Deutscher Professor in Kanada "Ich hatte die Wahl - Ausland oder Karriereknick"

In Deutschland hangelte er sich von einer befristeten Stelle zur nächsten. In Kanada wurde er vom Bittsteller zum Umworbenen. Trotzdem träumt Medizingeschichtsprofessor Thomas Schlich von der Rückkehr.


"Vor zwölf Jahren stand ich beruflich an einer Schwelle: Ich war Anfang 40, habilitiert und hochqualifiziert. Trotzdem fand ich nach mehreren befristeten Stellen kein neues Angebot. Ich stand vor der Wahl: Ausland oder Karriereknick?

Nach dem Ende meines Medizinstudiums hatte ich eineinhalb Jahre an der Universitätsklinik in Marburg als Arzt gearbeitet, aber meine zweite Leidenschaft, die Geschichte, hat mich nie ganz losgelassen. Mit einem DAAD-Stipendium ging ich für ein Jahr nach Cambridge, um mich dort mit der Geschichte der Medizin zu beschäftigen.

Als ich aus England zurückkam, war mir klar, dass ich in diesem Bereich bleiben möchte. Mir gefällt es, Dingen stärker auf den Grund gehen zu können. Eine Zeitlang hatte ich Glück und fand immer wieder eine Anschlussfinanzierung für meine Forschung. Das offenbart aber auch das große Problem, das viele junge Wissenschaftler in Deutschland haben: Man hangelt sich von einer befristeten Stelle zur nächsten, ohne Planungssicherheit. Ganz anders sieht das in Kanada aus. Dort erhält man häufig schon mit Anfang 30 eine Stelle auf Lebenszeit.

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Studenten auf Geldsuche: Mit Crowdfunding zur Forschungsreise
An der McGill University in Montreal gibt es ein Institut für Social Studies of Medicine, da passte ich mit meinem Profil sehr gut hinein. Meine Bewerbung begann mit einer Sprachverwirrung: Die Nordamerikaner kennen weder den Dr. med. noch die Habilitation. Für sie ist der höchste akademische Grad der PhD. Ich kenne eine Reihe von Leuten, die hier keine Stelle bekommen haben, weil sie 'nur' mit dem Dr. med. aufwarten konnten und dieser Abschluss in Kanada nicht zum Forschen berechtigt. Umgekehrt ist es genauso: Wer als deutscher Forscher nach der Promotion sofort eine Stelle im Ausland antritt und sich nicht habilitiert, könnte bei der Rückkehr nach Deutschland Schwierigkeiten bekommen. Man hat dann ja 'nur' einen PhD.

Ich habe die Frage ganz einfach gelöst und ein bisschen getrickst, indem ich meine Habilitation als Pendant zum PhD eingestuft habe - erfolgreich, denn ich wurde zum Berufungsverfahren eingeladen. Schon beim ersten Treffen offenbarten sich die Unterschiede: In Deutschland werden Bewerber ja oft wie Bittsteller behandelt, nach dem Motto: 'Wir haben schließlich den Job, den sie wollen.' In Kanada ist es umgekehrt, da heißt es: 'Sie sind derjenige, den wir unbedingt für diesen Job wollen!'

Wir sehr sich die Hochschulen um die Kandidaten bemühen, zeigt auch das sogenannte Spousal Hiring: Wenn man eine Zusage erhält, versuchen die Unis, eine passende Arbeitsstelle für den Ehepartner zu finden. An manchen Hochschulen werden diese Stellen sogar eigens geschaffen.

Eigentlich würde ich lieber in Deutschland leben

Während in Deutschland meistens alle auf einmal zu einem Termin kommen, wird hier jeder Bewerber einzeln eingeladen. Die Reise wurde mir damals bezahlt, ich wurde zum Essen ausgeführt und hatte Gespräche mit jedem Institutsmitarbeiter. Es ging vor allem darum, herauszufinden, ob man zueinander passt. Als Bewerber fühlt man sich durch diese Bemühungen sehr wertgeschätzt. Genau an dieser Wertschätzung mangelt es in deutschen Berufungsprozessen häufig.

In Deutschland entscheidet der Institutsleiter Personalfragen häufig im Alleingang. Wenn hier bei McGill ein neuer Mitarbeiter angestellt werden soll, wird eine Kommission im Department gebildet, und so entscheiden die Kollegen gemeinsam, wer die Stelle bekommt. Vielleicht ist darum die Atmosphäre in Kanada so angenehm. Die Mitarbeiter arbeiten eigenverantwortlicher, man ist sehr offen zueinander - und dadurch ist das System leistungsfähiger.

Der Unterricht findet auf Englisch statt. Die Universität ist eine englischsprachige Insel in der französischsprachigen Provinz Quebec. Im Alltag stößt man auf einen Mix aus beiden Sprachen. Das macht auch das besondere Flair der Stadt aus. Der Umgang mit der englischen Sprache fällt mir leichter, aber ich bemühe mich, mein Schulfranzösisch weiterzuentwickeln.

Ob man in Nordamerika als Forscher ein besseres Leben hat? Ich denke, da ist etwas dran. Hier fließt sehr viel Geld in die Forschung, viele neue und spannende Ergebnisse kommen von hier. Und der gute Ruf der Hochschulen lockt Forscher aus aller Welt. In meinem Department arbeiten Leute aus Deutschland, der Schweiz, England und Kanada. Diese Vielfalt kannte ich aus Deutschland nicht. Momentan tendiere ich daher dazu, in Kanada zu bleiben, auch wenn ich eigentlich lieber in Deutschland leben würde. Kultur, Sprache und Werte machen Deutschland für mich als Ort zum Leben schon sehr attraktiv."

Kulturschock

Protokolliert von Marie-Charlotte Maas

insgesamt 28 Beiträge
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trinityguildhall 02.07.2014
1. Ich verstehe das Dilemma...
Wer in Deutschland schon einmal einem Berufungsverfahren fuer eine Professur (egal ob FH oder Uni) beigewohnt hat, kann nur noch den Kopf schuetteln. Da fallen dann oft Aussagen wie z.B. "wir sagen Ihnen (dem Kandidaten) dann in ca. 6-8 Monaten Bescheid" usw. Im englischsprachigen Raum werden die Entscheidungen zeitnah, spaetestens aber innerhalb einer Woche getroffen. Zudem gibt es in vielen Laendern unbefristete Stellen fuer Akademiker unterhalb der Professur (z.B. Lecturer/Senior Lecturer usw.). Das widerum bedeutet dass man auch mit Ende 20 ohne Probleme eine gutbezahlte Festanstellung an einer Uni mit Aufstiegsmoeglichkeiten bekommt. In Deutschland fehlt der akademische Mittelbau komplett. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Habilitand, oder Akademischer Rat wird man oft nur ausgebeutet. Irgendwann ist man dann 40+ Jahre alt und hat keine Professur. Da werden intelligente Menschen die extrem hart gearbeitet haben einfach aussortiert und bekommen im schlimmsten Fall Hartz 4. Die einzig sinnvolle Alternative ist ins Ausland zu gehen, Kanada, USA, UK, Australien, usw. Das deutsche System stinkt und bedeutet vor allem Ausbeutung und wenig Leistung auf seiten der Professoren.
Koda 02.07.2014
2. Liegt wohl nicht nur am LAnd sondern auch an der Brannche
Zitat von sysopMTOQ, Cécile BenoitIn Deutschland hangelte er sich von einer befristeten Stelle zur nächsten. In Kanada wurde er vom Bittsteller zum Umworbenen. Trotzdem träumt Medizingeschichtsprofessor Thomas Schlich von der Rückkehr. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/jobs-fuer-forscher-deutscher-professor-wandert-nach-kanada-aus-a-977234.html
Ich wurde 1997 Elektroingenieur. Ich nahm bei meinen Bewerbungen an Einzelgesprächen teil sowie an einem sogenannten Assesment Center mit 10 Teilnehmern, worauf ich mal eine Kurzschulung gehabt hatte. Bei einem Bewerbungsgespräch lernte ich das Spiel "Guter Cop - Böser Cop" kennen, wo der Chef der Firma mich eher abwertend behandelte und sein Vize jede meine Äußerung euphorisch kommentierte. Der Chef einer Firma für Bäckereigeräte, für den ich 100 km hin und zurück gefahren war, hatte ein unaufgeräumtes Büro und war im Gegensatz zu anderen nicht bereit die Fahrtkosten zu erstatten. So kanns gehen. Seit vielen Jahren bin ich nun in einem Bildungsintoitut tätig. Für jede neue Stelle gibt es ebenfalls eine komplette Komisison bestehend aus bis zu fünf Mitgliedern. Offen ist man nur, wenn man derselben KASTE angehört und manch ein Kommisionnsmitglied erhält noch nicht mal den eigentlich vorgeschriebenen Sitzungsbericht.
smartphone 02.07.2014
3. Kultur
Ja , die "Kultur" ist wirklich bemerkenswert.....Besonders die Absagekultur: Da jammert der Konzern vom Fachkräftemangel, intern wird sogar Kopfgeld ausgelobt..und was bekommt man als Topuniabsolvent mit Fach- und Führungserfahrung zu lesen : "guten Leuten muß man absagen" ...aha .. oder der "Wir liegen unter dem Tisch vor Lachen,wenn sich ein Hochqualifizierter bei uns bewirbt" oder den Schneekrümel auf der Spitze des Eisbergs: "Wir brauchen Ingenieure nicht , und das auf Dauer "............ Sie können sich jetzt aussuchen ,vom wem welches Zitat stammt : BOSCHREXROTH , Daimler , ReisRobotics
Robeuten_II 02.07.2014
4.
Hallo, interessante Geschichte; kenne ich sehr ähnlich... Eine Frage: Herr Schlich sagt, er habe "getrickst", und seine Habil als PhD verkauft - kenne viele, die das ähnlichl machen, da " postdoctoral lecture qualification" sehr sperrig, und "venia docendi" meist unbekannt. Andere "übersetzten" das wahlweise als "assistant professor", oder "associate professor" - was ist denn, bitte sehr, korrekt?!?
solna 02.07.2014
5. Spannend?
"Kultur, Sprache und Werte machen Deutschland für mich als Ort zum Leben schon sehr attraktiv." Ein irrer Satz, der durchaus der Reflexion lohnt. Dieser Mann nutzt ein sehr grobes Muster für seine Bewertung, oder aber er denkt sehr, sehr schlicht. Ich denke, dass der Gewinn von zwei weiteren Sprachen gar nicht überschätzt werden kann. Allzu schlimm wird es schon nicht sein mit der Ferne zu Deutschland. Wer im Gespräch mit dem Spiegel eine schwache Allerweltsvokabel wie "spannend" benutzt ("Neue und spannende Ergebnisse kommen von hier."), hat sich von der deutschen Sprachkultur ohnehin längst verabschiedet.
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