit interdisziplinärem Charakter", sagt Ralph Appel. Als positives Beispiel nennt er die Code-University of Applied Sciences in Berlin. Sie mache angehende Softwareentwickler, Interaction Designer oder Produktmanager fit für einen Job im digitalen Zeitalter. Die Umsetzung von Projekten steht im Zentrum des Studiums.

Ergebnisse "alarmierend", aber mit beschränkter Aussagekraft

Klaus Kreulich ist Vizepräsident an der Hochschule München und dort verantwortlich für die Lehre. Er hat an der Untersuchung beratend mitgewirkt. "Die Studie fragt danach, ob sich die Studierenden gut vorbereitet fühlen", sagt Klaus Kreulich. "Dass nur elf Prozent dieser Aussage zustimmen, ist alarmierend, sagt noch nichts darüber aus, wie gut sie tatsächlich vorbereitet werden."

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Foto: Danial RiCaRoS/ Unsplash

Natürlich müssten sich die Lehrenden an Hochschulen die Frage stellen, ob die Inhalte in den Studiengängen zeitgemäß sind: "Die Studierenden sollten Szenarien kennenlernen, die ihnen später in der Arbeitswelt begegnen." Als Beispiel nennt er Fahrdienste, die über Algorithmen funktionieren und Menschen in den Zentralen überflüssig machen. "Solche disruptiven Geschäftsmodelle verändern ganze Branchen. Hochschulabsolventen sollten sich mit den Funktionsweisen und Auswirkungen beschäftigt haben."

Trotzdem warnt Kreulich davor, ganze Curricula zugunsten der Digitalisierung über Bord zu werfen. Stattdessen könnte das Studium durch Kontakte zur Wirtschaft ergänzt werden. Möglich macht das zum Beispiel das Praxissemester, das für alle Bachelorstudenten an Fachhochschulen in Bayern verpflichtend ist: "Von solchen Praxiskontakten können Studierende enorm profitieren."

Neben der Vermittlung von neuen Themen erwarte die Industrie aber auch, dass die Studierenden ihr Fach in allen Facetten kennenlernen, sagt Klaus Kreulich: "Und dieser gut begründete Anspruch erlaubt es uns nicht, bewährte Studieninhalte sofort durch aktuelle Erfordernisse zu ersetzen."

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Foto: Stephanie Pilick/ picture alliance / dpa

Ohne theoretische Teile geht es also nicht. Das ganze Studium so umbauen, dass es ausschließlich in Projekten stattfindet? Das sei aktuell keine gute Idee, sagt Klaus Kreulich: "Sollten Studien zeigen, dass das durchgängige projektorientierte Studium zu besseren Ergebnissen führt, müssen wir natürlich nachsteuern." Bis dahin würde er an einem Mix aus theoretischen Fachinhalten und realen Projektaufgaben aus Wirtschaft und Industrie festhalten.