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Junge Infomatiker: Nerd-Faktor als Pluspunkt

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Wettstreit um IT-Experten Durchstarten mit dem Nerd-Faktor

Staat, Wirtschaft und Wissenschaft konkurrieren um junge Informatiker. Doch die können wählerisch sein - und oft kollidiert die Netzkultur mit dem Arbeitsklima in Konzernen und Behörden. Besonders schwer tun sich Bundeswehr und Geheimdienste mit Hackern.

Kai könnte in Wohnanlagen Heizungen aufdrehen, Unternehmen ausspähen oder Computer für industrielle Fertigungsprozesse manipulieren. "Es ist verrückt, wie viele ihre Steuerungssysteme ans Netz hängen, oft nicht mal passwortgeschützt", sagt Kai, der anders heißt; in seiner Szene gehört es zum guten Ton, anonym zu bleiben. Im Internet sucht der Informatikstudent Sicherheitslücken, um Firmen auf Risiken hinzuweisen: als White Hat Hacker - einer, der Schwachstellen aufzeigt, ohne sie auszubeuten.

Morgens sitzt Kai, 25, oft noch vor dem Rechner, wenn seine Freundin aufwacht. Zur Entspannung liest er IT-Fachbücher oder spielt "Capture the Flag" - Teams dringen in gegnerische Netzwerke ein und stehlen virtuelle Flaggen. "Ein BWL-Student würde mich vielleicht für einen Nerd halten", sagt er. Aber die alten Klischees von Rauschebart und Wollpullover stimmten nicht mehr, "die Szene ist längst viel größer und heterogener".

Der Nerd-Faktor ist zum Wettbewerbsvorteil geworden. IT-Strukturen sind heute das Rückgrat vieler Lebensbereiche, Cyber-Attacken eröffnen ein neues militärisches Feld, und seit dem NSA-Überwachungsskandal rüsten sich selbst Firmen gegen Spionage, die IT-Sicherheit zuvor kaum ernst nahmen. Industrie, Wissenschaft, aber auch staatliche Behörden, Militär und Polizei: Alle buhlen um Software-Entwickler, Programmierer, IT-Berater oder Sicherheitsspezialisten. Laut Branchenverband Bitkom fehlen allein Deutschland über 40.000 IT-Fachkräfte.

"Ein kurzer, digitaler Wink genügt"

"Die Politik will IT-Nachwuchs, aber nicht investieren", sagt Sicherheitsforscher Sandro Gaycken von der Freien Universität Berlin. Erst jetzt bauten Hochschulen mehr Kapazitäten für Cyber-Abwehr, IT-Sicherheit und Hacking auf - es dauere, bis die ersten Jahrgänge fertig sind. Es gebe zu wenige richtig gute Entwickler: "Alle versuchen, sich gegenseitig die besten Leute abzukaufen."

Informatiker werden schon im Studium umworben. "Am schwarzen Brett hängen zig Jobangebote, über Verteiler werden Jobs und Projekte ausgeschrieben, Unternehmen fragen Professoren nach Praktikanten", erzählt Kai. Er sucht "nichts", steht in seinem Xing-Profil. Trotzdem schicken Headhunter ständig Stellenangebote. Unternehmen locken mit Extra-Urlaub, geringer Arbeitszeit, Fortbildungen: "Ein kurzer digitaler Wink von Ihnen genügt." Auf einer Jobmesse fragte ein Vertreter des Bundesnachrichtendienstes, ob Kai sich vorstellen könne, "Überwachungstechniken zu entwickeln". Kai blieb anonym, gab keine Visitenkarte heraus - "wenn, dann melde ich mich".

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Gehaltsreport: Was Informatiker verdienen

Foto: Rainier Ehrhardt/ AFP

Der Informatiker weiß, dass er mehr wert ist, als der Staat zahlen kann; er verfolgt die Ausschreibungen von Bundeskriminalamt, Bundeswehr, BND. Um die 3200 Euro würde er beim Berufsstart nach Tarif verdienen, in der Wirtschaft bis zu 5000 Euro brutto monatlich. Die Behördengehälter gäben der Szene Anlass zum Spott. "Dem BND ist das offenbar bewusst, es gibt jetzt eine IT-Zulage", so Kai. Auch das BKA habe nach einer Ausschreibung das Gehalt aufgestockt.

Kai kann sich dennoch eine Karriere bei Geheimdiensten oder Bundeswehr vorstellen: weil er etwas für sein Land tun möchte, weil es wichtig sei zu wissen, "was Freund und Feind tun". Damit ist er an seiner Uni ziemlich allein. "Die deutsche IT-Szene ist stark links geprägt, die meisten wollen einen starken Staat, aber keine Überwachung", sagt Kai, der anders als viele Kommilitonen auch den Wehrdienst leistete.

"Hacker sind die neuen Helden"

Die Bundeswehr indes beschreibt Hacker als "Angehörige einer speziellen Szene von Technikbegeisterten, die aus Neugier und zum Teil auf spielerische Weise versuchen, die Grenzen von Informationstechnologie auszuloten", so das Presse- und Informationszentrum Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung - auch wenn "rechtliche Grenzen überschritten werden". Daher beschäftige die Bundeswehr keine Hacker.

Es sei Zeit, "das Image von Hackern zu entkriminalisieren", findet dagegen die israelische Sicherheitsberaterin Keren Elazari. In Israel oder im Silicon Valley denke man längst "über Hacker als innovative, kreative, mächtige Ressource nach - Hacker sind die neuen Helden". Computersysteme seien tief in Gesellschaft, Militär und nationalen Infrastrukturen verwurzelt und damit sowohl Angriffsziele als auch Tools für Cyber-Attacken.

Sicherheitsforscher Sandro Gaycken beschreibt Cyber-Attacken als "effiziente, vergleichsweise günstige Waffe: Ein Team von 20 Hackern mit guter Expertise reicht aus, um einen Angriff zu basteln, mit dem man sehr lange in einem Hochsicherheitssystem bleiben kann. Staaten hatten immer schon Hackertruppen im Keller, jetzt nimmt die Abhängigkeit von ihnen dramatisch zu." Militärs müssten sich an Nerds gewöhnen, auch "tätowierte Typen wie ich sitzen jetzt im Verteidigungsministerium", so Gaycken, der staatliche Stellen wie Bundeswehr oder Auswärtiges Amt sowie Unternehmen berät.

Cybercops mit Tastatur und Waffe

Die Bundeswehr fremdelt mit dem "Hackerbegriff", hat aber steigenden Bedarf an guten Computerspezialisten. Außer um die Beschaffung und den Betrieb gehe es vor allem um den "Schutz der eigenen Netze", so Pressesprecher Andreas Nett. Eine vorgezeichnete Laufbahn gibt es nicht. Die Bundeswehruni in München, die seit April auch ein Forschungszentrum zur Cyber-Abwehr hat, bildet Informatiker aus, doch laut Nett spielt es keine Rolle, ob Befähigungen außerhalb oder in der Bundeswehr erworben werden.

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Nerd-Typologie: Wandelt Kaffee in Quellcode um

Foto: Nerd Zone

Auch die Polizei wirbt um IT-Experten: Das Landeskriminalamt Bayern bietet seit 2010 eine Weiterbildung zu Computer- und Internetkriminalisten an. Informatiker werden in nur einem Jahr für den Polizeidienst fit gemacht, in Recht und Schusswaffengebrauch unterwiesen. "Firmen haben früher bei Cyber-Attacken keine Anzeigen erstattet, weil sie dachten, dass die Polizei überfordert ist", sagt Tim Ohlert, der seinen echten Namen nicht nennen darf. Der Informatiker beobachtet ein Umdenken, "mit den Cybercops hat sich die Polizei Experten aus der Wirtschaft zugekauft".

Nach einigen Jahren in Unternehmen entschied Ohlert sich für die Polizei. Ihm sagten die Sozialleistungen, die Sicherheit als Beamter zu - und das soziale Engagement. Erst gewöhnen musste er sich an seine Dienstwaffe, auch daran, Menschen festzunehmen und Computer zu beschlagnahmen. "Als Informatiker ist man eher für die Freiheit im Netz", so Ohlert. "Jetzt schränkt man jemanden in seiner Freiheit ein." Er versucht, sich in Täter hineinzuversetzen, sichert digitale Spuren, redet mit Geschädigten, ordnet Beschlagnahmungen oder Telefonüberwachungen an. Ohlert gefällt, wie abwechslungsreich die Fälle sind, von leergeräumten Konten nach Phishing-Mails bis zu Computersabotage bei großen Firmen.

Peitschen funktioniert nicht

Junge IT-Experten arbeiten gern als Freiberufler, gehen zu Start-ups oder kleinen Firmen. Geld allein macht gute Informatiker nicht glücklich - das spüren Konzerne, wenn sie Talente finden und langfristig binden wollen. Das Management müsse sich umstellen, glaubt Markus Barenhoff, 32. "Wenn es um Akkordarbeit am Fließband geht, kann ich peitschen, dann geht das vielleicht etwas flotter", so der stellvertretende Vorsitzende der Piratenpartei. "Aber nicht, wenn Mitarbeiter kreativ und innovativ arbeiten sollen."

Barenhoff, ein Schlaks mit blondem Pferdeschwanz, schwarzem Kapuzenpulli und Chucks, kommt sich "lächerlich vor, wenn ich mir eine Krawatte anziehe". An der Hacker-Szene faszinierte ihn das tolerante Miteinander, Menschen, für die nicht das Äußere zähle, dazu Werte wie Transparenz, flache Hierarchien, die Bereitschaft zu teilen. "Diese Netzkultur beißt sich manchmal mit Unternehmenskultur."

Inzwischen entwickelt und prüft der freiberufliche Informatiker sicherheitsrelevante Systeme, etwa Software für Airbags, und hat es "mit klassischen Unternehmensstrukturen zu tun". So sollte er ein Modul für ein Flugzeug überprüfen, durfte sich aber wegen urheberrechtlicher Vorschriften nicht jedes Detail ansehen. "Es hat drei Wochen gedauert, um etwas ganz Einfaches zu machen", so Barenhoff - "nicht meine Vorstellung von effizienter Arbeit". Abschreckend findet er Zeitstempelkarten, fixe Arbeitszeiten, Hierarchien. Als Selbständiger kann er entscheiden, an welchen Projekten er arbeiten möchte.

"Einen Hacker treibt immer Neugier an, er will wissen, wie etwas funktioniert, herumprobieren", sagt auch Kai. Eine Tätigkeit bei der Bundeswehreinheit Computernetzwerkoperationen oder beim BND fände er schon interessant. Es sei aber "eine Art Black Box": "Ich weiß nicht, ob man die Freiheit hätte, dort etwas Neues zu machen, oder ob die Strukturen völlig verkrustet sind."

Ihm sind Spielräume beim Arbeiten wichtig: "Das Schlimmste wäre, wenn dir jemand die ganze Zeit sagen würde, was du tun musst" - egal ob in einer Firma, beim Geheimdienst oder Militär.

Foto: Jaroschewski

KarriereSPIEGEL-Autorin Sonja Peteranderl ist freie Auslandsreporterin und Absolventin der Deutschen Journalistenschule (DJS). Sie berichtet über Außenpolitik, Wirtschaft, Kriminalität und internationale Hightech-Trends.

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