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Unternehmerinnen "Ich arbeite 75 Stunden die Woche, und ich liebe es"

Nicht alle Frauen sind Schwestern, sagt Firmengründerin Julie Meyer. Die Chefin einer Risikokapitalfirma erklärt, warum Unternehmerinnen ein Riesen-Ego brauchen - und was Mädchen von Brüdern lernen können.
Von Julia Graven
Julie Meyer (Jahrgang 1966) berät und finanziert seit über 20 Jahren Start-ups im Technologiesektor. Die gebürtige Amerikanerin lebt in London.

Julie Meyer (Jahrgang 1966) berät und finanziert seit über 20 Jahren Start-ups im Technologiesektor. Die gebürtige Amerikanerin lebt in London.

Foto: Ariadne Capital

KarriereSPIEGEL: Auf Konferenzen machen Frauen sich gegenseitig Mut, netzwerken und feiern weibliche Führungsqualitäten. Im Portfolio Ihres Fonds muss man Frauen mit der Lupe suchen. Woran liegt das?

Meyer: Ich glaube an weibliche Führungsqualitäten und an emotionale Intelligenz. Aber viele Frauen vergessen, dass auch Männer ein paar Dinge sehr gut machen: Sie lieben es, sich mit anderen zu messen, suchen den Wettkampf, wollen gewinnen. Das sind männliche Führungsqualitäten.

KarriereSPIEGEL: Heißt das, Frauen sind schlechtere Firmengründer?

Meyer: Frauen müssen eine gewisse Aggressivität in der Wirtschaft akzeptieren. Manchmal tun auf Konferenzen alle so, als wären sie Schwestern. Aber damit gewinnt man nicht. Die Welt ist nicht fair. Deshalb brauchen Frauen auch bestimmte männliche Qualitäten, etwa Durchsetzungsfähigkeit und Kampfgeist.

KarriereSPIEGEL: Frauen müssen also männliches Verhalten nachahmen?

Meyer: Sie müssen das Spiel mitspielen. Mädchen mit vielen Brüdern gelingt das meist ganz gut, die haben von klein auf gelernt zu kämpfen. Bei mir hat Leistungssport geholfen. Trotzdem habe auch ich lange geglaubt, dass es reicht, gute Arbeit abzuliefern. Erst mit Anfang 30 habe ich verstanden: Man muss den Mund aufmachen und Siege für sich reklamieren.

KarriereSPIEGEL: Mit Siegesrhetorik macht man sich nicht nur Freunde.

Meyer: Je erfolgreicher, desto unbeliebter ist man. Als ich 25 war, hatte ich keine Feinde. Niemand hat Julie Meyer gehasst. Heute gibt es einige, die sagen: Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Mir ist das egal.

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Weiberwirtschaft: Männliche Macht, weiblicher Mumm

Foto: Getty Images/ Collage: Franziska Ebert

KarriereSPIEGEL: Ist Macht auch ein Männerding?

Meyer: Macht gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu verwirklichen. Ich gebe Leuten Geld, damit sie wichtige Sachen schaffen - eine weibliche Haltung. In einer männlichen Welt bedeutet es, Macht über andere Menschen zu haben. Gerade Frauen können viel mehr von dem erreichen, was sie vom Leben erwarten, wenn sie für sich selbst arbeiten. Weil sie die Spielregeln selbst bestimmen. Das macht vielleicht mehr Arbeit, aber man ist selbst dafür verantwortlich, ob man gewinnt oder verliert. Man gewinnt nie, wenn man nach den Spielregeln der anderen spielt.

KarriereSPIEGEL: Das haben Sie aber auch erst gemerkt, als Sie neben einem Angestelltenjob in den Neunzigern ein Gründernetzwerk gegründet haben.

Meyer: Ja, und nach dem Verkauf von "First Tuesday" hätte ich wieder einen Job bei Venture-Capital-Firmen annehmen können. Aber ich wollte lieber mein eigenes Haus bauen, als irgendwo zu versuchen, durch die gläserne Decke zu stoßen.

KarriereSPIEGEL: Muss man dafür jung und mutig sein?

Meyer: Nein, immer mehr Leute verlassen mit 40 oder 50 die Anwaltskanzleien oder Investmentbanken und sagen: Ich will nie wieder ins Londoner Bankenviertel zurück. Die sind glücklich, obwohl sie weniger Geld verdienen. Weil sie mehr Freiheiten haben. Wir erleben in Europa einen Trend weg von den Konzernkarrieren.

KarriereSPIEGEL: Welche Merkmale sind wichtig für Unternehmer?

Meyer: Zuerst einmal ein enormes Ego. Darum geht es doch: der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Heute reden zwar viele junge Leute davon, dass sie etwas bewirken, einen Unterschied machen wollen. Aber letztlich geht es doch nur um das Ego…

KarriereSPIEGEL: … auch wieder ein männlicher Zug?

Meyer: Das würde ich nicht sagen. Ich bin mir sicher, dass ich auch ein ziemlich großes Ego habe.

KarriereSPIEGEL: Was brauchen Unternehmer noch?

Meyer: Unternehmer sind Besessene, sie können nicht lassen von ihrer Idee. Die meisten sind schon mal fast gescheitert, so eine Art Nahtoderfahrung. Das muss man mögen. Viele werden auch übergewichtig oder trennen sich von ihren Partnern.

KarriereSPIEGEL: Sehr verlockend.

Meyer: Unternehmertum ist nichts, was sich mit einem ruhigen, sicheren Leben vereinbaren lässt. Wer sich darauf einlässt, sollte wissen, dass er ein ziemlich abnormales Leben führen wird. Da gibt es keine Work-Life-Balance.

KarriereSPIEGEL: Für Ihre Karriere haben Sie auf Ehe und Kinder verzichtet. Haben Sie das je bereut?

Meyer: Nein. Man erreicht nichts wirklich Bedeutendes im Leben mit einer 40-Stunden-Woche. Einige schaffen es vielleicht in 50 oder 60 Stunden, ich arbeite leicht 75 Stunden - und ich liebe es! Ich denke nie darüber nach, ob ich gerade arbeite oder nicht. Dieses Interview? Das ist für mich keine Arbeit. Am Samstag war ich mit einem Investor essen. Ist das Arbeit? Aber zugegeben, mit fünf Kindern wäre so ein Leben schwer.

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