SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. April 2011, 08:44 Uhr

Junge Ökonomen

"Den Job bekommt der Karrierist, nicht der Querdenker"

Drei Typen bevölkern die Wirtschaftswissenschaften: Karrieristen, Freizeit-Könige und eine Handvoll Idealisten. Fast alle Studenten suchen allein das Geld und den Erfolg, sagt Lutz von Rosenstiel. Im Interview spricht der Münchner Forscher über den Mangel an Moral bei den Managern von morgen.

KarriereSPIEGEL: Wenn man sich Studenten in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ansieht, beschleicht einen das Gefühl, dass viele schon sehr früh die Allüren und das Auftreten von skrupellosen, selbstgefälligen Managern entwickeln. Sind das Vorurteile?

Lutz von Rosenstiel: Nein, der Eindruck ist ganz treffend. In mehreren Studien haben wir Studenten verschiedener Fachrichtungen während des Studiums und zu Beginn ihres Berufslebens befragt. Dabei ist im Wesentlichen herausgekommen, dass es in der Arbeitswelt drei Typen von Menschen gibt. Den ersten Typus bilden die Idealisten, die sich vor allem für naturwissenschaftliche oder soziale Studiengänge entscheiden. Der zweite Typ, den wir in diesen Untersuchungen identifiziert haben, ist einer, der viel Wert auf Freizeit legt. Der findet sich in allen Fächern wieder. Die Wirtschaftswissenschaften werden vor allem von dem dritten Typ, den wir Karrierist nennen, studiert. Bei den Karrieristen stehen vor allem zwei Dinge auf der Agenda: erfolgreich sein und Geld machen. Ihnen sind, anders als den Idealisten, die Inhalte ihres Jobs relativ egal. Sie identifizieren sich problemlos mit den Unternehmenszielen - egal ob diese ethisch-moralisch vertretbar sind oder nicht.

KarriereSPIEGEL : Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise stehen aber Manager stärker unter Beobachtung und auch unter Druck als zuvor. Wird da nicht selbst ein eingefleischter Karrierist ein bisschen nachdenklich, wenn sich große Teile der Bevölkerung zum Beispiel über maßlose Bonuszahlungen empören?

Rosenstiel: Nein, das hat kaum einen Effekt. Moralvorstellungen werden vor allem durch das persönliche Umfeld geprägt, das gerade bei Berufseinsteigern meist sehr homogen ist. Wer ambitioniert ins Berufsleben startet, verbringt in der Regel viel Zeit im Unternehmen und geht abends häufig noch mit Kollegen ein Bier trinken. Da juckt es den jungen Banker oder Manager wenig, wenn er in der Presse liest, dass die Berufsklasse, der er angehört, geldgierig und unmoralisch sei.

KarriereSPIEGEL : Bringen denn Erstsemester die Anlagen zum Karrieristen bereits mit, oder macht sie erst das Ökonomiestudium dazu?

Rosenstiel: Beide Effekte treten auf. Wie gesagt: Ein wirtschaftswissenschaftliches Studium ist vor allem für diesen Menschentypus interessant. Wir nennen das den Selektionseffekt. Hinzu kommt aber der so genannte Sozialisationseffekt: Wenn die Studierenden gelehrt bekommen, dass der Markt alles regelt, legitimiert das ihre Karriereambitionen und verstärkt ihre Verhaltensmuster. Man muss sich auch noch einmal vor Augen führen, wie die Volkswirte denken: Sie sagen, dass Wohlstand das Wohlbefinden stärkt. Das heißt im Umkehrschluss: Es ist legitim, wenn man alles tut, um Wachstum und Gewinn zu optimieren. Dabei ist aber schon die Annahme, dass Wohlstand glücklicher macht, falsch, das ist empirisch bewiesen.

KarriereSPIEGEL : Was zeichnet die Lehrinhalte eines ökonomischen Studiums aus?

Rosenstiel: Hier muss man zwischen der Volks- und der Betriebswirtschaftslehre unterscheiden. In der VWL wird vor allem das Denken in Modellen gelehrt. Leider ist da der Bezug zur Wirklichkeit immer mehr geschwunden. Es wird kaum noch mehr geprüft, ob sich diese Modelle überhaupt an der Realität messen lassen - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Das BWL-Studium ist vor allem berufsqualifizierend. Es bereitet auf eine Karriere im Großunternehmen vor. Und die BWLer tendieren immer mehr dazu, die Modelle der Volkswirte zu übernehmen. In beiden Fächern fehlt das Studium der sozialen und humanen Komponenten. Daran hat sich auch seit der Finanzkrise nichts geändert. Wie auch - es ist ja kein Lehrpersonal da, das diese Inhalte vermitteln könnte.

KarriereSPIEGEL : Angenommen, ein Idealist, ein Weltverbesserer verirrt sich doch einmal in so einen Studiengang - kann er da überhaupt glücklich werden?

Rosenstiel: Er wird es nicht leicht haben. Zum einen wird er wahrscheinlich wenig Freude empfinden an den realitätsfremden Modell-Rechnungen, die in dieser Wissenschaft gelehrt werden. Zum anderen wird er eine Außenseiterrolle einnehmen - und sehr viel Stärke brauchen, um das auszuhalten.

KarriereSPIEGEL : Jetzt wird aber an allen Ecken gefordert, dass die Unternehmen und vor allem die Banken gefälligst mehr moralisch integre und umsichtig handelnde Menschen in ihre Chefetagen befördern sollen - geht denn das überhaupt?

Rosenstiel: Das ist sehr problematisch. Viele Auswahlverfahren in Großunternehmen sind darauf ausgelegt, gezielt die Karrieristen herauszusuchen. In manchen Unternehmen hat sich das ein bisschen gewandelt. Aber leider nicht ausreichend. Denn es bringt nichts, wenn ein Mensch in der Personalabteilung den klugen Plan fasst, ein paar Querdenker einzustellen, sofern die Unternehmenskultur eine andere ist. Häufig bekommt der Querdenker dann doch nicht den Job, weil am Ende über die Einstellung ein Abteilungsleiter entscheidet, der selber Karrierist ist. Der nimmt dann eher einen Gleichgesinnten. Also auch einen Karrieristen.

KarriereSPIEGEL : Gibt es denn Ansätze, um diesen Teufelskreis - Karrieristen fördern Karrieristen, die wieder neue Karrieristen einstellen - zu verlassen?

Rosenstiel: Die gibt es bestimmt - sie erfordern aber ein komplettes Umdenken. Für die Unternehmen gilt immer noch das Sprichwort "Der Fisch stinkt vom Kopfe her". Will heißen: Wenn die Unternehmensleitung Gewinnmaximierung als einziges Ziel definiert, könnten im Unternehmen noch so viele ambitionierte und idealistische Menschen arbeiten - es würde sich nichts ändern. Gleichzeitig muss es überhaupt erst einmal anders denkende Absolventen geben, die Unternehmen einstellen könnten. Und um die zu kriegen, müsste man die Ausbildung reformieren. Denn mit den jetzigen Lehrinhalten können die Universitäten kaum Querdenker und Idealisten zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium bewegen.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung