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18. April 2018, 16:07 Uhr

Mein Leben als Essenslieferantin

"Auf dem Tisch lag eine Waffe"

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Schlecht bezahlt und kaum Rechte: Essenslieferdienste stehen wegen der Bedingungen für ihre Fahrer in der Kritik. Eine junge Frau berichtet, warum sie den Job trotzdem jahrelang gemacht hat.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Allen Menschen, die sich Essen nach Hause bestellen, möchte ich eins sagen: Bitte seid nett zu den Fahrern! Wenn die Bestellung auf sich warten lässt, sind entweder das Restaurant oder die Disposition Schuld daran. In den seltensten Fällen liegt es an einem Stau oder einem kaputten Dienstfahrzeug. Und auch hierfür kann der Fahrer selbst nichts.

Ich spreche aus Erfahrung, denn ich habe bis vor Kurzem selbst bei einem kleineren Lieferdienst in einer Großstadt gearbeitet - mehrere Jahre lang während meines Studiums. Außer einem Pkw-Führerschein gab es keine besonderen Voraussetzungen für diesen Job. Nach einem kurzen Kennenlerngespräch fuhr ich eine Schicht mit einem erfahrenen Boten. Danach war ich auf mich allein gestellt.

Ich kam schnell zurecht. Schon nach ein paar Wochen konnte ich bei der Auftragsvergabe anhand des Straßennamens etwa einschätzen, ob Kunden auf mich warten, die viel Trinkgeld geben. Auch die unterschiedlichsten Einrichtungsstile habe ich gesehen. Ich war in typischen Studentenbuden, aber vor allem in Altbauwohnungen mit hohen Decken und gefühlt 100 Meter Flur.

Die meisten waren Studenten

Der Job ist mit dem Studium gut vereinbar. Ich konnte flexibel arbeiten. Meistens war ich an den Wochenenden von 17 bis 22 Uhr im Einsatz. Aber auch mittags unter der Woche fuhr ich ab und zu Essen aus, wenn es mein Stundenplan zuließ.

Die Atmosphäre zwischen den Kollegen war immer herzlich - die meisten waren ebenfalls Studenten. Vor Schichtbeginn saßen wir oft kurz zusammen und erzählten von unseren Erlebnissen. Einer meiner Kollegen musste einmal für einen Zuhälter Essen in ein Bordell liefern. Alles war rot ausgeleuchtet, wie im Fernsehen, und auf dem Tisch, wo mein Kollege die Lieferung abstellen sollte, lag eine Waffe. Er bekam 50 Euro Trinkgeld.

Als Frau wurden mir schon manchmal Komplimente gemacht, einige Männer fragten nach meinem Namen und machten Flirtversuche. Ich fand das nicht belästigend, aber ich habe in dem Punkt auch ein ziemlich dickes Fell.

Wir waren für einen recht großen Bezirk zuständig. Unsere Kunden konnten aus etwa 30 Restaurants auswählen. Wenn sie bestellten, bekam ich über eine App den Auftrag zugeteilt. Ich fuhr zum Restaurant, holte das Essen ab und brachte es dem Kunden. Danach wartete ich auf den nächsten Auftrag. So ein Auftrag dauert etwa eine dreiviertel Stunde.

Sechs Euro pro Stunde

Anders ist das zum Beispiel bei Pizza-Ketten mit dazugehörendem Lieferdienst. Dort packen die Boten direkt zehn Pizzen in ihre Boxen und liefern diese dann eine nach der anderen aus. Das hat den großen Vorteil, dass sie potentiell zehn Mal Trinkgeld bekommen können. Ich dagegen nur einmal pro Fahrt. Das Trinkgeld dürfen die Fahrer behalten.

Ich habe als Selbstständige auf Gewerbeschein gearbeitet, das spart den Lieferdiensten natürlich das Geld für die Versicherung ihrer Mitarbeiter. Alle Lieferdienste, die ich kenne, zahlen ihren Fahrern den Mindestlohn. Als ich 2012 anfing, Essen auszuliefern, gab es den noch nicht.

Ich bekam sechs Euro pro Stunde, allerdings auch, wenn ich keinen Auftrag hatte. Ich kenne aber durchaus Lieferdienste, die ihren Fahrern während der Wartezeit zwischen zwei Aufträgen nichts zahlen. Man arbeitet für diese Lieferdienste auf Abruf - wie im Bereitschaftsdienst.

Ich hatte das Glück, mit einem Mini das Essen ausfahren zu dürfen - und nicht mit dem Fahrrad wie andere Kollegen. Der Wagen wurde vom Lieferdienst gestellt. Vor allem bei schlechtem Wetter ein großer Vorteil.

Dass die Fahrer von Deliveroo in vielen deutschen Städten auf die Straße gegangen sind, kann ich gut verstehen. Die sind nämlich so gut wie alle mit dem Fahrrad unterwegs und bekommen noch etwas weniger Gehalt als ich und meine Kollegen.

Ich hatte vergleichsweise wenig Stress. Eine Tracking-App, die es den Kunden ermöglicht, den Aufenthaltsort des Fahrers zu orten, hatte ich nicht. Andererseits führt so eine App vielleicht auch zu mehr Verständnis für den Fahrer, wenn das Essen doch mal länger auf sich warten lässt, und der Kunde bestraft ihn dann nicht mit wenig Trinkgeld. Das wünsche ich mir sehr. Denn wir Fahrer sind auf das Trinkgeld angewiesen."

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