Ingenieurmangel Mit Karacho in den Schweinezyklus

DPA

Von Peter Ilg und

2. Teil: Dann multiplizieren wir mal - wie der Daueralarm mit Studieninteressenten spielt und die Gehälter drückt


Was VDI und IW machen: Sie multiplizieren die Angaben der Bundesagentur mit dem Faktor 7,14 - weil es viel mehr unbesetzte Stellen gebe, als die Behörden wissen. Denn je höher die Qualifikation, desto seltener laufen Bewerbungsverfahren über die Arbeitsagenturen.

Doch ist 7,14 ein realistischer Faktor? Darüber streitet die Fachwelt. Brenke hält ihn für viel zu hoch, VDI-Mitarbeiter Lars Funk für "wissenschaftlich sauber ermittelt. Dazu befragen wir regelmäßig die Unternehmen nach der tatsächlichen Zahl ihrer Ausschreibungen und der Meldungen bei der BA".

Die Unternehmen haben also die Größe der Ingenieurslücke zu einem gewissen Grad selbst in der Hand - schon geringe Abweichungen des Faktors verändern die Zahl unterm Strich gewaltig.

Realistischer wäre laut Brenke die Gegenüberstellung von Angebot und tatsächlicher Nachfrage: Wie viele Ingenieure werden aufgrund von Ersatzbedarf gebraucht, wie viele für eine Expansion? Wie viele Ingenieure sind arbeitslos, wie viele verlassen die Unis? "Nach unserer Berechnung werden in Boomzeiten jährlich 40.000 Ingenieure gebraucht." Was allein schon die Hochschulen hergeben, die rund 20.000 arbeitslos gemeldeten Ingenieure nicht mal eingerechnet.

Wie Brenke hält auch Michael Schanz vom Elektroingenieur-Verband VDE die Schreckenszahlen für völlig übertrieben. Anstelle einer Momentaufnahme legt er lieber den Saldo eines ganzen Jahres zugrunde. Ergebnis: Für 2011 sieht Schanz einen Mehrbedarf von 5000 bis 7000 Elektrotechnik-Ingenieuren. Eine Lücke, gewiss. Aber keine dramatische. Solche Engpässe sind normal im Aufschwung.

Riskantes Spiel mit Absolventen

Die Schätzung entspricht anderen Beobachtungen von Schanz: "Unternehmen stellen immer noch ausschließlich Kandidaten ein, die wirklich passen. Absolventen und auch Berufserfahrene können nicht davon ausgehen, jeden Job zu bekommen, den sie wollen."

Mit Horrorzahlen wie vom VDI gerät nicht nur die Politik unter Handlungsdruck. Kritiker Brenke vom DIW warnt zudem, schon in wenigen Jahren könne es einen Überschuss an Ingenieuren geben. So sei derzeit im Maschinen- oder Fahrzeugbau die Studentenzahl etwa gleich hoch wie die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Und je eher dem Aufschwung die Puste ausgeht, desto früher könnten viel mehr Ingenieure arbeitslos sein - auch junge.

Experten wie Martin Dietz vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) halten das sogar in Bereichen für denkbar, die derzeit als sichere Bank gelten. Etwa das Fach Elektrotechnik, für das sich viele junge Leute entscheiden, verleitet vom Boom der Elektromobilität und Energietechnik. Nicht auszuschließen, dass der Boom bereits verraucht ist, wenn sie fertig sind. Dann stehen die Absolventen ohne Job da.

Wozu das riskante Spiel mit den Absolventen? VDI-Mann Funk weist den Alarmismus-Vorwurf weit von sich - weil in den nächsten zehn Jahren 450.000 Ingenieure in den Ruhestand gingen und der technische Fortschritt selbst dann einen Personalzuwachs erfordern würde, wenn es gar kein Wachstum gäbe. Also nicht der "berüchtigte Schweinezyklus, sondern ein handfestes strukturelles Problem", so Funk.

"Die haben Angst, dass die Gehälter steigen"

Kritiker werfen dem VDI vor, zentrale Entwicklungen außer acht zu lassen: den Produktivitätsfortschritt, die neuerdings erleichterte Fachkräftezuwanderung, einen steigenden Anteil von Erwerbstätigen, etwa wenn sich Familie und Beruf leichter vereinbaren lassen und ältere Mitarbeiter tatsächlich bis zur Rente arbeiten - all das senke den Bedarf an Nachwuchsingenieuren.

"Viele Verbände machen Lobbyarbeit für ihre Mitgliedsunternehmen, die haben Angst davor, dass die Gehälter steigen. Das können die Firmen vermeiden, indem das Angebot an Ingenieuren groß genug ist", sagt Heinz-Josef Bontrup, Professor für Betriebswirtschaft an der FH Gelsenkirchen. Er nennt den Daueralarm der Verbände "völlig verantwortungslos".

Vielleicht verraten die Einkommen etwas: Laut Personalberatung Kienbaum bekommen Ingenieure heute 2,9 Prozent mehr als 2010 - das Ergebnis eines Boomjahrs. Klingt kaum nach Personalern, die einander bei der Anwerbung wertvoller Absolventen übertrumpfen. Das war auch Karl Brenkes schlagkräftigstes Argument: Wenn Ingenieure so knapp sind, warum steigen dann nicht ihre Gehälter viel stärker?

Bei seinem Chef Klaus Zimmermann kam das gar nicht gut an. Der damalige Institutspräsident hatte immer vor dem Fachkräftemangel gewarnt. Erst nach einigem Gezerre durfte Brenkes Studie mit Verspätung erscheinen. Nun enthält sie ein paar abschwächende Hinweise. Doch in der Sache wurde nichts geändert.

Mitarbeit: Eva-Maria Simon

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Tall Sucker, 06.09.2011
1. Nichts neues
Zitat von sysopHilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände und Arbeitgeber, auch der Wirtschaftsminister: Sie alle dramatisieren den Technikermangel. Der Daueralarm zeigt Wirkung. Die Unis füllen sich - mit Ingenieur-Studenten, die in eine Falle laufen und später nicht alle gebraucht werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,784325,00.html
Der Bericht enthält nichts neues. Schon vor einem Jahr warnte die FTD, dass ein Studienanfänger der Ingenieurswissenschaft "ebensogut Sozialpädagogik" studieren könne.
JohnBlank, 06.09.2011
2. Viele Ingenieure sind arbeitslos
Das passt nicht zusammen. Es gibt tausende arbeitslose Ingenieure in Deutschland. Es kann keinen Mangel geben. Sicher, der eine oder andere ist älter, und alte Menschen sind nicht auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Warum auch immer?! Wer günstige Arbeitskräfte will, der wird von einem Mangel erzählen, Kräfte aus dem Ausland holen wollen, und so Preise drücken.
Narn 06.09.2011
3. Der VDI lügt
So einfach ist das. Fachkräftemangel, so ein Quatsch. Es gibt nur Gier. Eine Gier nach **billigen** Fachkräften. Gäbe es einen Mangel würden ja, wie im Artikel auch steht, die Gehälter steigen und nicht seit Jahren vor sich hindümpeln (und das betrifft ja nun nicht nur Ings). Schweinezyklusgefahr seh ich aber trotzdem nicht. Wenn in normalen Jahren 50% der Ing-Studenten aufgeben, dann werden es jetzt protzentual mehr werden, weil ncoh viel mehr Studienanfänger den Anforderungen nicht gewachsen sind und nur auf Ing studieren weil halt grad das Geschrei groß ist.
Resident.Rhodan, 06.09.2011
4. Sorry, aber
Zitat von sysopHilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände und Arbeitgeber, auch der Wirtschaftsminister: Sie alle dramatisieren den Technikermangel. Der Daueralarm zeigt Wirkung. Die Unis füllen sich - mit Ingenieur-Studenten, die in eine Falle laufen und später nicht alle gebraucht werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,784325,00.html
dafür gibt's das Ausland. Wer will auch freiwillig hier bleiben...
derosa, 06.09.2011
5. 20 000 Euro weniger wollten
Zitat von sysopHilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände und Arbeitgeber, auch der Wirtschaftsminister: Sie alle dramatisieren den Technikermangel. Der Daueralarm zeigt Wirkung. Die Unis füllen sich - mit Ingenieur-Studenten, die in eine Falle laufen und später nicht alle gebraucht werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,784325,00.html
sie bezahlen im Vergleich zu meinem vorherigen Arbeitgeber. Die Personaltante ist fast vom Stuhl gefallen und hat noch Luft geschnappt, als ich mein bisheriges Gehalt nannte. Laßt es, mit dem Ingenieurdasein, es ist hartes Brot, viel Verantwortung, wenig Gehalt. Werdet Banker, der Staat hält euch stets über Wasser und zahlt prächtig, weil Systemrelevant.
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