Mein Leben als Reiseleiter "Ein Drittel der Leute sollte andere Reisen buchen"

Sie arbeiten, wo andere Urlaub machen - und das mit einer Truppe mehr oder minder hilfloser Menschen im Schlepptau: Ein Reiseleiter berichtet von 18-Stunden-Tagen, Albträumen und Liebesbriefen.

Touristengruppe in Ägypten (Symbolbild)
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Touristengruppe in Ägypten (Symbolbild)

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich habe Geschichte studiert und bin im Studium auf die Idee gekommen, mich als Reiseleiter zu bewerben. Mein erstes Ziel war Italien, ich war wahnsinnig aufgeregt und gespannt, ob ich das organisatorisch hinbekomme. Außerdem wollte ich nicht, dass jemand merkt, dass es meine erste Reise ist.

Überhaupt sagen wir es nie, wenn wir irgendwo zum ersten Mal hingeschickt werden. Das ist immer noch aufregend. Inzwischen arbeite ich seit 18 Jahren als Reiseleiter und möchte das noch sehr lange machen.

Für viele Kollegen ist Reiseleiter eher eine Phase als ein Beruf. Das liegt vor allem an zwei Dingen: Erstens sind die Arbeitszeiten hart und zweitens ist die Bezahlung nicht besonders gut, gemessen an der Ausbildung, die wir mitbringen: abgeschlossenes Studium, viele sind promoviert und arbeiten für Tagessätze zwischen 150 und 200 Euro - hinzu kommen eventuell Prämien, kleine Provisionen und Trinkgeld.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Manche Reiseleiter leben von dem Job, andere sind nur ein paar Tage im Jahr unterwegs. Zwischen zwei und 200 Reisetagen im Jahr ist alles denkbar - bei mir sind es rund 150. Manche arbeiten für mehrere Anbieter, ich habe einen festen Kunden.

Arbeitszeit ist von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht. Die ersten Gäste stellen zum Frühstück schon Fragen, die letzten vor dem Schlafengehen. So komme ich auf Arbeitstage von 18 Stunden.

Man braucht gute Nerven

Pro Auftrag bin ich zwischen fünf Tage und fünf Wochen unterwegs. Anfangs habe ich vor allem Reisen in Italien betreut. Aber für Kulturreisen ist das nur im Frühling und Herbst interessant. Im Sommer und Winter bin ich vor allem in Asien unterwegs.

Ein Reiseleiter sollte vieles mitbringen: Landeskenntnis, Allgemeinbildung, Fremdsprachen, aber auch Kommunikationsfähigkeit, Organisationstalent und Humor. Tourismus ist schließlich Unterhaltung. Es ist ein Job für Leute mit guten Nerven.

Wir müssen physisch und psychisch enorm robust sein. Du bist Dienstleister, musst da stehen und gut sein. Die Gäste interessiert es nicht, dass du deine Kinder vermisst.

Meist bin ich mit 15 bis 35 Leuten unterwegs. Die Reisegruppen ähneln sich. Typische Gäste sind Alleinstehende, Paare oder Freunde, vor allem Leute, die viel Zeit und genug Geld haben. Sie erwarten von ihrem Urlaub mehr als Rumsitzen oder Wellness und haben keine Lust auf die Organisation.

Wir hören immer das Klischee vom Studienrat auf Kulturreisen. Tatsächlich sind unter den Gästen eher Mediziner und Juristen, die sich für Kunst interessieren. Alles in allem haben wir ein sehr kultiviertes und angenehmes Publikum. Das sind oft interessante Bekanntschaften, aber mehr nicht. Wir lernen uns am ersten Tag kennen und verabschieden uns am letzten.

Anspruchsvoll sind alle

An unseren Gästen sehen wir zwei gesamtgesellschaftliche Trends. Die Überalterung und die Individualisierung.

Die Leute machen zwar Gruppenreisen, wollen aber, dass ich auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehe. Anspruchsvoll sind alle, im Allgemeinen kann ich diese Ansprüche erfüllen. Anstrengend wird es, wenn es um Betreuung geht.

Manche erwarten mehr, als ich bieten kann und will. Die einen brauchen mehr Pausen, andere sind schusselig. Neulich war ich mit einer Dame unterwegs, die ihren Pass vergessen hatte. Da konnte ich dann erst mal mit ihr aufs Konsulat gehen. Auch Liebesbriefe habe ich schon bekommen.

Anstrengend wird es auch, wenn ich auf viele geistige, seelische und körperliche Gebrechen Rücksicht nehmen muss. Ich denke oft, dass ein Drittel der Leute besser eine andere Reise gebucht hätte, beispielsweise mit Arztbegleitung. Aber kaum jemand will sich eingestehen, dass er die braucht.

Ständig unter Strom

Wenn wir unterwegs sind, stehen wir Reiseleiter ständig unter Strom. Ich bin rund um die Uhr unter Beobachtung, alles wird registriert und alles interessiert: Was ich anhabe, was ich sage, wie ich es sage. Das führt dazu, dass wir unheimlich kontrolliert sind. Es gibt Kollegen, die versuchen das zu kompensieren, indem sie trinken. Auch Burn-out kommt oft vor.

Wenn ich im Hotelzimmer ankomme, mache ich zum Runterkommen gerne MTV an, dabei entspanne ich und komme wieder in der Gegenwart an. Bei Kulturreisen bin ich durchgehend von Geschichte und Kunst umgeben, etwas Gegenwart zwischendurch tut gut.

Wenn ich nach Hause komme, mache ich Dinge, die unterwegs nicht gehen: laut Musik hören, schlafen, stumpf rumsitzen oder Sport treiben. Auf der Reise bin ich komplett durchgetaktet, jeden Tag und jede Stunde. Zuhause genieße ich es, planlos zu leben.

Wenn jemand sagt, du hast es gut, du arbeitest dort, wo andere Urlaub machen, dann sage ich, bewirb dich doch. Dann ist das Gespräch meist zu Ende. Nur wenige können sich das wirklich vorstellen. Nach den Reisen habe ich die Abrechnung und die Nachbereitung auf dem Tisch. Dann setze ich mich an die nächste Recherche.

Alles in allem habe ich dennoch viel freie Zeit. Dann reise ich gern mit meiner Familie an die Orte, die ich vom Arbeiten her kenne. Im Urlaub kann ich meinen Kindern alles zeigen und mir selbst in Ruhe die Dinge ansehen, für die sonst keine Zeit bleibt.

Meine Kinder haben sich ganz gut an meine Reisen gewöhnt. Für mich ist es hart, die Familie so lange nicht zu sehen. Alles in allem mag ich den Beruf sehr, ich bin gerne Generalist und lerne ständig dazu.

Es gibt übrigens einen typischen Reiseleiter-Albtraum: Du stehst mit einer Gruppe auf einem Platz und hast keine Ahnung, wo. Passiert ist mir das noch nie. Aber den Traum träume ich immer wieder."



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
futtereimer 06.05.2017
1.
Ui, danke schön für "die andere Seite" eines "Reiseführers".... Hatte ja erst mal vor, wieder zu "blöken"... Ich kann mir schon vorstellen, wie hart so mancher Job ist--was für uns Touristen eigentlich "locker aus der Hüfte" heraus aussieht. Wir haben schon etliche "Touri-Touren" gemacht--und gelangweilt aus der Wäsche geschaut, wenn es "wieder mal" um eine Kirche oder einen Bau von Anno-Duzebach geht... Ja, es gibt Leute, die interessiert das. (Und unser letzter Reiseführer in Portugal hat das sooo genial verpackt, dass sogar WIR (Kulturbanausen) total begeistert waren) Mal gespannt...wir machen dieses Jahr eine Rundreise durch Sizilien----alle die angebotenen Rundreisen--ist nix für uns dabei...Wir sind allergisch gegen Kirchen und co.... Haben unser "eigenes" Programm. Wahrscheinlich werden wir nicht so viel lernen wie bei Ihnen...aber dafür muss ich mir nicht gefühlte 100 Kirchen und Gebäude ansehen...
ellenbetti 06.05.2017
2. angenehm geschrieben und verständlich
war nett zu lesen. Und ja. Ich sehen auch die Reisegruppen an den bekannten Plätzen. Manchmal stelle ich mich dazu und höre zu. Auch neidvoll, da die Planung entfällt. Aber andererseits ist man frei. Man kann es kombinieren und Städteführer / Führung buchen. Danach ein kleines Trinkgeld nicht vergessen.
Crom 06.05.2017
3.
Ich buche lieber weniger Einzeltouren statt mit einer Gruppe unterwegs zu sein. In der Gruppe gibt es mindestens immer eine Person, die nervt.
quark2@mailinator.com 06.05.2017
4.
Insgesamt ein guter Beitrag, aber das Wort "Überalterung" ist einfach unmöglich. Es ist toll, daß wir immer älter werden und bedeutet u.a. auch, daß man heute mit 70 noch Dinge tun kann, für die früher mit 50 Schluß war. Das einzige, was echt mit "Überalterung" zu tun hat, ist der Mangel an Kindern, aber den bekommt ein Reiseleiter wohl eher weniger mit, da Familien (im Sinne von Vater, Mutter, Kinder) wohl eher individuell reisen.
ExcelsiorHH 06.05.2017
5. Oh wie schön ist Kanada...
Danke für den tollen Artikel, ich finde mich da sehr gut wieder, da ich einer ähnlichen Tätigkeit nachgehe. "Reiseleiter-Albtraum: Du stehst mit einer Gruppe auf einem Platz und hast keine Ahnung wo. Passiert ist mir das noch nie." Seien Sie froh! Ich stand kürzlich vor etwa 400 Personen in den Schleusen von Gatún, Panamakanal und habe mehrfach von Kanada statt Panama gesprochen. Erst als ich die Hauptstadt erwähnte, da merkte ich den Fehler. "Kanada City" kam mir dann doch etwas spanisch vor...
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