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20. April 2011, 08:40 Uhr

Junge Absolventen

"Sind sie bereit, all die hässlichen Dinge zu tun?"

Da kommt was auf die Firmen zu: Die neue Absolventen-Generation will gutes Geld verdienen, ohne ihr Leben der Arbeit zu opfern, sagt Anders Parment von der Stockholm Business School im Interview. Zudem haben die jungen Leute von ihren Eltern gelernt, dass sich Loyalität zum Unternehmen oft nicht lohnt.

KarriereSPIEGEL: Herr Parment, wie kamen Sie als Wirtschaftsexperte auf die Idee, ein Buch über eine Generation zu schreiben, die in der Unternehmenswelt eigentlich noch nicht viel geleistet hat, weil sie erst seit einigen Jahren in den Firmen präsent ist?

Anders Parment: 2006 war ich Studiengangsleiter für Betriebswirtschaft an der Universität, und als ich die jungen Leute sah, dachte ich sofort: Die sind anders! Sie traten sehr selbstbewusst auf, mischten sich in den Lehrbetrieb ein, waren sehr direkt in der Kommunikation und hatten ziemlich hohe Erwartungen - an sich selbst und an das Leben.

KarriereSPIEGEL : Gilt das für alle in dieser Altersgruppe, die Sie "Generation Y" nennen? Egal in welchem Land?

Parment: Für das Buch habe ich Ypsiloner aus zehn Ländern auf der ganzen Welt befragt, und die Gemeinsamkeiten überwiegen die Unterschiede bei Weitem. Übrigens nicht nur, was die Nationalität betrifft, sondern auch in bezug auf die Studienfachwahl. Dies ist die erste wirklich globale Generation. Sie ist aufgewachsen in einer globalisierten Markenwelt, mit Apple, Google, Coca-Cola. Sie kennen alle die gleiche Musik, sind mit den gleichen Fernsehserien wie "Sex and the City" sozialisiert worden, wollen meist lieber in der Großstadt leben als auf dem Land. Und sie teilen die gleichen Werte: Individualismus, Nachhaltigkeit, Toleranz, Leistungswille. Es ist ein metropolenhafter Lebensstil, bei dem man Fahrrad fährt statt Mercedes, im Café arbeitet und gleichzeitig über Facebook mit Freunden redet.

KarriereSPIEGEL : Klingt nach lockerem Abhängen bei Latte Macchiato. Hat die "Generation Y" überhaupt Lust zu arbeiten?

Parment: Selbstverständlich - sie ist in gewisser Hinsicht sogar leistungsbereiter und ehrgeiziger als die Generationen vor ihr. Natürlich ist ihnen klassische Büroarbeit suspekt, weil sie nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden. Aber was alle Ypsiloner antreibt, ist der Wunsch, sich selbst zu verwirklichen. Und das heißt: in jedem Lebensbereich das Beste herauszuholen, die eigene Leistung und den eigenen Erfolg zu perfektionieren. Nur dass sie nicht nach der Stechuhr getaktet sind, sondern nach Projekten.

KarriereSPIEGEL : In jedem Lebensbereich? Das dürfte anstrengend werden.

Parment: In der Tat. Doch die "Generation Y" denkt mehr nicht in den Kategorien von Entweder - Oder. Sie wollen Karriere machen und trotzdem viel Zeit mit der Familie verbringen. Sie wollen ihr Leben nicht der Arbeit opfern, aber trotzdem gutes Geld verdienen, um sich schöne Dinge und spannende Reisen leisten zu können. Das Emotionale spielt für sie eine sehr große Rolle.

KarriereSPIEGEL : Die demographische Entwicklung macht die Ypsiloner gleichzeitig zu einer äußerst begehrten Gruppe. Was erwarten sie von einem Arbeitgeber, damit er für sie attraktiv ist?

Parment: In erster Linie Klarheit und Verlässlichkeit. Sie wollen Bescheid wissen über Aufstiegsmöglichkeiten und Karriereplanung. Ein Beispiel: Wenn ein exzellenter Jura-Absolvent mit 25 bei einer renommierten Großkanzlei einsteigt, weiß er nicht, ob er tatsächlich in einigen Jahren Partner wird oder nicht. Die "Generation Y" ist immer weniger bereit, solche Mechanismen zu akzeptieren. Sie fordert klares Feedback und transparente Perspektiven.

Vor diesem Hintergrund ist übrigens auch die oft beklagte mangelnde Loyalität dieser Generation zu betrachten - also der Vorwurf, sie wechsele schnell den Job, wenn er nicht mehr spannend genug ist. Das ist bis zu einem gewissen Maß sicher richtig - dahinter aber steht die Erkenntnis, die viele Ypsiloner am Beispiel ihrer Eltern erlangt haben: Dass sich Loyalität nicht lohnt. Die Unternehmen kriegen mit dieser Generation die Quittung für ihre oft wenig vorausschauende Personalpolitik der vergangenen Jahrzehnte.

KarriereSPIEGEL : Wie sollten Unternehmen darauf reagieren?

Parment: Ein großer Fehler ist es bislang gewesen, immer mehr Talente von außen hereinzuholen, statt diese von innen zu entwickeln und Berufsanfängern damit zu demonstrieren: Wir zählen auf Euch! Ebenso wichtig ist eine Arbeitsatmosphäre, die dem Wunsch der Ypsiloner nach Selbstbestimmung, Abwechslung und Flexibilität Rechnung trägt. Firmen, die das schaffen, bekommen nicht nur gute und effiziente Mitarbeiter - sondern zusätzlich begeisterte Markenbotschafter, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren und in ihrem meist beeindruckenden sozialen Netzwerk für ihn werben.

KarriereSPIEGEL : Wo sehen Sie die Defizite der "Generation Y"?

Parment: Die Emotionalität und damit einhergehend der Wunsch nach Wohlfühlen können zum Problem werden. Sicher, die Jungen wollen Karriere machen. Aber sind sie auch bereit, für das Budget Verantwortung zu übernehmen, möglicherweise Mitarbeiter zu entlassen, all die kleinen hässlichen Dinge zu tun, die ein Chef nun mal ab und zu tun muss? Viele haben Angst vor unpopulären Maßnahmen, was auch mit der "Ich mag das"-Kultur bei Facebook und anderswo zusammenhängt. Künftig könnte es also schwierig werden, gute Chefs zu finden.

KarriereSPIEGEL : Einige Personaler bemängeln auch ein niedrigeres Ausbildungsniveau.

Parment: Da wäre ich äußerst skeptisch. Fast seit Anbeginn der Menschheit ist die Klage der Älteren über das gesunkene Niveau der Nachfolgenden Tradition. Richtig ist, dass die Ypsiloner anders lernen - vernetzter, spontaner und auch sinnlicher. Dass sie deshalb weniger können sollen, halte ich für falsch. Ich glaube vielmehr, dass es Unternehmen, die sich über fehlende intellektuelle Exzellenz ihrer Neueinsteiger beklagen, einfach nicht gelungen ist, attraktiv genug zu sein für die Klügeren. Das ist wie in der Politik, wo auch immer gejammert wird, es fehle an Nachwuchs mit Format: Kein Wunder, denn die Parteien und die politische Arbeit ist so unattraktiv geworden, dass die Guten sich anderswo engagieren.

KarriereSPIEGEL : Ökologischer Lebensstil, mehr Work-Life-Balance, Zeit für Familie und ein entspanntes Verhältnis zum Job - die Werte der "Generation Y" klingen ziemlich skandinavisch. Sind vielleicht einige Länder wie etwa Schweden näher am Lebensgefühl der Ypsiloner dran als andere?

Parment: Das ist durchaus möglich. In Schweden haben wir in gewisser Weise einiges von dem, was dieser Generation wichtig ist, schon vorweggenommen, Stichwort Elternzeit oder Abkehr von der Präsenzkultur. Ähnliches trifft auf andere skandinavische Länder zu. Was die diesbezüglichen Wünsche der "Generation Y" Generation betrifft, sehe ich etwa Deutschland dagegen auf dem Stand von Schweden in den siebziger Jahren.

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