Mutige Berufswechsel "Diese Arbeit passt so viel besser zu mir"

Vom Tischler zum Kinderarzt, von der Friseurin zur Zugbegleiterin: Wer seinen Job nicht mehr mag, sollte diese fünf Protokolle lesen - von Menschen, die es gewagt haben, ihren Beruf zu wechseln.

Aufgezeichnet von Almut Steinecke


Wer auf die Frage "Und was machst du so?" am liebsten im Konjunktiv antwortet und erzählt, was er eigentlich immer mal machen wollte oder in der Zukunft viel lieber machen würde, sollte vielleicht tatsächlich, ernsthaft, jetzt aber wirklich, über einen Berufswechsel nachdenken.

Diese fünf Beispiele zeigen, wie es geht:

  • Tim Bernet, 46, war erst Polizist, heute ist er Pilot
Condor Flugdienst

"Schon als kleiner Junge hatte ich den großen Traum vom Fliegen. Wann immer ich ein Flugzeug oder eine Reportage über Flugzeuge sah, erstarrte ich vor Ehrfurcht. Pilot zu werden, traute ich mir aber nicht zu. Zumal ich die Schule nur mit mittlerer Reife abschloss.

Also bewarb ich mich als Polizist, mein zweiter Traumberuf: Dort hat man eine ähnlich hohe Verantwortung, außerdem hoffte ich, das Hubschrauberfliegen zu lernen. Bei der Polizei holte ich mein Abi nach und durchlief alle Dienstgrade bis zum Oberkommissar. Das stärkte mein Selbstbewusstsein, ich dachte: Vielleicht könntest Du doch eines Tages Pilot sein? So spannend der Arbeitsalltag als Polizist auch war, den Traum vom Fliegen hatte ich nie ganz aufgegeben. Und zu meiner Zeit gab es auch keine Ausschreibung, um die Polizeihubschrauberlizenz zu machen.

Mit 28 Jahren fasste ich mir ein Herz und bewarb mich bei der Lufthansa für eine Pilotenausbildung - und wurde genommen! Nach meiner Ausbildung wechselte ich zur Ferienfluggesellschaft Condor in Frankfurt, seit 16 Jahren bin ich dort nun Pilot - und liebe es wie am ersten Tag, in ein Cockpit einzusteigen. Die Welt von oben zu sehen, durch Wolken zu fliegen, ist Wahnsinn. Bei der Polizei haben sich die Kollegen oft darüber unterhalten, dass sie sich auf ihren Ruhestand freuen. Bei Condor lernte ich kürzlich einen Kapitän kennen, der kurz vor der Rente stand. Er nickte mir zu und sagte: 'Wir haben schon einen geilen Job, was?'"

  • Sandra Klöppner, 38, war erst Friseurin, heute ist sie Zugbegleiterin
Nordwestbahn

"Ich habe 16 Jahre als Friseurin gearbeitet, aber irgendwann war die Luft raus. Jeden Tag hatte ich einen überschaubaren Terminplan, ich wusste genau, was auf mich zukommt. Aber vor allem musste ich den ganzen Tag beim Haareschneiden auf der Stelle stehen oder sitzen - irgendwann wollte ich einfach nicht mehr. Ich wurde unruhig und gestresst.

Einer Kollegin von mir ging es ähnlich, sie stieg aus dem Friseurberuf aus und bewarb sich als Zugbegleiterin bei der Nordwestbahn. Von dieser Kollegin habe ich mich 2013 mitreißen lassen, seitdem arbeite auch ich als Zugbegleiterin. Diese Arbeit passt so viel besser zu mir! Nichts ist vorhersehbar, und genau das gefällt mir so an dem Job.

Zwar pendele ich täglich auf einer festen Strecke zwischen dem niedersächsischen Hameln und der Stadt Bünde in Nordrhein-Westfalen. Aber weil ich ja ständig in Bewegung bin, habe ich das Gefühl, mich mehr auszupowern und gleichzeitig mehr innere Ruhe zu haben. Kurz gesagt: Seit ich so viel unterwegs bin, bin ich bei mir angekommen."

  • Jörg Langemeier, 39, war erst Tischler und dann Bäcker, bevor er Medizin studierte und Kinderarzt wurde:
Marc Raschke/Klinikum Dortmund

"Als Jugendlicher wollte ich ganz bewusst kein Abitur machen. Ich hatte das Gefühl, dass die Schule mir etwas Praktisches vom Leben vorenthält, auch glaubte ich damals, dass ich mich unter Gymnasiasten bestimmt eher unwohl fühlen würde; statt geistig abzuheben, wollte ich beruflich lieber 'Boden unter meinen Füßen' spüren, indem ich etwas Handwerkliches lernte.

Ich entschied mich für eine Lehre als Tischler, die mich aber nicht zufriedenstellte. Also machte ich danach noch eine Lehre als Bäcker. Die war zwar spaßig, aber ich konnte mir nach dem Abschluss nicht vorstellen, ab sofort nur noch Brot und Brötchen zu backen. Nichts gegen die Berufe Tischler und Bäcker, aber während der Ausbildungen war bei mir das Gefühl gewachsen, dass mir wieder etwas vom Leben vorenthalten würde: Entwicklungsmöglichkeiten, der immer neue Ausbau von Wissen. Deshalb holte ich mein Abi nach und entschied mich dann für das Medizinstudium, weil es mir am vielfältigsten erschien.

Zurzeit praktiziere ich als Kinderarzt am Klinikum Dortmund, und wenn ich darauf eines Tages keine Lust mehr habe, kann ich mich in ganz viele Richtungen weiterentwickeln und sicher sein: Als Mediziner werde ich die nächsten 40 Jahre garantiert nicht immer dasselbe machen."

Klaus Bierbaum, 56, war erst Bauzeichner, heute ist er Lokführer:

"'Lokführer? Lieber nicht!', lautete die Antwort meiner Berufsberaterin, mit der ich nach meinem Realschulabschluss meinen Berufswunsch besprach. Die Schichtarbeit sei zu anstrengend, sagte sie. Schweren Herzens verabschiedete ich mich von meinem Traumberuf, obwohl mich Loks und Züge seit meiner Kindheit fasziniert hatten.

Stattdessen machte ich nach der mittleren Reife eine Ausbildung als Bauzeichner in einem Architekturbüro. Zeichnen hatte mir in der Schule Spaß gemacht, und in der Ausbildung mochte ich es, bei Bauantragsplänen das landschaftliche Umfeld der Häuser mit Bleistift und Zeichentusche zu gestalten. Nach der Ausbildung blieb ich in dem Betrieb, doch als 2005 - ich war bereits über 40 - eine Umstrukturierung anstand, war ich gezwungen, mich beruflich zu verändern. Und kam wieder auf den Lokführer zurück!

Ich bewarb mich bei der Nordwestbahn und wurde genommen. Die Schichtarbeit war anfangs zwar wirklich gewöhnungsbedürftig: Mitunter muss ich am Wochenende arbeiten, und auch die Uhrzeiten sind heftig: Wenn ich Frühschicht habe, muss ich schon um 4.20 Uhr im Führerstand sitzen, und ich bin kein Frühaufsteher. Dafür kriege ich um diese Uhrzeit Sachen zu sehen, die ich sonst verpassen würde - einen wunderschönen Sonnenaufgang zum Beispiel. Und wenn ich dabei noch einen Zug selbst steuere, dann weiß ich: Jawohl, das war die richtige Entscheidung."

Inga Hebborn, 39, hat erst als Bankkauffrau gearbeitet und macht jetzt eine Ausbildung zur Schornsteinfegerin:

Sascha Hebborn

"Ich war immer gerne Bankkauffrau, mit Zahlen umzugehen liegt mir. 2004 habe meinen Sohn Paul bekommen und Elternzeit eingelegt. Mein Mann arbeitete damals noch als festangestellter Schornsteinfeger.

Ich wäre gern wieder in meinen Beruf eingestiegen, aber die Arbeitszeiten bei der Bank passten nicht zu meinem Alltag als Mutter - ich kündigte schweren Herzens. 2013 machte sich mein Mann als Schornsteinfeger selbstständig. Da kam mir aus einem Bauchgefühl heraus die Idee, bei ihm eine Ausbildung als Schornsteinfegerin auszuprobieren: Schornsteinfeger finde ich lustig, und ich finde den Aberglauben schön, dass sie Glück bringen.

Also startete ich diesen Feldversuch; da es der Betrieb meines Mannes ist, könnte ich jederzeit problemlos abbrechen. Das habe ich aber überhaupt nicht vor: Bis Januar 2017 geht die Ausbildung noch - und es macht mir einen Riesenspaß, mit Stoßbesen und Kehrleine Schornsteine zu reinigen. Ganz anders als früher bleibe ich bei der Arbeit zwar nicht sauber und bin nicht adrett gekleidet. Aber ich nehme diese Arbeit nicht mit nach Hause, wie früher bei der Bank, wo ich jährlich Verkaufszahlen etwa für Versicherungen erreichen musste. Stattdessen mache ich mir jetzt gern die Hände schmutzig."



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
PeterPan95 25.05.2016
1.
Glückwunsch zu diesen Entscheidungen, aber zwei Ausbildungen, ein nachgeholtes Abitur und ein Studium - glücklich ist, wer diese Möglichkeiten hat (intellektuell und finanziell). Bafög oder ähnliche Förderungen dürfte er ja nicht bekommen haben.
chrissi-e 25.05.2016
2.
Toller Report. Mir war das Abi und ein mögliches Studium mit 16 viel zu weit weg, deshalb war klar, dass ich den Weg über die Berufsbildung gehe. Ich habe zwei Berufsausbildungen gemacht und arbeite heute letztlich in einem dritten Job - selbstständig. Strenggenommen habe ich mit Mitte 35 schon sechs verschiedene Jobs gemacht (Einschränkung: Alles Jobs am Computer) und gehe davon aus, dass da noch ein paar dazu kommen. Nicht jeder ist ein Typ dafür, aber wenn man diese Lust in sich spürt, sollte man es versuchen. Es war sicher nicht einfach, z. B. fühlte sich die zweite Ausbildung nach einer Festanstellung mit gutem Gehalt nicht gerade wie ein Fortschritt an. Aber ich hatte einen guten Plan und der ging alles in allem auf. Das Leben ist zu kurz für einen langweiligen Job ;-)
Brillenschlumpf 25.05.2016
3. Glücklich oder nicht
Ja, ich denke, man benötigt viel Glück heutzutage für einen akademischen Lebensweg. Erst das Glück, eine Ausbildung zu beenden. Dann das Glück, einen Studienplatz zu finden. Dann braucht man Glück, um sich für einen Nebenjob zu qualifizieren den man nur mit einer Ausbildung bekommt. Und nicht zu vergessen: das ganze Glück das man bei den Uni-Prüfungen benötigt, denn Lernen bringt ja eh nichts. Ich hatte nicht soviel Glück, sondern leider nur vermögende Eltern, die mir meine Noten erkauft haben.
reflexxion 25.05.2016
4. etwas naiv ins Studium gesprungen...
bei mir ist das zwar schon lang her, aber zu meiner Zeit wussten wir alle ziemlich wenig von den Berufen auf die unser Studium hinauslief. Ich hatte meinen "Praxisschock" ziemlich spät, kurz vor dem Ende des Studiums. Es war ein Schulpraktikum als Lehramtsstudent in einer neunten Klasse einer Gesamtschule. Der eigentliche Lehrer war mit dem schriftlichem Abitursprüfungen an einer zweiten Schule beschäftigt und ich war allein unter ca 30 mir überwiegend fremden Schülern. Nach etwa 15 Minuten verschwand der erste aus der Klasse, dann wurden es mehr. Gegen Ende der Stunde waren nur noch knapp die Hälfte anwesend. Mir wurde schlagartig klar, das ich nicht mein Leben lang fremde Kinder unterrichten wollte. Ich brach das Studium dann ab und machte eine Umschulung zum Programmierer, was damals extrem gefragt war. Noch am letzten Tag der Umschulung stellte ich bei einem Arbeitgeber vor der mich dann auch einstellte und zwei Wochen später zu einem Projekt nach London schickte. Die fünf Monate da waren die schönsten in meinem ganzen Arbeitsleben. Ich war dann über 30 Jahre in der EDV tätig und habe es bis zum Renteneintritt auch nie bereut. Computer laufen nicht weg und sie machen normal genau das was man ihnen "sagt". Wenn das mal nicht der Fall ist, hat man selbst einen Fehler gemacht. Ich habe nicht lang programmiert, Systemadministrator war eher mein Ding - Ich Chef - Du nix!
reflexxion 25.05.2016
5. etwas naiv ins Studium gesprungen...
bei mir ist das zwar schon lang her, aber zu meiner Zeit wussten wir alle ziemlich wenig von den Berufen auf die unser Studium hinauslief. Ich hatte meinen "Praxisschock" ziemlich spät, kurz vor dem Ende des Studiums. Es war ein Schulpraktikum als Lehramtsstudent in einer neunten Klasse einer Gesamtschule. Der eigentliche Lehrer war mit dem schriftlichem Abitursprüfungen an einer zweiten Schule beschäftigt und ich war allein unter ca 30 mir überwiegend fremden Schülern. Nach etwa 15 Minuten verschwand der erste aus der Klasse, dann wurden es mehr. Gegen Ende der Stunde waren nur noch knapp die Hälfte anwesend. Mir wurde schlagartig klar, das ich nicht mein Leben lang fremde Kinder unterrichten wollte. Ich brach das Studium dann ab und machte eine Umschulung zum Programmierer, was damals extrem gefragt war. Noch am letzten Tag der Umschulung stellte ich bei einem Arbeitgeber vor der mich dann auch einstellte und zwei Wochen später zu einem Projekt nach London schickte. Die fünf Monate da waren die schönsten in meinem ganzen Arbeitsleben. Ich war dann über 30 Jahre in der EDV tätig und habe es bis zum Renteneintritt auch nie bereut. Computer laufen nicht weg und sie machen normal genau das was man ihnen "sagt". Wenn das mal nicht der Fall ist, hat man selbst einen Fehler gemacht. Ich habe nicht lang programmiert, Systemadministrator war eher mein Ding - Ich Chef - Du nix!
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