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Job & Karriere

Ein Schäfer erzählt "Ich darf es mir mit Lotta nicht verscherzen"

Geregelte Arbeitszeit? Gutes Einkommen? Fehlanzeige. Hier erzählt ein Schäfer, warum er seinen Beruf trotzdem liebt - und was er von Schafen über guten Führungsstil gelernt hat.
Symbolbild. "Eigentlich wird uns Schäfern immer mehr von unserer Existenz genommen"

Symbolbild. "Eigentlich wird uns Schäfern immer mehr von unserer Existenz genommen"

Foto: Getty Images

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll"erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwältin oder Betreuer im Jobcenter.

"Im angrenzenden Nordrhein-Westfalen treibt Wölfin Gloria ihr Unwesen. Sie überwindet Elektrozäune , schreckt auch vor Herdenschutzhunden nicht immer zurück und hat schon einen ganzen Haufen Schafe gerissen. Die Kollegen dort leben in Angst um unsere Herden.

Meiner Meinung nach sollte Gloria getötet werden, damit die Schafe wieder sicher sind. Einige Tierschützer sind dafür, sie einzufangen und einzusperren, zum Beispiel in einen Zoo. Davon halte ich aber nichts. Gloria ist ein Wildtier, das in Freiheit gelebt hat und sich in Gefangenschaft nur quälen würde. Leider gibt das Umweltministerium uns Schäfern die Schuld. Es behauptet, wir hätten unsere Tiere nicht gut genug geschützt und sind deshalb selbst Schuld daran, dass Gloria die Schafe gerissen hat. Das ist natürlich Quatsch.

Ein Wolf, der wie Gloria gelernt hat, Elektrozäune und alle unsere Schutzmaßnahmen zu umgehen, muss schnellstmöglich weg, bevor sie anderen Wölfen beibringt, was sie Tolles gelernt hat. Das wäre für den Schafbestand im ganzen Landkreis fatal.

Natürlich hören wir auch immer wieder blöde Sprüche. "Wieso jammerst du deinem Schaf hinterher? Das wird doch sowieso geschlachtet", sagen manche Leute. Sie verstehen nicht, dass wir eine sehr gute Beziehung zu unseren Schafen haben und sie unsere Existenz darstellen.

Lotta ist eine richtige Karrierefrau

Ich habe die Verantwortung für fünfhundert Mutterschafe und hundert Lämmer. Ohne tierische Unterstützung durch meine Hunde funktioniert das nicht. Sonst rennen alle sechshundert Tiere in verschiedene Richtungen und wollen fressen. Ich habe ein Leitschaf, das Lotta heißt. Lotta ist eine richtige Karrierefrau. Sie hat innerhalb der Herde ein super Standing und wird von allen respektiert.

Wenn Lotta stehen bleibt, traut sich kein Schaf an ihr vorbei. Außerdem ist sie das Bindeglied zwischen allen Schafen und mir, dem obersten Chef der Herde. Ich darf es mir mit Lotta nicht verscherzen. Wir müssen Freunde sein und das auch ohne Bestechung und Leckerlis.

Es ist wie in jeder Firma: Wenn ich die mittlere Führungsebene nur halten kann, wenn ich jedem einen Dienstwagen kaufe, dann funktioniert dieses Konstrukt nur sehr kurz. Echte Loyalität ist wichtiger. Lotta hat übrigens auch im hohen Alter noch Lämmer zur Welt gebracht, die später auch gute Leitschafe wurden.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Stundenlohn: 6,80 Euro

Ich habe meinen Bestand von über 1200 Mutterschafen reduziert, denn ich arbeite schon seit über dreißig Jahren und möchte mich demnächst zur Ruhe setzen. Ich wünsche mir sehr, dass ich einen Nachfolger finde, der meine Herde übernimmt. Aber bisher möchte niemand meine Arbeit weiterführen.

Das wäre schlimm, denn ich habe in den letzten Jahrzehnten den Naturschutz in meiner Region ausgebaut und vorangetrieben. Schafe können auch auf unwegsamem Gelände leben. Sie verhindern die Erosion an Deichen und Hängen, düngen die Landschaft und machen so den Boden fruchtbar. Seitdem ich hier bin, gehört meine Region aus Naturschutzsicht zu den am besten gepflegten Gebieten in Rheinland-Pfalz. Wenn ich aufhöre, wäre das alles Geschichte.

Ich hatte mal einen absoluten Traumjob, aber warum ihn jemand unter den heutigen Bedingungen noch ergreifen sollte, kann ich schwer erklären. Ich arbeite an 365 Tagen im Jahr, ohne Wochenende und ohne Urlaub. Auch bei Regen, Wind und Sturm bin ich meist draußen bei meinen Tieren. Dabei verdiene ich etwa 6,80 Euro pro Stunde. Ich verkaufe die Wolle meiner Schafe und das Fleisch. Aber viel verdiene ich damit nicht.

Zittern vor der EU

Mit dem Geld, das ich für die Wolle bekomme, kann ich ganz knapp die Scherer bezahlen, die kommen, um die Schafe zu scheren. Ich schaffe es nicht allein, über 600 Tiere zu scheren. Für ein Kilo Schaffleisch bekomme ich ungefähr 0,80 Euro, für Lammfleisch etwa 2,20 Euro. Der Preis ist in den vergangenen zwei Jahren stark gesunken, um etwa 80 Cent pro Kilo. Und die Ausgaben für die Schafe, zum Beispiel für den Herdenschutz sind gestiegen.

Auch die bürokratischen Hürden werden immer größer. Zum Beispiel muss ich zittern, ob die Europäische Union (EU) mein Weideland als landwirtschaftliche Fläche anerkennt. Doch die Kontrolleure, die sich das Land anschauen, haben ein Maisfeld im Kopf, mit geraden Linien, auf denen die Pflanzen wachsen. Das hat mit meinen Steilhängen natürlich wenig zu tun.

Auch die Auflagen für die Schlachtstätten sind immer härter geworden. Deshalb schlachte ich nicht mehr selbst, sondern verkaufe die Tiere nur noch lebend. Auch auf den Markt gehe ich deshalb nicht mehr. Eigentlich wird uns Schäfern immer mehr von unserer Existenz genommen."

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