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Banker in London: Es geht nicht allein ums Geld, auch um den Kick

Foto: Veronika Kormaier

Junge Banker in London Deal!

Für Martin ist es ein "mitreißender Sog", für Christian "pure Hirnverschwendung". Enthusiasmus trifft Enttäuschung - zwei junge Deutsche schildern ihre Erfahrungen als Londoner Investmentbanker.
Von Veronika Kormaier

Eine Wand aus vier Bildschirmen, Schreibtische dicht an dicht in einem Raum so groß wie ein Fußballfeld. 400 Mitarbeiter in dunklen Anzügen wetteifern hier um den größten Deal des Tages, von 7 Uhr morgens bis zum Abend. Das ist Martins Welt im zweiten Stock einer Londoner Investmentbank.

Martin, 24, ist Zinsstrukturierer auf einem Trading Floor. Den Namen der Bank darf er nicht verraten, eigentlich gar nicht über seinen Job sprechen. Aber er ist so voller Enthusiasmus, dass er jedem erzählen möchte vom Investmentbanking - einer Branche, die als eine der härtesten im Finanzgeschäft gilt.

Als Martin nach London zog, war gerade ein deutscher Bank-of-America-Praktikant mit 21 Jahren an einem epileptischen Anfall gestorben, möglicherweise ausgelöst durch Überarbeitung. Martin schreckte das nicht ab. Der Mathematikstudent wollte eigentlich bei einer großen Versicherung anfangen. Dann schwärmte ein Freund vom "intensiven Leben" in London, von der energiegeladenen Atmosphäre auf einem Trading Floor. Von Männer, die von ihren Schreibtischen aufspringen, in Telefonhörer brüllen, immer auf der Jagd nach dem besten Deal. Ganz wie im Film "Wall Street".

Zwischen Glitzerfassade und Absteige

Heute steigt Martin jeden Tag das Blut in den Kopf, wenn er mit Geschäftsführern am Telefon verhandelt und binnen Minuten Millionenbeträge umbucht. Er berechnet Zinserträge für Anlageportfolios, die er so schnell wie möglich verkaufen muss. Er, der Junge aus dem Rhein-Main-Gebiet, der noch vor Kurzem mit seinem kleinen Motorrad durch die Weinberge sauste. Er kann es selbst nicht fassen.

Im vergangenen Jahr waren rund 70 deutschsprachige Banker im Corporate-Finance-Bereich bei einer der acht großen Londoner Investmentbanken angestellt. Nur rund ein Viertel bleibt länger als fünf Jahre, ermittelte eine Finance-Recruitment-Agentur. Viele steigen schon nach zwei Jahren aus, weil sie genug von London haben oder aus familiären Gründen.

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An Ausstieg will Martin gar nicht denken. Er liebt seinen Alltag - schnell, stressig, vor allem laut. Nur Anfänger ließen sich vom tosenden Lärm der Kollegen ablenken, sagt er. Mittagessen oder Facebook sind für ihn Zeitverschwendung. Am Ende eines Tages muss der Gewinn stimmen. Der Platz im Mitarbeiter-Ranking entscheidet über Beförderung und Bonus. "Es ist ein Sog, der einen mitreißt, ein aufregender Spaß", erzählt er begeistert.

Wenn die Märkte nach zwölf Stunden schließen, wird Martins Leben ganz leise. Dann hockt er vorm Fernseher in seiner Dreier-WG: Studentenbuden-Standard mit Möbeln vom Vermieter. Mehr ist in London nicht drin bei einem Einsteiger-Bruttojahresgehalt von knapp 40.000 Pfund (etwa 55.000 Euro) plus Bonus. Die Hälfte geht für die Miete drauf. Wenn ältere Kollegen vom "goldenen Jahr 2006" erzählen, klingt das für Martin wie ein Märchen aus einer andere Ära.

"Ich dachte, ich verdumme"

Seinen Finance-Freund Christian allerdings packt dann die Wut. Er war ein Jahr zu spät dran, wurde Investmentbanker 2007, die Finanzkrise hatte gerade begonnen. Christian will gar nicht daran denken, wie viel Cash ihm entgangen ist. Inzwischen ist er 30 und weiß, dass aus dem schnellen Geld nichts wird. Seine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung nervt, lange Klubnächte langweilen ihn. Nach zwei Jahren kündigte er, wie so viele Kollegen. "Pure Verschwendung meines Gehirns", sagt Christian heute. "Nicht umsonst wird Investment Banking auch Monkey Business genannt." Er lacht bitter.

Dabei war er sogar Analyst in der Königsdisziplin M&A, Mergers and Acquisitions (Fusionen und Übernahmen). Seine Hauptaufgabe: Power-Point-Präsentationen erstellen. Die Inhalte kamen von oben, er sollte vor allem für einen "Pitch" die Zahlen überprüfen. Dabei mussten die Zeilenabstände und Fußnoten perfekt stimmen. In der Branche gilt die Devise: Je korrekter die Formatierung, desto besser die Bank.

Manchmal saß Christian bis nachts um drei im Büro, weil noch eine Diskussion über die Schriftgröße tobte. "Ich dachte, ich verdumme", erinnert er sich. Sein Wissen über Unternehmensbilanzen hätte er sich in einem Bruchteil der Zeit aneignen können. "Und die langen Arbeitstage werden in den ersten Jahren einfach nicht gut genug bezahlt." Jetzt will er im Private-Equity-Geschäft seinen Traum vom großen Geld verwirklichen.

Martin hingegen ist stolz, dass er zu den Besten der Welt gehört - so jedenfalls wurde ihm das am ersten Tag in der Bank eingebläut, als ein Manager den knapp hundert Neulingen eine Weltkarte mit den besten Universitäten zeigte. Martins Uni war nicht dabei, das macht ihn zum Außenseiter. Er nimmt's gelassen: "Die Elite bleibt eben gern unter sich." Freunde außerhalb der Bank hat er in London nicht; er fühlt sich wohler unter Gleichgesinnten.

Christian war früher genauso, jetzt will er höchstens noch zwei, drei Jahre durchhalten, dann muss ein anderer Plan her. Vielleicht wird er wie viele seiner Freunde zurück nach Frankfurt gehen. "Doing the Right Thing", steht in glänzenden Buchstaben im Eingangsbereich der Morgan Stanley. Ob sich das nur auf eine Bankerkarriere bezieht? Das darf jeder selbst entscheiden.

Foto: Anthony Lycett

Veronika Kormaier (Jahrgang 1981) ist freie Journalistin in London.