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Studie zu Jobchancen ohne Berufsabschluss Darum braucht Deutschland ein zweites Ausbildungssystem

In vielen Berufen ist Spezialwissen wichtiger als eine breit aufgestellte Ausbildung. Viele Firmen würden deshalb gern Quereinsteiger einstellen. Eine Studie zeigt, woran es dabei hakt.
Azubis in der Küche

Azubis in der Küche

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Auremar/ imago images/Panthermedia

Wer als Fachinformatiker arbeiten will, muss nicht unbedingt eine Lehre absolvieren. Sieben von zehn Arbeitgebern verlangen von Bewerbern gar nicht alle Kompetenzen, die in der Ausbildung auf dem Lehrplan stehen; von der Installation und Wartung von IT-Systemen über die Arbeit mit Datenbanken bis zur Anwendung und Überprüfung von Programmcode. Es reicht, wenn Bewerber Kenntnisse in einem Spezialgebiet haben - wo und wie sie diese erlangt haben, ist den meisten Arbeitgebern egal.

Und das gilt nicht nur für den Beruf des Fachinformatikers, sondern auch für Köche, Schreiner, Landwirte oder Verkäufer: 80 Prozent aller Unternehmen sind grundsätzlich bereit, auch Menschen ohne Berufsabschluss einzustellen, wenn diese für den Job relevantes Wissen mitbringen. Aber jeder zweite Personalentscheider findet es schwierig, die Qualifikationen von Menschen ohne Abschluss einschätzen zu können. Beruflich verwertbare Kompetenzen sichtbar zu machen, wünschen sich deshalb 70 Prozent aller Entscheider in Personalabteilungen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung, die an diesem Freitag erscheint und dem SPIEGEL vorab vorlag.

Teilqualifizierte sind genauso gefragt wie Menschen mit abgeschlossener Ausbildung

Untersucht wurde, ob Unternehmen teilqualifizierte Arbeitskräfte ohne Berufsabschluss als einsatzfähig betrachten und grundsätzlich bereit sind, diese einzustellen. Die Forscher erstellten eine Liste von 30 Ausbildungsberufen, vom Änderungsschneider bis zum Tiefbauarbeiter, und befragten pro Beruf rund 100 Personalentscheider unterschiedlich großer Firmen nach ihren Anforderungen.

Zentrales Ergebnis der für deutsche Unternehmen repräsentativen Studie: Menschen, die nur über Teilqualifikationen in ihrem Beruf verfügen, sind als Mitarbeiter genauso gefragt wie Menschen mit abgeschlossener Ausbildung. Viele Unternehmen suchen sogar explizit Mitarbeitende, die lediglich eines der üblicherweise fünf bis sechs Einsatzfelder eines Berufs beherrschen.

"Deutschland ist ein Land, in dem Abschlüsse sehr wichtig sind"

Roman Wink, Leiter der Bertelsmann-Studie "Arbeitsmarktbedarfsanalyse zu beruflichen Kompetenzen und Teilqualifikationen"

Dass Bewerber ohne Berufsabschluss trotzdem Schwierigkeiten bei der Stellensuche haben, weiß Studienleiter Roman Wink aus eigener Erfahrung: Er hat früher in der Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung gearbeitet.

"Deutschland ist ein Land, in dem Abschlüsse sehr wichtig sind", sagt Wink. "Dabei sind sich alle einig, dass Kompetenzen, die man bei der praktischen Arbeit erwirbt, sehr viel wertvoller sind als theoretisches Wissen. Trotzdem fallen Menschen, die ihren Job verlieren, immer auf den letzten Abschluss zurück. Wer keinen Berufsabschluss hat, landet damit auf Stufe Null - auch wenn er oder sie nützliches Fachwissen aus vorherigen Jobs besitzt." Das Problem sei, dass sich dieses Wissen schwer nachweisen lasse.

Es gibt Jobprofile, in denen Teilwissen reicht

"Unternehmen sind rationale Organisationen: Sie stellen die Bewerber ein, die am meisten können. Aber unsere Studie zeigt, dass es durchaus Jobprofile gibt, in denen Teilwissen reicht und in denen Teilqualifizierte nicht nur als Notlösung oder betriebliche Lückenfüller gesucht werden", sagt Wink.

In 16 der 30 untersuchten Berufe gaben die Personalentscheider an, einen vergleichbaren Bedarf an teil- und vollqualifizierten Arbeitskräften zu haben. Von den Unternehmen, die Berufskraftfahrer, Verfahrensmechaniker oder Köche beschäftigen, gaben sogar rund 90 Prozent an, in erster Linie teilqualifizierte Mitarbeitende zu suchen - allerdings fällt in diese Kategorie zum Beispiel auch eine Restaurantchefin, die einen Tellerwäscher sucht, weil "Spül- und Reinigungsarbeiten durchführen" als ein Einsatzfeld des Berufs Koch gewertet wird.

Spezialisierung prägt den Arbeitsmarkt

Suchen die Unternehmen also nur deshalb Teilqualifizierte, weil sie niedrigere Löhne zahlen wollen? Studienleiter Wink glaubt das nicht. Denn seine Studie zeigt auch, dass die befragten Personalentscheider sehr unterschiedliche Kenntnisse von teilqualifizierten Bewerbern erwarten. In keinem der 30 Berufe gibt es Kombinationen von Einsatzfeldern, die von allen Befragten als relevant angegeben wurden. Wink erklärt das damit, dass Spezialisierung und Arbeitsteilung mittlerweile den gesamten Arbeitsmarkt prägen.

Im Schreinerhandwerk stellen manche Betriebe beispielsweise ausschließlich Küchen her, andere nur Fenster oder Türen. Koch-Azubis planen Menüs, kreieren Desserts und Salate, servieren Speisen und Getränke und erstellen Rechnungen. Für die tägliche Arbeit brauchen viele später aber nur einen Teil des Wissens, das sie in der Ausbildung vermittelt bekommen haben.

"Viele Ausbildungsberufe sind sehr breit angelegt, das macht für Jugendliche auch Sinn", sagt Wink. "Aber Erwachsene über 25 Jahren leben in einer anderen Lebensrealität. Sie in eine Ausbildung zu vermitteln, ist sehr schwer. Wir brauchen deshalb einen zweiten Weg, ein modulares Ü25-Ausbildungssystem." Dieses müsse es den Menschen erlauben, einzelne Teilbereiche einer Lehre zu durchlaufen, auch berufsbegleitend. So könnten Kompetenzen Stück für Stück ausgebaut und mit Zertifikaten sichtbar gemacht werden. Und mit den Abschlussprüfungen der einzelnen Lehrmodule könnten auch Menschen, die beispielsweise in anderen Ländern in ähnlichen Jobs gearbeitet haben, ihre Fähigkeiten nachweisen.

Teilqualifikationen in Tarifverträge aufnehmen

Ein entsprechendes Tool haben Winks Kollegen schon erarbeitet: Das von der Bertelsmann Stiftung initiierte computergestützte Testverfahren "MySkills" fragt mithilfe von Videos und Bildern relevante Praxiserfahrungen von Arbeitslosen ab. Gezeigt werden beispielsweise vier unterschiedlich zerlegte Möhren: Geraspelt, gestückelt, in Scheiben geschnitten. Dazu wird gefragt: "In welcher Art zerkleinern Sie die Möhren, wenn Sie sie auf dem Salatbuffet anbieten wollen?" Rund 12.000 bei Jobcentern und Arbeitsagenturen gemeldete Jobsuchende haben den Test bereits angewendet, sagt Wink.

Er wünscht sich, dass Teilqualifikationen in Zukunft auch in Tarifverträge aufgenommen werden. Zum einen, um zu gewährleisten, dass die Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend entlohnt werden. Und zum anderen, um einen Anreiz dafür zu schaffen, dass sich Beschäftigte auch bis zum Berufsabschluss weiterqualifizieren. 

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