Jobs in der Kunstbranche Es geht auch ohne Pinsel

Traumberuf Künstler, aber leider kein Maltalent? Keine Sorge, es gibt auch andere Jobs, die in dem Metier glücklich machen. Ein Transporteur, eine Kuratorin und ein Soundinstallateur erzählen, warum sie nicht mehr tauschen möchten.

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Der Kunsttransporteur: "Wie Arbeit fühlt sich das nicht immer an"

 Klaus Hillmann , 58, fährt mit seinem Team Kunstwerke durch ganz Europa
privat

Klaus Hillmann, 58, fährt mit seinem Team Kunstwerke durch ganz Europa

"Nächste Woche fahren wir einen Lastzug voller Werke für eine Ausstellung nach Brüssel. Aber eigentlich halte ich mir den Museumsmarkt ein bisschen vom Hals. Ich habe einen kleinen Fuhrpark, wir sind Freunde der kleinteiligen Arbeit. Dazu gehört etwa, dass wir regelmäßig Werke einer Firmensammlung in ganz Europa transportieren. Wir pendeln zwischen Auktionshäusern, Ateliers und Galerien, zweimal die Woche fahren wir nach London, Paris und in die Schweiz. Wir sitzen hier in Frechen bei Köln ziemlich genau in der Mitte.

Ich mache das jetzt seit über 30 Jahren. Alles fing damit an, dass die Galerie 'Der Spiegel' in Köln jemanden suchte, der einen Führerschein hat und Französisch kann - um eine Ladung aus Paris zu holen. Das war 1976. Als ich wiederkam, machte ich weiter, fuhr Bilder zur Rahmenhandlung und holte sie wieder. Ich hatte Buchhändler gelernt, aber schnell gemerkt, dass ich dafür zu viele Hummeln im Hintern habe. Und 1979 habe ich mir dann mit geliehenem Geld einen kleinen Transporter gekauft.

Man kann bezahlterweise durch die Welt fahren und trifft Künstler, Sammler und Museumsleute, die alle Leidenschaft für das haben, was sie machen. Sieben Jahre habe ich alles alleine gemacht, ab und an kamen auch meine Kinder mit quer durch Europa - wie Arbeit fühlte sich das nicht immer an.

Künstler wissen besser, wie man mit Werken umgeht

Heute habe ich 50 angestellte Mitarbeiter, die meisten sind selbst Künstler, ein paar Kunsthistoriker sind dabei. Wir haben auch eine Schreinerei, um Klimakisten für teure Werke zu bauen, wir machen Fotos, beschäftigen Restauratoren. Fast alle hier sind Transporte gefahren, zumindest am Anfang, und haben selbst erlebt, worum es geht. Künstler wissen besser, wie man welches Gemälde anfasst: Hat es eine Künstlerleiste, ist es pastos gemalt, hat es einen Keilrahmen, gehört die Leiste zum Bild? Das kann man so in keinem Kurs lernen.

Der Markt ist eigentlich dicht, in die Branche einzusteigen ist nicht planbar. Aber Nachwuchs brauchen wir natürlich trotzdem, auch deswegen halte ich Vorträge wie an der Logistik-Universität in Bremen. Mein Sohn studiert Logistik und BWL, vielleicht übernimmt er die Firma mal.

Ich habe Kunst lieben gelernt. Es ist eine Belohnung für die harte Arbeit, mit Kunst und Künstlern zu tun zu haben. Hier im Büro habe ich einen Kippenberger hängen. Ein Tauschgeschäft, als er noch nicht so bekannt war. 'Mal mir mal einen Hunni', habe ich dann gesagt. Das gibt's auch heute noch: Bild gegen Transport. Ausstellungen besuche ich selten. Ich muss ja nur ins Lager gehen."

Die Kuratorin: "Der Erfolg hängt von der Präsentation ab"

 Ingrid Pfeiffer ist Kuratorin in der Frankfurter Kunsthalle Schirn
Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Norbert Miguletz

Ingrid Pfeiffer ist Kuratorin in der Frankfurter Kunsthalle Schirn

"Momentan warte ich darauf, dass die Bilder für unsere nächste Ausstellung geliefert werden, damit wir mit dem Aufbau anfangen können. Nach zwei Jahren Vorbereitung ist das wie immer der aufregendste Moment: Wenn die Kisten ausgepackt werden und man die Gemälde sieht. Dieses Mal sind es 220 Werke von 26 Künstlern, alle aus der Kunstszene in Paris um 1900 - für die Schau 'Esprit Montmartre', die bis Juni hier in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen sein wird.

Was die meisten nicht wissen: Der Erfolg einer Ausstellung hängt zu 50 Prozent von der Präsentation ab. Davon, wie die Bilder gehängt sind, welche Werke miteinander korrespondieren, welche Sichtachsen es gibt, die Art der Beleuchtung, die Wandtexte, die Wegführung. In der Schirn bauen wir jedes Mal neue Räume und arbeiten mit renommierten Ausstellungsarchitekten zusammen. Seit Herbst steht das Konzept, die Wände sind silbergrau sowie in einem tiefen Rot gestrichen. Das passt zur Thematik und darauf sieht man auch helle Arbeiten wie Zeichnungen sehr gut.

Dass ich im Museum arbeiten will, wusste ich schon während des Studiums. Ich habe Kunstgeschichte studiert und meine Doktorarbeit über einen Berliner Künstler geschrieben, bevor ich in Wiesbaden mein Museumsvolontariat begann. Aber das Berufsbild des Kurators hat sich sehr gewandelt, seit ich meinen Magister gemacht habe. Damals musste man promoviert sein, um eine Volontariatsstelle zu bekommen. Heute ist das etwas flexibler.

Vor allem muss man engagiert sein, die Initiative ergreifen. Ich habe Max Hollein einfach eine Initiativbewerbung geschickt, als klar war, dass er 2001 als Direktor an die Schirn wechseln würde. Er arbeitete damals noch im Guggenheim Museum in New York, dort traf ich ihn, weil ich sowieso dort zu tun hatte. Für diese Bewerbung war es von Vorteil, dass ich seit Ende der Achtziger jede Ausstellung in der Schirn gesehen hatte. Ich habe in Marburg studiert und bin wegen der Museen einmal im Vierteljahr nach Frankfurt gefahren.

Ich bin vom Typ her eher Generalistin, mir gefällt, dass meine Arbeit so schnell und vielfältig ist. Ich bilde mich permanent weiter, weil ich dauernd mit neuen Themen konfrontiert bin: Wir haben etwa acht Ausstellungen im Jahr. Das liegt mir mehr als an der Universität jahrelang über denselben Künstler zu forschen.

Für das kommende Jahr konzipiere ich eine historische Ausstellung: Sie ist einer Gruppe von Künstlerinnen der Avantgarde gewidmet, einige von ihnen sind berühmt, andere mittlerweile vergessen. Ich finde, in diesem Punkt muss man alles tun, um die Kunstgeschichte zu revidieren.

Auch wenn ich parallel schon die nächsten Projekte vorbereite: Während 'Esprit Montmartre' läuft, werde ich fast täglich durch die Galerieräume. Das ist immer so: Man lebt mit seiner Ausstellung."

Der Soundkünstler: "Feierabend gibt es bei mir nicht"

 Jens Brand , 45, arbeitet als Soundkünstler in Berlin
privat

Jens Brand, 45, arbeitet als Soundkünstler in Berlin

"Das letzte Mal, dass ich ein Werk verkauft habe, war Anfang der Neunziger. Meistens bekomme ich ein Honorar, wenn jemand eines meiner Werke zeigen oder aufführen will.

Mein Glück ist, dass meine Arbeiten konzeptuell sind und keiner Gattung zuzuordnen: Mal ist es mehr Klangkunst, mal Medienkunst, mal sind es Kompositionen, mal münden meine Werke in eine Ausstellung, mal in ein Konzert. In Deutschland gibt es heute gerade einmal eine Handvoll Galerien für Künste, zu deren Realisation es zeitbezogener Medien und Mechaniken bedarf, weltweit sind es vielleicht 50. Es ist also theoretisch nicht schwieriger, in diesen Bereichen Sachen zu verkaufen. Auch weil es nicht so viele Künstler in dem Bereich gibt. Andererseits spielen Galerien in diesem Segment ohnedies kaum eine Rolle.

Momentan arbeite ich an 'Weltmaschinen': Ich versuche damit, jenen Teil der Wirklichkeit abzubilden, den man so gemeinhin nicht für wirklich hält: Weil wir gewohnt sind, nur die Teile der Wirklichkeit als real zu akzeptieren, die man in ein Bild oder eine Formel packen kann. Ich arbeite viel am Computer, und wenn ich meine Arbeit ausstellen will, kann ich damit auch im Handgepäck reisen. Mein Atelier, das ich lange hatte, habe ich aufgegeben, ich brauche es nicht.

Es ist mitunter auch nur ein Job

Musik habe ich schon immer gemacht. Aber dass ich Künstler geworden bin, war Zufall: Ich wollte irgendetwas mit Kunst studieren, ohne eine weitere Sprache lernen zu müssen, wie es etwa bei Kunstgeschichte nötig gewesen wäre. In der ZVS riet man mir daraufhin, ich solle es doch an der Akademie versuchen; bis dahin hatte ich noch nie davon gehört. Um es pathetisch auszudrücken: Ich mag die Kunst, weil sie ein komplett zweckfreier Raum ist. Es ist meiner Meinung nach der am wenigsten destruktive Beruf, den man ausüben kann.

Künstlersein ist ein Beruf. Der Versuch, Kunst herzustellen, ist Teil des Berufsbildes. Und das ist eben mitunter auch nur ein Job. Unsere Arbeit als Berufung zu sehen, ist wohl eher religiös motiviert. Feierabend gibt es bei mir nicht, ich kenne auch keinen Künstler, der ein Hobby hat. Aber dafür brauche ich auch keinen Urlaub. Ich arbeite zwar sieben Tage die Woche, von morgens bis abends, manchmal auch andersherum - aber eben selbstbestimmt, damit auch mal aus dem Nichtstun etwas entstehen kann.

Dass ich in einem ökonomisch idiotischen Rahmen agiere, war mir von Anfang an klar. Dass ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann, verdanke ich einer Verkettung glücklicher Umstände: Ich wurde Teil eines Netzwerks von Künstlern und hatte so schnell Kontakt in die USA und Japan und bekam Aufträge. Seit einem Jahr habe ich dazu eine Professur an der Kunsthochschule in Kassel, das macht alles einfacher.

Ich kenne leider viele großartige Künstler, die aufgeben mussten. Wer mit 20 annimmt, sich als Künstler eine Karriere aufbauen zu können, dem sage ich: Gehe besser nicht davon aus."

insgesamt 2 Beiträge
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neanderspezi 18.03.2014
1. Kunst als Branche mit großartigem Geschäftssinn passt zur gegenwärtigen Gesellschaft
Wenn das Drumherum in der Bildenden Kunst immer größere Ausmaße annimmt, dann wird zumindest der Blick auf das teilweise absurde bildhafte Geschehen wenigsten so weit abgelenkt, dass der Begriff Kunst durchaus durch den Begriff Happening abgelöst und die eigentliche Aussage durch das unansehnliche "Kunstwerk" in viele Nebenschauplätze aufgefächert werden kann. Das Resultat wird dann zu einer Art Performance-Show hochstilisiert und die antretenden Unterhalter geben sich und dem Publikum das Gefühl kunstbeteiligte Akteure zu sein. Märkte aller Art und auch diverse Versammlungsstätten werden zu künstlerisch ausformbaren Allerweltskunstforen umdefiniert und die sogenannte Kunstbranche darf dank tüchtiger Aktivisten alles was aus dem üblichen Trott der Bevölkerung herausragt der Kunst im Allgemeinen und im Besonderen zuordnen und als universelles Medium anpreisen. Dass dadurch Bildende Kunst korrumpiert wird, spielt für die sich um das Monetäre kümmernden Kunstgewinnler als Begleitpersonal absolut keine Rolle.
L!nk 18.03.2014
2. optional
Menschen, die viel verdienen, obwohl sie nichts können, gibt es überall.
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