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Waffen im Pflegeheim "Man muss auch mit Macheten und Pistolen rechnen"

Demenzkranke bedrohen in Österreich zunehmend ihre Pfleger im Altenheim. Beim Einzug bringen die alten Leute ihre Waffen mit, manche wähnen sich im Zweiten Weltkrieg, erklärt Vizepflegedirektorin Gertraud Fribl.
Bewohner eines Seniorenwohnheims

Bewohner eines Seniorenwohnheims

Foto: Christian Charisius/ dpa
Zur Person
Foto: Kepler Universitätsklinikum

Gertraud Fribl ist Vize-Pflegedirektorin im Linzer Neuromed Campus und Präsidiumsmitglied des oberösterreichischen Krankenpflegeverbands.

SPIEGEL ONLINE: Frau Fribl, in einem Seniorenheim im österreichischen Altheim sind zwei Pflegerinnen von einem 83-Jährigen mit einer Pistole bedroht worden. Was war denn da los?

Gertraud Fribl: Der Mann leidet an Demenz und fühlte sich von den Mitarbeiterinnen bedroht. Viele Patienten, die an Demenz oder Alzheimer erkrankt sind, leben in ihrem Altzeitgedächtnis - und damit gedanklich wieder im Zweiten Weltkrieg. Das ist ein Thema, über das keiner reden mag. Wir vergessen gern, dass unter uns Menschen leben, die den Krieg noch selbst miterlebt haben und die nie professionelle Hilfe bekommen haben, um das Erlebte zu verarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber woher hatte der Mann denn die Pistole?

Fribl: Die hatte er von zu Hause mitgebracht. Wir können ja nicht kontrollieren, was die Patienten beim Einzug ins Seniorenheim so alles mitbringen. Von Messern über Macheten bis zu Pistolen ist da alles dabei. Zum Glück ist noch nichts Schlimmes passiert, aber für Pflegekräfte gehört es leider auch schon zum Alltag, dass sie gebissen, gekratzt oder angespuckt werden. Übrigens nicht nur in Österreich.

SPIEGEL ONLINE: Und da trauen sich die Pfleger noch zur Arbeit?

Fribl: Wer im Pflegeheim arbeitet, ist hart im Nehmen. Da wird leider vieles als normal empfunden - einfach, weil es zum Alltag gehört. Aggressiven Patienten können Pfleger ja kaum entgehen. Spätestens beim Nachtdienst, wenn sie sich allein um 20 bis 30 Patienten kümmern müssen, ist das unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Aber was macht man denn, wenn ein Patient plötzlich eine Machete oder Pistole zückt?

Fribl: Im Fall des 83-Jährigen haben die Pflegerinnen sich versteckt und die Polizei alarmiert. Der Mann wurde in die Psychiatrie eingewiesen, aber es wird nicht lange dauern, bis er wieder zurück im Altenheim ist. Irgendwo müssen die alten Menschen ja versorgt werden. Es gibt extra Sicherheitsschulungen für das Personal, aber eigentlich müssten die Pfleger auch psychologisch ausgebildet sein. Davon kann man bei dem aktuellen Pflegepersonalmangel allerdings nur träumen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern würde eine psychologische Ausbildung denn helfen?

Fribl: Sie ist wichtig, um kritische Situationen frühzeitig erkennen und entschärfen zu können. Patienten, die an neurobiologischen Veränderungen wie Alzheimer oder Demenz leiden, kann man aus ihrem Altzeitgedächtnis nicht herausholen. Sie ständig zurechtzuweisen, macht sie nur aggressiv. Das gilt auch für die Angehörigen. Es wäre so wichtig, dass sie bei ihren Besuchen aufhören mit dem 'Geh, Papa, das stimmt alles nicht'. Denn das bringt niemanden weiter.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie stattdessen?

Fribl: Man muss das Spiel mitspielen, mit den alten Menschen in der Zeit zurückgehen und versuchen, ihnen Sicherheit zu vermitteln. Viele Angehörige schämen sich, weil ihre einstigen Vorbilder auf einmal hilfsbedürftig sind und sich vermeintlich blamieren. Das ist Unsinn. Wegsehen hilft nicht. Aber ich fürchte, spätestens in fünf Jahren wird das auch gar nicht mehr möglich sein. Wenn es so weitergeht wie bisher, sind die Pflegeheime dann nämlich so überfüllt, dass die Angehörigen die Pflege selbst übernehmen müssen.