Leiterin einer Frauenübernachtungsstelle "Der größte Fehler wäre, Mitleid zu zeigen"

Gewalt, Drogen, Krankheit: Die Frauenübernachtungsstelle Dortmund ist für viele die letzte Rettung vor Obdachlosigkeit. Leiterin Ilda Kolenda erzählt, was ihr dabei hilft, solche Schicksale zu verarbeiten.

Aufenthaltsraum der Frauenübernachtungsstelle in Dortmund
Diakonie Dortmund

Aufenthaltsraum der Frauenübernachtungsstelle in Dortmund

Aufgezeichnet von Alexandra Trudslev


Eine gutbürgerliche Straße in Dortmund . Zwischen weißer Anwaltsvilla und Synagoge steht ein hellgraues dreistöckiges Haus, mehrere Stufen führen zu einer Glastür, daneben ein weißer Klingelknopf. Wer achtlos vorbeigeht, würde hinter der Fassade wohl kaum einen Zufluchtsort vermuten. Wer aber die Stufen hinaufsteigt, sieht die transparenten Buchstaben auf der Tür: Frauenübernachtung.

In dieser Einrichtung, die die Diakonie betreibt, erhalten Frauen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, kurzfristig ein Dach über dem Kopf. Leiterin Ilda Kolenda wünscht sich oft, sie könnte mehr Betten herbeizaubern, häufig sind hier alle Plätze belegt. Aber sie ist Sozialarbeiterin - und da lernt man vieles, nur zaubern eben nicht. Hier erzählt sie über ihren Berufsalltag.

Zur Person
  • Diakonie Dortmund
    Ilda Kollenda, Jahrgang 1984. leitet die Frauenübernachtungsstelle der Diakonie in Dortmund. Das Haus bietet 20 Betten, zwei Notbetten und Plätze für Mütter mit Kindern. Außerdem gibt es weitere Noträume in Außenbezirken. Die Einrichtung ist eng vernetzt mit den Frauenhäusern in der Region. Dorthin werden vor allem Frauen vermittelt, die vor Gewalt in der Familie fliehen.

"Die Frauen, die hier klingeln, haben oft nichts mehr. Nur noch die Aussicht, auf der Straße zu landen. Hier bieten wir ihnen ein Bett in Gemeinschaftszimmern an, wo sie auch tagsüber bleiben dürfen. Sie können duschen, Wäsche waschen und in einer Gemeinschaftsküche Essen zubereiten. Es ist also keine klassische Notschlafstelle, in der man morgens die Räume verlassen muss.

Wir haben hier bewusst einen Rückzugsort für eine besonders schutzbedürftige Gruppe von Frauen geschaffen, an dem wir Sozialarbeiter unsere Hilfe anbieten. Zu uns kommen Frauen aus allen Schichten, die aus unterschiedlichen Gründen in eine Notlage geraten sind. Zunehmend suchen diejenigen eine kurzfristige Bleibe bei uns, die wegen nicht diagnostizierter psychischer Erkrankungen zwangsgeräumt wurden und durch alle kommunalen Hilfsangebote gefallen sind.

Bis zu 50 Prozent, die bei uns unterkommen, sind suchtkrank. Manche leben in einer Art verdeckter Obdachlosigkeit. Das heißt, sie wohnen mal hier, mal da. Wir lehnen grundsätzlich keine Frau ab - egal, in welchem Zustand sie vor uns steht. Einige leiden an HIV, Hepatitis und schweren Lungenerkrankungen.

Der Eingang der Frauenübernachtungsstelle
Diakonie Dortmund

Der Eingang der Frauenübernachtungsstelle

Es kommt vor, dass manche Frauen so erschöpft sind, dass ich sie erst einmal bis zur Dusche begleite. Berührungsängste darf ich hier nicht haben. Der größte Fehler wäre, Mitleid zu zeigen. Jede Frau weiß selbst am besten, in welcher Lage sie ist.

Es klopft an der Tür, eine junge Frau in einem rosa Jumpsuit blickt durch den Türschlitz. Ilda Kolenda sagt auf Englisch: "Ist dein Auge besser? Ich kann aber jetzt nicht, du musst noch etwas warten. Leg dich mal hin - komm erstmal zur Ruhe."

Als Sozialarbeiterin bekomme ich viel von dem Alltag der Frauen mit. In der Regel verbringen sie ihre Zeit hier auf dem Zimmer und versuchen, irgendwie abzuschalten. Natürlich erfahre ich auch, welche Rauschmittel gerade angesagt sind, auch wenn im Haus jeglicher Alkohol- und Drogenkonsum verboten ist.

Was mir bei dem Thema zunehmend Sorgen macht, sind die sogenannten Legal Highs. Das sind extrem billige, synthetisch hergestellte Rauschmittel, die im Netz legal zu kaufen sind. Die teils als Badezusatz deklarierten Substanzen haben psychoaktive Wirkstoffe, die sich extrem auf das Gehirn auswirken. Ich habe Frauen erlebt, die das Zeug drei Monate genommen haben und ziemlich desolat wirken. Die schlafen im Stehen ein, ihre Augen sind so leer und willenlos, wie ich es bei keiner anderen Droge beobachtet habe. Ihr Sprachzentrum ist in kürzester Zeit wie aufgelöst und zwar dauerhaft, wie mir scheint.

"Ich kann niemanden zwingen"

Ich biete natürlich jeder Suchtkranken Hilfe an. Doch ich kann niemanden zwingen, sich helfen zu lassen. Manche Frauen haben schlicht nicht mehr die Kraft, etwas zu ändern. Sie haben bereits mehrere Entzugsversuche hinter sich - ohne Erfolg. Das zu akzeptieren, ist eine Herausforderung in meinem Beruf.

Das Handy klingelt. Ilda Kolenda blickt kurz auf das Display und sagt: "Eigentlich habe ich heute frei."

Seit mindestens drei Jahren sind wir ständig überbelegt. Dann müssen wir die Frauen dezentral in anderen Räumen unterbringen, was die soziale Betreuung zunehmend komplizierter macht. Warum sich die Lage so verschärft hat? Es gibt mehr Altersarmut, mehr Konkurrenz um freie Wohnungen und mitunter weniger soziale Bindungen in den Familien. Außerdem ist unsere Einrichtung durch das Internet bekannter geworden.

Blick in eines der Übernachtungszimmer
Diakonie Dortmund

Blick in eines der Übernachtungszimmer

In der Regel sollen die Frauen nach einem halben Jahr wieder eine Wohnung gefunden haben, manche aber bleiben länger bei uns. Und manche kommen immer wieder. Ich habe gelernt, genau hinzusehen und zuzuhören. Es kommt vor, dass Frauen völlig normal wirken - und sich erst bei längerer Beobachtung zeigt, dass sie eine schwere Psychose haben. Diese Erkrankungen sind nie von einem Arzt diagnostiziert worden. Die Betroffenen haben sich damit zuhause versteckt, ihren Zustand abgestritten.

Wir hatten hier eine Lehrerin, gut situiert, sprachlich gewandt, gepflegt, informiert - und doch fast obdachlos. Wie konnte es soweit kommen? Nach einigen Tagen bei uns zeigte sie einen psychotischen Schub. Sie sah überall Feinde, fühlte sich beobachtet. Mit diesen Zuständen hat sie es nie geschafft, ihre Rente zu beantragen, ihre Mieten zu überweisen und ihre Nachbarn in Ruhe zu lassen. Das führte zur Zwangsräumung, zu völliger Ablehnung aller kommunalen Hilfsangebote und schließlich zu uns.

Es klopft wieder an der Tür. Niemand reagiert.

Viele sagen: 'Mensch, das könnte ich nicht. All das Leid in deinem Job.' Dabei komme ich jeden Tag sehr gerne hier hin. Hier ist nichts wirklich planbar. Wer wann wie Hilfe braucht, das zeigt sich jeden Tag aufs Neue. Wir telefonieren viel mit Ämtern, unterstützen die Frauen beim Ausfüllen der Anträge auf Hilfeleistungen, informieren über Therapiemöglichkeiten.

Die Regelarbeitszeit reicht kaum

Dazu kommen die akuten Krisen, in der sich die Frauen befinden und unsere Aufmerksamkeit fordern. Wir arbeiten in Drei-Schichten, rund um die Uhr. Unser Team besteht aus acht Mitarbeitern. Ich habe eine 39-Stunden-Woche inklusive Wochenenddiensten, doch oft schaffe ich als Teamleitung gar nicht, alles in der Regelarbeitszeit zu erledigen.

Mir hilft beim Abschalten, dass ich ein stabiles privates Umfeld habe. Und natürlich gibt es immer wieder Lichtblicke, die mich im Job sehr glücklich machen. Etwa, wenn eine Frau wieder eine eigene Wohnung findet. Oder wenn eine Suchtkranke einen Entzug durchsteht.

Was mich aber am meisten durch den Tag trägt, ist der Humor. Ich habe gelernt, dass es ohne ihn einfach nicht geht. Wir haben es mit verzweifelten Menschen zu tun, die vom Leben die volle Breitseite abbekommen haben. Und jede Einzelne ist froh, wenn sie auf Menschen trifft, die mit ihr lachen. Und wir lachen hier tatsächlich sehr viel."



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
mark.muc 26.03.2019
1. Wie bei den obdachlosen Männern...
Dieselben Gruende, Drogen, Arbeitslosigkeit, gewalttätige Partnerinnen, totaler Verlust familiärer Bindungen. Anders war allerdings der völlige Mangel jedweder gesellschaftlicher Empathie für obdachlose Maenner. Gibt es zu viele von ihnen? Ich hatte seinerzeit Zivildienst in einem Obdachlosenheim fuer Maenner geleistet. Fuer uns Zivildiesnstler war das damals ebenfalls eine enorme psychische Belastung. Wir waren 18 oder 19 Jahre alt und hatten gerade die Schule verlassen.
Onkel Drops 26.03.2019
2. die genannten legal highs sind garnicht mehr legal!
etwas veraltet der Text! das wurde bereits gesetzlich verboten unbekannte psychoaktive Substanzen zu verkaufen. da ist der Bericht schon richtig bezüglich den Auswirkungen , die teils verheerender wirken wie das zu imitierende Rauschzeug (falsches Gras, Speed und garantiert nicht mit sauberen Chemikalien produziert). Hochachtung trotzdem das ist kein leichter Job
hansfrans79 27.03.2019
3.
Zitat von mark.mucDieselben Gruende, Drogen, Arbeitslosigkeit, gewalttätige Partnerinnen, totaler Verlust familiärer Bindungen. Anders war allerdings der völlige Mangel jedweder gesellschaftlicher Empathie für obdachlose Maenner. Gibt es zu viele von ihnen? Ich hatte seinerzeit Zivildienst in einem Obdachlosenheim fuer Maenner geleistet. Fuer uns Zivildiesnstler war das damals ebenfalls eine enorme psychische Belastung. Wir waren 18 oder 19 Jahre alt und hatten gerade die Schule verlassen.
Meine Erfahrung ist da anders. Gewalttätige Partnerinnen waren dir absolute Ausnahme. Statistisch belegt ist sich, dass Gewalt deutlich öfter vom männlichen Partner ausgeht. Ich hatte auch "gerade dir Schule verlassen", aber mich hat es psychisch nicht sonderlich belastet, da es nur ein Jahr war, was von Anfang an klar war.
mark.muc 27.03.2019
4. @hansfrank79
Die psychische Belastung hängt natuerlich davon ab, wie stark man die Dinge an sich heran laesst. Ich bin ein weißer alter Mann, deshalb waren es bei mir uebrigens 18 Monate. Aber bereits nach wenigen Tagen war ich belastet, z.B. wenn die Maenner beim Aufnahmeprotokoll von ihren schweren Erfrierungen berichteten. Ich traf durchaus auf mehrere Maenner, die der Gewalt ihrer Frauen ausgesetzt waren. Die Statistik hilft da übrigens dem einzelnen Menschen wenig. Mitgefühl (das ist kein Mitleid) bezieht sich bei mir immer auf die einzelne Person (egal ob Frauen oder Maenner). Im Übrigen sehe ich da auch keine statistischen Beweise. Es gibt auch Untersuchungen, die sogar behaupten, daß Gewalt in der Partnerschaft eher von Frauen als von Maennern ausgeht. Valide sind diese Untersuchungen alle nicht. Nicht einmal der Begriff der Gewalt ist genau definiert. Zudem sprechen alle Untersuchungen von extrem hohen Dunkelziffern und es spricht viel dafür, daß diese Dunkelziffer bei Maennern sehr viel hoeher ist als bei Frauen. Mit anderen Worten: Bewiesen ist hier gar nichts. Es werden nur Vorurteile bedient.
Nania 27.03.2019
5.
Zitat von mark.mucDieselben Gruende, Drogen, Arbeitslosigkeit, gewalttätige Partnerinnen, totaler Verlust familiärer Bindungen. Anders war allerdings der völlige Mangel jedweder gesellschaftlicher Empathie für obdachlose Maenner. Gibt es zu viele von ihnen? Ich hatte seinerzeit Zivildienst in einem Obdachlosenheim fuer Maenner geleistet. Fuer uns Zivildiesnstler war das damals ebenfalls eine enorme psychische Belastung. Wir waren 18 oder 19 Jahre alt und hatten gerade die Schule verlassen.
Ich habe selbst einmal ein langes Gespräch mit der Leiterin einer Frauen-Obdachlosenhilfe gehabt. Sie machte mir sehr deutlich klar, wo die großen Unterschiede zwischen Männern, die obdachlos werden und Frauen, die selbes Schicksal erleiden, liegt und das ist in der Mehrheit der körperliche Übergriff. Einerseits ist es bei Frauen häufiger der Fall, dass sie sich bei "Bekannten" einquartieren können, die dann "Gegenleistungen" haben wollen - das ist nicht immer so, aber kommt wohl gerade bei Personen, die es finanziell schwer haben und auch sozial benachteiligt sind, viel häufiger vor als man glaubt, andererseits haben auch Frauen mehr Angst, z.B. in Obdachlosenunterkünften zu schlafen. Einerseits, weil diese häufig nicht auf Frauen vorbereitet sind, z.B. keine getrennten Räume anbieten und andererseits, weil sie sich dort in eine Raum der Unsicherheit begeben, der für Frauen noch einmal schwieriger ist als für Männer. Auch ist es leider so, dass es viele Frauen gibt, die mit Kindern (!) obdachlos werden, gerade mit kleinen Kindern. Da ist ein Problem, dass sich Männern eher selten stellt. Ich möchte damit nicht sagen, dass nicht auch für die männlichen Obdachlosen etwas getan werden sollte, da muss ganz klar was gemacht werden. Aber Häuser, die sich speziell an Frauen richten, brauchen wir, unter anderem deshalb, weil die Ausgangslage völlig anders ist.
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