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Junge Psychotherapeuten: Ausbildung oder Ausbeutung?

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Junge Psychotherapeuten Nach der Uni kommt die Not

Auf dem Weg in den Beruf gibt es für künftige Psychotherapeuten wenig zu verdienen, aber viel zu zahlen für die Ausbildung. Oft rackern sie jahrelang als Ein-Euro-Jobber. Die ersten Absolventen prozessieren: weil sie als billige Arbeitskräfte teure Therapeuten ersetzen.
Von Pia Dyckmans und Maria Engel

Ein-Euro-Jobber. Die rupfen im Stadtpark Unkraut oder stapeln Bücher in der Bibliothek. Weil sie keine andere Arbeit gefunden haben. Ein-Euro-Jobber, das sind keine Einser-Abiturienten, die fünf Jahre studiert haben und ein "Dipl." als Titel führen. Denkt man.

An Lisa Brendel denkt man nicht. Die Münchnerin hat ein Einser-Abitur und einen Hochschulabschluss als Psychologin. 1800 Stunden musste sie während ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin an Kliniken verbringen. Brendel stellte Diagnosen, schrieb Entlassungsbriefe, leitete Entspannungsgruppen. Genau 1800 Euro flossen dafür auf ihr Konto. Einer pro Stunde eben.

Zwischen Psychologiediplom und Approbation zur Psychotherapeutin liegen ein halbes Jahrzehnt Ausbildung und ein fünfstelliger Schuldenberg. Während andere Akademiker nach dem Studium mit guten Einstiegsgehältern rechnen dürfen, müssen fertige Psychologen, die staatlich anerkannte Psychotherapeuten werden wollen, erst einmal zahlen: Oft kostet die theoretische Ausbildung 20.000 bis 30.000 Euro, im Extremfall bis zu 90.000 Euro. "Es ist frustrierend, wenn man nach dem Studium immer noch von den Eltern abhängig ist", sagt Brendel.

Ausbildung oder Ausbeutung?

Das Problem: Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) sind weder Studenten noch Berufstätige. Die Krankenhäuser, an denen sie ihre Praxisstunden ableisten, stufen sie als Praktikanten ein und können daher die Löhne senken. Um sich dennoch über Wasser zu halten, beantragte Lisa Brendel zusätzlich zur Hilfe von daheim staatliches Wohngeld und einen Bildungskredit.

Ursprünglich wollte sie mit drei Jahren auskommen - so lange dauert die Ausbildung mindestens. Inzwischen hat sie das Ziel begraben und sich einen Halbtagsjob gesucht, um über die Runden zu kommen.

Psychotherapeuten: Hängepartie in der Ausbildung

Uwe Schäfer, leitender Psychologe am Augsburger Klinikum Josefinum, sieht die Nachwuchstherapeuten, die er betreut, in erster Linie als Auszubildende. Selbst wenn ihnen nach und nach mehr zugetraut werde, trügen sie - anders als Assistenzärzte - keine Verantwortung für Patienten. "Natürlich ist das eine schwierige Zeit", räumt Schäfer ein, aber beschwert habe sich bei ihm noch niemand. Abbrecher gebe es hier nicht. "Es melden sich eben nur die, die sich vorher ausgerechnet haben, dass es schon irgendwie geht." Wie aber funktioniert diese Rechnung, wenn sich Schulden von Studium und Ausbildung auftürmen?

Vicco Müller (Name geändert) studiert seit sieben Jahren Psychologie und schreibt gerade seine Masterarbeit. Ziel: Psychoanalytiker. Der Weg dahin: eine besonders teure Therapeutenausbildung. Für seinen Traumberuf will er zunächst ein Jahr arbeiten und Geld beiseitelegen - zusätzlich zum Bildungskredit. Nächstes Jahr soll die Ausbildung dann beginnen, pro Monat wird sie bis zu 1200 Euro kosten.

Viermal pro Woche selbst auf die Couch

Grund für die enormen Gebühren sind 600 Stunden Selbsterfahrung. "Ich werde mich fünf Jahre lang viermal pro Woche selbst auf die Couch legen", erzählt Müller. Angehende Psychotherapeuten sollen sich und ihre Konflikte ausloten lernen, um sich davon später im Beruf abgrenzen zu können und emotional aufnahmefähig zu sein bei der Arbeit mit Patienten.

"Später im Beruf" - das ist das Licht am Ausbildungshorizont. Haben sie erst einmal ihre eigene Praxis, können fertige Therapeuten immerhin 5000 Euro brutto pro Monat verdienen. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass so viele junge Menschen den Beruf trotz schwieriger Startbedingungen wählen: Allein 2013 absolvierten 2100 PiA erfolgreich die abschließende staatliche Prüfung. Die Zahl der berufstätigen Psychotherapeuten stieg in den vergangenen fünf Jahren um 20 Prozent, 37.500 arbeiten momentan in Deutschland.

Lisa Brendel setzt sich für ihre Nachfolger ein, als Sprecherin der bayerischen Psychotherapeuten in Ausbildung. Im vergangenen Winter demonstrierte sie mit Kollegen auf der Münchner Maximilianstraße, lief vorbei an Escada, Gucci und Cartier. "Ausbeutung beenden", stand auf ihrem Banner. "Leider hat sich in Bayern danach nicht so viel bewegt, wie wir uns gewünscht hätten, aber unseren Zusammenhalt hat es auf jeden Fall gestärkt."

Hoffnung auf Erfolg vor Gericht

Die ersten PiA gehen außerdem den Rechtsweg und verklagen ihre Praktikumsklinik nach der Ausbildung auf Bezahlung: weil sie als billige Arbeitskräfte teure Therapeuten ersetzt hätten, so der Vorwurf. Noch sind es wenige, denn wer klagt, muss mit Konsequenzen rechnen - und sei es für die Nachfolger, denen keine Praktikumsplätze mehr angeboten werden.

In Nordrhein-Westfalen hatte eine Klage beim Landesarbeitsgericht bereits Erfolg. Doch die Münsteraner Uniklinik ist in Revision gegangen, nun liegt der Fall beim Bundesarbeitsgericht. Die Entscheidung erwarten PiA überall mit Spannung.

Durch die Klagen könnte der Gesetzgeber in Zugzwang geraten, das Psychotherapeutengesetz zu überarbeiten. Für eine solche Reform setzt sich auch Barbara Lubisch ein. Die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung plädiert dafür, die Approbation ans Studienende vor die Fachausbildung zu stellen, ähnlich wie beim Facharzt. Somit wäre der rechtliche Status der PiA als Berufstätige abgesichert. "Dann müssen auch die Regelungen des Arbeitsrechts angewendet werden. Beim jetzigen Ausbildungsstatus der PiA ist das kaum möglich", so Lubisch.

Bis dahin muss eine gute Portion Idealismus den jungen Akademikern reichen, um durchzuhalten. Für Vicco Müller jedenfalls gibt es keine Alternative zur teuren Couch: "Der Gedanke, das Geld vom Kredit einfach zu nehmen und abzuhauen, ist immer wieder mal da, aber ich lasse es."

Foto: Theresa Leisgang

Die KarriereSPIEGEL-Autorinnen Pia Dyckmans und Maria Engel (beide Jahrgang 1989) sind freie Journalistinnen und Stipendiatinnen des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München.