Verkäuferin am Glühweinstand "Und dann klaut die Oma die Tassen"

Die Musik nervt, die Gäste grölen, und je mehr los ist, desto weniger Trinkgeld gibt es. Wer auf Weihnachtsmärkten Glühwein ausschenkt, kommt kaum in Festtagsstimmung. Eine Verkäuferin berichtet über ihren Arbeitsalltag.

Hoch die Tassen: Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt gehört im Advent dazu
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Hoch die Tassen: Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt gehört im Advent dazu

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Anna M. ist Anfang dreißig. Sie arbeitet auf einem viel besuchten Weihnachtsmarkt in einer deutschen Großstadt. Ihren richtigen Namen will sie nicht veröffentlicht sehen. Hier berichtet sie von ihrer Arbeit am Glühweinstand.

"Ich schlafe jeden Tag mit mindestens einem nervigen Weihnachtslied im Ohr ein. 'Last Christmas', 'Do they know it's Christmas', 'All I want for Christmas' - ich kann sie alle nicht mehr hören und kriege sie trotzdem die gesamte Adventszeit nicht mehr aus dem Kopf.

Kein Wunder, manchmal stehen wir hier zehn Stunden am Tag in unserem Stand und verkaufen Glühwein, Kakao und Punsch. 'Dass du mir auch einen ordentlichen Schuss da rein kippst, Mädchen.' Den Spruch kann ich nicht mehr hören. Vor allem Männer glauben, dass sie mit jeder Tasse Glühwein charmanter werden. Dann fragen sie lallend nach meinem Namen, wollen wissen, was ich so mache und meine Telefonnummer haben. Ich lächle dann kurz und drehe mich schnell zum nächsten Kunden.

Ich arbeite seit fünf Jahren auf dem Weihnachtsmarkt. Im Sommer stehen wir auch hier und verkaufen Cocktails. Das macht wirklich Spaß. Aber die Adventszeit ist eine ganz andere Geschichte, da scheinen die Leute durchzudrehen. Alle wollen ganz schnell ganz viel trinken. Vielleicht liegt das am kalten Wetter oder daran, dass die Leute Angst haben, ihren Wunschpegel nicht vor der Sperrstunde zu erreichen. Da stoße ich manchmal an meine Grenzen.

Irgendwann gibt es nur noch Wasser

Am liebsten würde ich sagen, dass mein Name weder 'hey' noch 'Pfand zurück' ist. Aber ich bleibe freundlich, der Kunde ist schließlich König. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn wir merken, dass jemand wirklich genug hatte, gibt es bei uns nur noch Wasser. Das macht die Leute manchmal richtig wütend. Die werden ausfallend. Aber wir haben hier einen Sicherheitsdienst. In ganz schlimmen Fällen kommt der uns zu Hilfe.

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Es gibt aber auch Menschen, die so betrunken sind, dass sie einfach mit dem Kopf auf dem Tresen einschlafen. Die wecken wir dann - oft ein wenig unsanft, weil sie sonst einfach nicht aufwachen. Ohnehin ist der Ton hier schon mal etwas rauer. Ich versuche eigentlich immer nett zu sein, aber wenn viel los ist und fünf Leute gleichzeitig was wollen, bleibt wenig Zeit, um mit den Gästen zu scherzen.

Das merke ich dann am Trinkgeld. Je mehr los ist, desto seltener geben die Leute ein paar Cent dazu. Manche nutzen den Stress sogar aus und klauen unsere Tassen. Das Becherpfand beträgt zwei Euro. Das ist wirklich nicht viel Geld, wenn man die Tasse gern als Andenken mitnehmen möchte. Aber manchen ist selbst das zu teuer.

Trinken will ich das Zeug schon gar nicht

Einmal habe ich einer älteren Kundin das Pfand ausgezahlt. Bevor ich die Becher vom Tresen räumen konnte, hat mich ein anderer Kunde angesprochen und da sehe ich, wie die Oma die Tassen in ihrer Handtasche verschwinden lässt. Ich habe sie dann zur Rede gestellt und sie hat die Becher wieder rausgerückt und ist gegangen. Ihr Mann hat dann für die Tassen bezahlt und sie ihr hinterher getragen. Das war dem ganz schön peinlich.

Besonders unhöflich finde ich es, wenn Leute sich an den Tresen stellen und einfach nur eine Zahl brüllen. Drei, fünf - was soll das? Woher soll ich denn wissen, was die Kunden bestellen wollen? Wir haben verschiedene Sorten Glühwein und auch andere Getränke. Also bestellt doch einfach in ganzen Sätzen! Es würde auch nicht schaden, hin und wieder mal 'bitte' und 'danke' zu sagen. Das geht schnell, kostet nichts und ich mache das doch auch.

Natürlich sind nicht alle so. Es gibt auch viele nette Kunden und eigentlich mag ich meinen Job auch. So langsam komme ich sogar in Festtagsstimmung. Das liegt aber auch daran, dass ich bald Urlaub habe. An Weihnachten machen wir hier die Schotten dicht und haben frei. Ich feiere mit meiner Familie, traditionell mit Baum, Geschenken, gutem Essen und ohne Glühwein. Wir verkaufen am Tag etwa 500 Liter davon - aus dem Karton. Ich kann das Zeug nicht mehr sehen. Und trinken will ich es schon gar nicht."

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insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
Rage-Guy 20.12.2015
1. Tassenklau
Es ägert die Glühweinstandbesitzer, wenn ein 12 Cent-Artikel geklaut wird, für den 2 Euro Pfand in der Kasse liegen? Aber natürlich ...
spon-1207635783736 20.12.2015
2. Die junge Frau hat...
... vollkommen Recht! Als im Einzelhandel arbeitender Filialleiter kann ich der jungen Dame nur beipflichten, dass der Anstand der Leute immer mehr nachlässt, auch ohne zunehmenden Alkoholpegel! Wo ist das Problem, ein "guten tag", "Bitte" und "Danke" zu sagen?! Der Anstand der Leute wird immer geringer, besonders bei der älteren Generation, die die "Jugend" als anstandslos und respektlos darstellt... Unsere Berufe muss man schon besonders Lieben, um da viele Jahre durchzuhalten, dazu muss man aber sagen, dass wir uns unsere Berufe selbst ausgewählt haben ;)
FrankDr 20.12.2015
3. Gegenseitigkeit
Solange die Preise für die Plörre so sind wie sie sind - und damit meine ich jährlich höher. und Solange die Größe der verkauften Tassen so sind wie sie sind - und damit meine ich jährlich kleiner... Solange gibt es wenig Respekt von den Kunden. Denn der Respekt wird jährlich aufs Neue von den Anbietern aufgekündigt. 4? für 0,2 Glühwein - also 20 Euro pro Liter - Das ist pervers und da geht manchen vielleicht auch mal die gute Laune am Stand aus und dann triffts auch mal die Falsche Verkäuferin
beob_achter 20.12.2015
4. Wer mit Kunden zu tun hat,
erlebt die gesamte Bandbreite der menschlichen Gesellschaft. Wenn Alkohol im Spiel ist, entpuppen sich einige als schwierig. Ja, man braucht gute Nerven, einen Schuß Gelassenheit und im Notfall die Chance, Hilfe zu bekommen bei den ganz schlimmen Vögeln. Benehmen ist Glückssache, aber immer weniger Leute haben so viel Glück...
firmentrottel 20.12.2015
5.
Zitat von Rage-GuyEs ägert die Glühweinstandbesitzer, wenn ein 12 Cent-Artikel geklaut wird, für den 2 Euro Pfand in der Kasse liegen? Aber natürlich ...
Klar, die machen sich die Mühe mit dem Pfand aus purer Langeweile. Ausserdem: Irgendwann sind nicht mehr genügend 12 Cent-Becher da. Auch doof. Und der Glühwein würde teurer werden. 12 Cent sind auch Geld.
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