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IT-Fachkräftemangel Deutschland - einfach zu langsam

Deutschlands Unternehmen verschlafen die Digitalisierung - und verschärfen damit das Fachkräfteproblem. Hier sprechen ein Headhunter und ein Unternehmensberater über die größten Fehler.
Zu den Personen
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Andreas Föller ist Gründer der Münchner Personalberatung Comites. Zu seinen Kunden gehören führende Konzerne in Deutschland und Europa.

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René Esteban ist Gründer der Frankfurter Consultingfirma Focus First. Er berät Unternehmen aus verschiedenen Branchen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle.

SPIEGEL ONLINE: Herr Föller, Deutschlands Konzerne hinken in Sachen Digitalisierung der Konkurrenz hinterher, heißt es. Stimmt das?

Andreas Föller: Ja. Und das ist hochproblematisch, vor allem mit Blick auf die Plattform-Ökonomie. In vielen Branchen ist es doch so: Zwischen die klassischen Unternehmen, oftmals sogar Marktführer aus Deutschland, und ihre Kunden schieben sich Aggregatoren, etwa Preisvergleichsplattformen. Genau dort aber ist die Wertschöpfung am größten, wird also am leichtesten Geld verdient. Und diese Aggregatoren stammen zumeist aus den USA.

SPIEGEL ONLINE : Warum ist das so?

Föller: Deutschland ist ein technikgetriebenes Land mit fantastischen Ingenieuren, auch im Weltmaßstab. Ein deutsches Produkt gilt in der Regel als perfekt. Das Problem: Darum geht es im digitalen Wettbewerb nicht.

SPIEGEL ONLINE : Worum dann?

Föller: Um Geschwindigkeit. Ein Vergleich: Gehen Sie an einem wunderschönen Sommernachmittag an den Eibsee und loben Sie eine Million Euro aus für den, der am schnellsten auf der Zugspitze ist. Unter den Badegästen sind 100 Amerikaner und 100 Deutsche. Was machen die Amerikaner? Rennen los, in Badehose und mit Schlappen, ohne Proviant. 99 werden niemals ankommen, einer aber schon. Die Deutschen? Fahren nach Hause, recherchieren die optimale Route, ziehen sich um und gehen dann erst los. Das Ergebnis? 99 Deutsche erreichen den Gipfel, aber der einzige Amerikaner ist zuerst am Gipfel. Das ist bitter, weil gerade im digitalen Umfeld gilt: The winner takes it all.

SPIEGEL ONLINE : Bei welchen Ländern außer den USA könnten wir uns denn in Sachen Digitalkultur etwas abschauen?

Föller: Etwa im Baltikum oder in Georgien. Da gibt es viele risikofreudige und technisch erstklassige IT-Experten.

SPIEGEL ONLINE : Mehr als in Deutschland? Haben deutsche Unternehmen also die falschen Mitarbeiter für die digitale Revolution?

René Esteban: Nein, Expertise ist vorhanden. Allerdings halte ich drei Aspekte für ausbaufähig. Erstens den Fokus: Digitale Führungskräfte sollen sich auf ihr Kernthema fokussieren - Exzellenz statt Masse! Zweitens Verantwortung: Wir brauchen eine Kultur, in der Mitarbeiter Risiken eingehen, denn Fehler ermöglichen eine steile Lernkurve. Und drittens Empathie: Auch das beste digitale Geschäftsmodell funktioniert nur, sobald Führungskräfte ihre Mitarbeiter überzeugen.

SPIEGEL ONLINE : Wie sieht der perfekte Mitarbeiter aus, um einen Konzern digital neu aufzustellen?

Esteban: Es braucht zweierlei: Mitarbeiter, die Digitalisierung als Wachstumschance begreifen. Und Führungskräfte, die sie positiv erlebbar machen. Das klingt abstrakt, fängt aber im Kleinen an: Sobald ein Produktionsmitarbeiter hört, dass Produktionsstraßen mit künstlicher Intelligenz digitalisiert werden sollen, löst das Ängste aus. Sobald seine Führungskraft allerdings die persönlichen Vorteile der Digitalisierung hervorhebt, etwa dass er zur Maschinenprüfung nicht mehr bei Regen mit dem Fahrrad durchs Werk zu fahren braucht, wird Digitalisierung greifbar und der Mitarbeiter versteht sie als Chance.

SPIEGEL ONLINE : Und wo finden deutsche Unternehmen diese Brückenbauer?

Föller: Im Silicon Valley jedenfalls nicht. Warum sollten die Topleute von dort nach Europa wechseln? Und denen, die nach Europa kommen, fehlt es meist nicht an Selbstbewusstsein, aber an Praxisexpertise. Die verstehen gar nicht, wie ein Konzern funktioniert. Man muss diese Brückenbauer also überall auf der Welt suchen. Das ist mühsam, wie Perlentauchen.

SPIEGEL ONLINE : Muss sich die universitäre Ausbildung in Deutschland ändern, um mehr digitale Fachkräfte hervorzubringen? Oder müssen die Unternehmen mehr zahlen?

Föller: Natürlich gibt es zu wenig Absolventen in Mint-Fächern, aber deutsche Unternehmen können ja auch im Ausland rekrutieren. Viel wichtiger ist die Unternehmenskultur. Konzerne sind für digitale Topleute umso attraktiver, wenn ihre Führungskräfte inspirieren, Fehler verzeihen, integer sind. Wichtig ist auch politische Stabilität. Natürlich muss auch adäquat bezahlt werden, aber das ist für die Generation Y eher nachrangig.

SPIEGEL ONLINE : Die Beharrungskräfte in deutschen Unternehmen scheinen hoch. Hängt das auch mit der stärkeren Mitbestimmung zusammen? In US-Techkonzernen ist von Betriebsräten nichts bekannt. Dafür häufen sich dort die Berichte über ausgebrannte Arbeitskräfte.

Esteban: Beharrungskräfte sind Teil unserer Kultur. Sorgfältige Planung und hochwertige Produkte haben die deutsche Wirtschaft erfolgreich gemacht. Die deutsche Kultur ist einfach anders als die amerikanische. Es ist wichtig, dass Deutschland seine eigene Transformationsgeschwindigkeit findet. Genügend Expertise der digitalen Führungskräfte ist vorhanden. Sobald wir die Menschen mitnehmen, steht der Digitalisierung nichts mehr im Weg.