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Mein Leben als Friseurin "Mich schockiert nichts mehr"

Früher musste sie ungewaschenen Herren die Haare schneiden und Kunden unsinnige Wünsche erfüllen - bis sie ihren eigenen Salon eröffnete. Eine Friseurin berichtet von ihrem Berufsalltag.
Friseur im Einsatz

Friseur im Einsatz

Foto: NIKOLAY DOYCHINOV/ REUTERS

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Eigentlich wollte ich nie Friseurin werden. In der Ausbildung merkte ich aber, dass mir das großen Spaß macht und ich das besonders gut kann. Ein Problem blieben die Arbeitsbedingungen.

17-mal habe ich den Arbeitgeber gewechselt. Dann habe ich eingesehen: Den perfekten Arbeitsplatz muss ich mir backen. Deshalb bin ich auf die Meisterschule gegangen und habe vor sechs Jahren meinen Laden aufgemacht. Die lästigen Behördengänge, die Rechnerei, die Unsicherheit im Krankheitsfall, Personalkosten und Gewerbemieten: Das alles stecke ich weg, wenn ich mein eigener Chef sein kann.

Früher habe ich alles Mögliche erlebt. Meine Chefs haben sich nicht an Absprachen gehalten, das Gehalt kam verspätet, die Arbeitszeiten änderten sich wöchentlich, Überstunden wurden mit einer lächerlichen Pauschale abgegolten.

Schon das verspätete Gehalt war eine Katastrophe: Wir verdienen schlecht, gerade deshalb muss das Geld pünktlich da sein. Kein angestellter Friseur kann mit einem Stundenlohn von sechs Euro Rücklagen bilden und davon seine Miete zahlen. Zum Glück gibt es inzwischen Mindestlohn.

Bei meinen zwei Angestellten versuche ich, diese Dinge besser zu machen. Das Gehalt kommt pünktlich, und sie haben feste Arbeitszeiten. Außerdem mute ich ihnen nichts zu, was ich nicht selbst machen würde. Leute zu schneiden, die ich eklig finde, zum Beispiel. Damit meine ich nicht Schuppen oder Hautkrankheiten. Das sind Probleme, mit denen ich Kunden zum Hautarzt schicke. Etwas anderes sind Dreck und Geruch.

Früher durfte ich nichts ablehnen

Früher musste ich Obdachlosen den Bart schneiden und ungewaschenen Herren einen Trockenhaarschnitt machen. Leute, die ungepflegt wirken, lasse ich heute gar nicht mehr in den Laden. Meine Kunden müssen klingeln. Weil ich fast ausschließlich Stammkunden habe, ist das kein Problem.

Die Arbeit am Kunden macht nur einen Bruchteil meines Alltags aus. Deshalb sage ich gern: Haare schneiden ist mein Hobby. Aber es ist ein schönes Hobby. Wir erschaffen etwas.

Mir ist es am liebsten, wenn die Leute wissen, was sie wollen, ob das Spitzen schneiden ist oder die komplette Typveränderung. Ich höre mir die Vorstellungen an und sage, was möglich ist. Dafür muss ich einschätzen können, ob jemand jeden Morgen stundenlang föhnt oder ein praktischer Typ ist. Die schönste Frisur bringt nichts, wenn der Kunde nicht damit klarkommt.

Ein großer Vorteil des eigenen Ladens ist, dass ich nur noch mache, was ich für sinnvoll halte. Früher durfte ich nichts ablehnen. Einmal wollte eine Kundin mit langen blonden Haaren rot gefärbt werden. Ich habe abgeraten, mein Chef hat darauf bestanden, und am nächsten Tag wollte sie ihre Haarfarbe zurück. Sie reklamierte, und ich musste stundenlang umfärben. So etwas passiert mir heute nicht mehr.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Natürlich kann es vorkommen, dass ich den Geschmack nicht treffe oder mich verschneide. Es ist schließlich ein Handwerk. Wenn ich Fehler mache, rede ich das nicht schön, dann werden Schnitt oder Farbe neu gemacht. Zu kurz geschnitten habe ich zum Glück noch nie, zu lang gelassen schon. Wenn eine Frisur nicht gefällt, und der Kunde reklamiert innerhalb einer Woche, mache ich den Kopf neu. Nach drei Wochen allerdings nicht mehr.

Neulich hatte ich ein nerviges Kundenerlebnis. Eine Kundin kam zum Ponyschneiden. Das ist eigentlich eine simple Sache, für die ich zehn Minuten einplane. Nach einer Dreiviertelstunde war die Frau immer noch am Diskutieren. Dass sie es schräg haben wollte, aber auch kurz und gerade und nicht zu kurz und so weiter. Meine beiden Angestellten saßen in der Küche, haben sich scheckig gelacht und überlegt, wie lange ich das noch durchhalte, bevor ich die Kundin auf die Straße schicke. Die Blöße wollte ich mir nicht geben und habe das professionell durchgezogen. Ich hoffe inständig, dass die Frau nie wieder kommt.

Gespräche, die mich stören, gibt es nicht

Starfriseur wollte ich nie werden. Das ist eine Typsache. Der eine will Promis frisieren, der andere Pokale gewinnen. Mich reizt das nicht. Ich mag die netten Leute von nebenan. Für viele ältere Damen sind wir das Highlight der Woche. Die freuen sich auf das Kaffeekränzchen. Es gibt Friseure, die sich nicht unterhalten wollen oder mit dem Multitasking nicht klarkommen. Ich unterhalte mich gerne. Auch beim Haareschneiden. Wenn ich einen Kunden nicht kenne, stelle ich ein paar banale Fragen und merke, ob er reden will oder nicht.

Gespräche, die mich stören, gibt es nicht. Wenn jemand redet, dann lasse ich ihn reden. Ich will den Kunden nicht erziehen, sondern ihm die Haare schneiden. Mich schockiert nichts mehr, ich habe schon alles gehört. Zum Glück habe ich in der Hinsicht ein sehr schlechtes Gedächtnis und vergesse das meiste schnell wieder. So kann ich nicht indiskret werden. Schwierig sind Situationen, wenn etwa eine ältere Dame kommt, deren Mann gestorben ist. Da fällt es mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich kann nicht nichts sagen, zu viel ist aber auch nicht gut.

Als Versuchskarnickel nutzen wir auch Freunde. Die müssen allerdings Termine im Laden machen - ich nehme mir keine Arbeit mit nach Hause, denn das geht zu sehr auf den Rücken. Klassische Berufskrankheit bei Friseuren neben den Hautproblemen, die allerdings mit den milderen Produkten nachgelassen haben. Aber die Bandscheiben, Sehnen und Bänder leiden. Deshalb erreichen Friseure auch kaum das Rentenalter.

Ich habe bisher keine Probleme und rate meinen Angestellten, im Sitzen und rückenschonend zu arbeiten. Früher mussten wir im Stehen schneiden, weil die Chefs dachten, wir seien dann schneller."

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