In Kooperation mit

Job & Karriere

Interimsmanager "Mir sagt niemand, was ich zu tun habe"

Lückenbüßer, Sanierer, Chef: Falk Janotta kommt in Unternehmen, um wieder zu gehen. Als Interimsmanager wechselt er ständig seine Arbeitgeber. Oft fürchten Mitarbeiter ihn.
Von Peter Ilg
Chefs auf Zeit: Interimsmanager gelten als Schatten ihrer Auftraggeber

Chefs auf Zeit: Interimsmanager gelten als Schatten ihrer Auftraggeber

Foto: Ole Spata/ picture alliance / dpa
Zur Person
Foto: Annette Hempfling

Falk Janotta (Jahrgang 1957) war Offizier auf Zeit bei der Marine. Nach der Bundeswehr studierte er Informatik, arbeitete anschließend als IT-Bereichsleiter bei O2. Vor zwölf Jahren machte er sich als Interimsmanager selbstständig. Aktuell hat er ein Mandat bei einem Großhändler, leitet mehrere IT-Projekte.

KarriereSPIEGEL: Herr Janotta, Unternehmen holen kurzfristig Interimsmanager, wenn es Probleme gibt, die sie aus eigener Kraft nicht lösen können. Sind Sie immer willkommen?

Janotta: Das hängt davon ab, wie ich den Mitarbeitern von der Geschäftsleitung angekündigt wurde. Manche Unternehmen informieren umfassend und offen über meine Aufgabe. In anderen erwarten mich am ersten Tag fragende Augen und eine ablehnende Haltung.

KarriereSPIEGEL: Sie kommen als Manager auf Zeit. Welche Aufgaben erwarten Sie?

Janotta: Die Leitung einer IT-Abteilung, bis die Stelle neu besetzt werden kann, oder die Leitung eines IT-Projekts. Seit einem Jahr bin ich Projektleiter in einem Großhandelsunternehmen. Dort werden Teile des bestehenden Warenwirtschaftssystems auf SAP umgestellt.

KarriereSPIEGEL: Wenn jemand wie Sie kommt, haben die Mitarbeiter Angst vor Umbau und Sparmaßnahmen.

Janotta: So ist es. Offene Gegenwehr habe ich noch nie erlebt, aber zurückhaltende Skepsis ist weit verbreitet. Oft wird mir dann gesagt: "Das, was Sie hier vorhaben, das haben wir schon drei-, viermal erlebt, und alle Ihre Vorgänger sind gescheitert. Wir wissen nicht, was Sie besser machen könnten."

KarriereSPIEGEL: Guter Einwand. Sie kennen die Firmen Ihrer Kunden kaum - woher nehmen Sie das Recht, dort zu sagen, wo es langgeht?

Janotta: Ich habe einen großen Erfahrungsschatz aus vielen Unternehmen und Branchen. Im Laufe von 35 Jahren habe ich meine Werkzeugkiste gefüllt. Klar ist aber auch: Wenn ich ankomme, kenne ich das Unternehmen nicht besser als die Mitarbeiter. Deshalb spreche ich immer zuerst mit ihnen, im Idealfall einzeln oder in kleinen Gruppen. So mache ich mir ein Bild von der Situation in den Abteilungen: Wo gibt es Probleme? Wer ist Meinungsführer?

KarriereSPIEGEL: Wie schaffen Sie es, Leute für Ihre Ideen und Ihre Arbeit zu gewinnen?

Janotta: Einmal wurde ich als IT-Direktor eines deutschen Unternehmens in dessen englische Niederlassung geholt. Mein Vorgänger war vorher Offizier der südafrikanischen Armee gewesen - und genau so hat er seine Abteilung geführt, mit Befehl und Gehorsam, ohne jede Diskussion.

KarriereSPIEGEL: Sie waren früher auch Offizier.

Janotta: Aber ich habe keinen militärischen Führungsstil. Ich war auch nie in der Truppe, sondern Systemprogrammierer. So kam ich zur IT, ich hatte dort mit militärischen Führungsaufgaben nichts zu tun. Mein Vorgänger in England aber sehr wohl. Als Reaktion auf seinen militärischen Stil zog sich praktisch die ganze Belegschaft in eine Art Wagenburg zurück. Sie hielt zusammen, wie ich das noch nie erlebt hatte.

Manager-Quiz

KarriereSPIEGEL: Wie sind Sie damit umgegangen?

Janotta: Am Ende der wöchentlichen Meetings habe ich jeweils einen aus der Gruppe gebeten, in der kommenden Sitzung eine zehnminütige Präsentation zu halten über Fragen, die aus dem Leben gegriffen waren. Zum Beispiel: Was ist besser, heiraten oder ohne Trauschein leben?

KarriereSPIEGEL: Für ein IT-Meeting ein ziemlich überraschendes Thema. Wie haben die Leute reagiert?

Janotta: Fast alle sagten: So eine Präsentation kann ich nicht. Aber letztlich kamen kreative Vorträge voller Engagement dabei heraus. Das war phänomenal, nun sagten die Leute über sich: Hey, ich kann was! Und sie spürten, dass sie nicht kleingehalten werden.

KarriereSPIEGEL: In einem Meeting allgemeine Lebensfragen zu diskutieren, scheint ziemlich abwegig. Sagt da niemand: Was für eine Zeitverschwendung?

Janotta: Das hat keiner getan. Ich vermute, weil sie das gute Gefühl hatten, dass ihre Meinung gefragt ist. Die durften sie vorher gar nicht haben.

KarriereSPIEGEL: Woran merkten Sie das?

Janotta: Auf all meine projektbezogenen Fragen gaben sie mir anfangs kaum Antworten. Das änderte sich dann. Durch die Übungen habe ich ihr Vertrauen gewonnen und gezeigt, dass ich auf ihr Wissen angewiesen bin.

KarriereSPIEGEL: Als Interimsmanager haben Sie keine Weisungsbefugnis, sind nicht der Vorgesetzter der Mitarbeiter. Wie führen Sie da?

Janotta: Ich stimme mit meinem Auftraggeber eng ab, was ich vorhabe. Mit dessen Unterstützung - und notfalls einem Machtwort - funktioniert das ganz gut. Disziplinarisch habe ich keinerlei Befugnisse, das stimmt. Aber auch mir hat mein Auftraggeber nicht zu sagen, wie ich was zu tun habe. Das ist meine eigene Entscheidung als Selbstständiger.

KarriereSPIEGEL: Und können Sie in dieser Position überhaupt effizient führen?

Janotta: Meist besser als festangestellte Manager. Die sind eingebunden in die Machtstrukturen und Seilschaften des Unternehmens. Außerdem haben fast alle Manager eine eigene Agenda: Sie wollen Karriere machen. Das ist nicht verwerflich, kann aber dazu führen, dass Entscheidungen nicht objektiv fallen. Interimsmanager dagegen haben weder Vergangenheit noch Zukunft im Unternehmen. Wir kommen, um zu gehen.

Das Interview führte Peter Ilg. Der KarriereSPIEGEL-Autor arbeitet als freier Journalist in Aalen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.