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16. November 2017, 10:21 Uhr

Heynckes als Vorbild

Warum Unternehmen auf die Alten setzen sollten

Jupp Heynckes kam aus der Rente zurück - und führt jetzt Bayern München zu neuen Erfolgen. Karriereberater Martin Wehrle fordert: Hört auf, ältere Mitarbeiter wie Alteisen zu behandeln.

Seine Qualifikation: ausgezeichnet. Seine Zeugnisse: einwandfrei. Seine Motivation: hoch. Warum der Industriekaufmann trotzdem keinen neuen Job findet, liegt auf der Hand: Er ist 52 Jahre alt. Und spätestens ab Mitte 40 gilt man auf dem deutschen Arbeitsmarkt als alter Sack.

Was die Firmen an den Älteren stört, ist vor allem die Zahl auf dem Gehaltszettel. Wenn ein Hochschulabgänger als 25-Jähriger mit 40.000 Euro einsteigt und jedes Jahr zwei Prozent mehr bekommt, verdient er mit 50 rund 66.000 Euro. Und nun fragt sich der Milchmädchen-Manager: "Warum soll ich für einen Alten 65 Prozent mehr bezahlen?"

Ältere Mitarbeiter werden seltener eingestellt - und bevorzugt abserviert. Aber das ist gar nicht so einfach. Je mehr Dienstjahre einer geleistet hat, desto ausgeprägter ist sein Kündigungsschutz. Gefragt sind deshalb Wege der sanften Entsorgung.

Zum Beispiel heißt es im Rundschreiben eines großen Verpackungsherstellers: "Wir wollen uns bei langjährigen, verdienten Mitarbeitern mit dem Angebot bedanken, dass sie schon einige Jahre vor dem offiziellen Renteneintritt ausscheiden können."

Die Älteren lesen die Botschaft zwischen den Zeilen: "Ihr alten Saftsäcke, das ist eure letzte Chance! Entweder ihr nehmt unser schäbiges Angebot für einen Auflösungsvertrag an - oder wir ekeln euch raus!"

Erfahrung ist wertvoll? Das gilt nur für Manager

Interessanterweise entspringt der Jugendwahn den Vorstandsetagen. Grauhaarige Männer, oft jenseits der 60, überlegen fieberhaft, wie sie Mitarbeiter ab 50 loswerden können (sich selbst natürlich ausgenommen) und überdurchschnittliche Gehälter von der Lohnliste streichen (ihr eigenes Millionengehalt natürlich ausgenommen).

Wann immer sich die Gelegenheit bietet, spreche ich Manager auf diesen Widerspruch an. Dann kommt es zu Dialogen wie diesem:

"Sie fordern junge Mitarbeiter, aber keine Abteilung hat einen so hohen Altersdurchschnitt wie Ihre Vorstandsetage: Wie passt das zusammen?"

"Bei uns im Management ist das etwas anderes! Man sammelt ein Leben lang Erfahrungen, um sie an der richtigen Stelle einzusetzen."

"Aber das ist bei Mitarbeitern doch genauso."

"Nein! Mitarbeiter dürfen nicht einrosten. Unser Unternehmen braucht neue Ideen. Und das Wissen muss bei Fachkräften auf dem aktuellen Stand sein."

"Das heißt: Manager wie Sie dürfen einrosten? Brauchen keine neuen Ideen? Und kein Wissen auf dem aktuellen Stand?"

Spätestens jetzt wird der Manager unwirsch: "Der Kapitän darf älter sein als die Crew! Das ist doch ganz normal. Das ist ein Vorteil bei der Kopfarbeit!"

Der Wert einer Erfahrung hängt davon ab, wer sie gemacht hat. Was ein Manager im Laufe der Jahre erlebt hat, verschmilzt in seinem Kopf zu Erfahrungsgold. Aber was ein Mitarbeiter erlebt hat, schwappt als unnütze Erfahrungsbrühe durch seinen Schädel.

Dieser Standpunkt geht arrogant darüber hinweg, dass die meisten Mitarbeiter heute Spezialisten sind, die ihr Fach besser als jeder Manager beherrschen. Wer in einer Firma viel erlebt hat, seine Arbeit und seine Kunden seit Jahrzehnten kennt, der verfügt über große Schätze an unternehmensspezifischem Wissen - und kann ein gehobenes Gehalt mehr als wert sein.

Wenn man sich die Firma als ein Land vorstellt, dann sind langjährige Mitarbeiter die Ureinwohner. Sie sprechen noch die Landessprache und kennen ihre Firma bis in den letzten Winkel: die Kultur, die Eigenarten, die praktischen Abkürzungen auf Arbeitswegen. Niemand weiß besser, was die Kunden wollen und was zur Firma passt.

Ältere Mitarbeiter sind keine Altlasten

Diese langjährigen Mitarbeiter sind nicht "Teil des Unternehmens", wie es in Reden heißt: Sie sind das Unternehmen. Es pulsiert in ihren Adern. Und ihr Gehirn ist das Archiv. Wenn ein Manager eine neue Strategie ankündigt, müssten die Börsenanalysten nur ein paar Langjährige fragen: "Kann's was werden?" Falls die Ureinwohner die Köpfe schütteln: Verkaufsempfehlung!

Wenn eine Firma ältere Mitarbeiter als Altlasten sieht, sie von Fortbildungen abschneidet, mit unflätigen Vorruhestands-Regelungen behelligt und als Bewerber ausgrenzt, ist das nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch eine geschäftliche Dummheit. Naturvölker verehren ihre Stammesältesten und hören auf ihren Rat, weil sie überleben wollen. Firmen dagegen verzichten oft auf diese Erfahrung - und laufen ins Verderben.

Ältere Mitarbeiter sind nicht auf Mitleid angewiesen, auf Almosen oder Gnadenbrot. Aber die Firmen sind angewiesen auf ältere Mitarbeiter, auf ihre Erfahrung und ihr Können.

Der Fußballtrainer Jupp Heynkes macht es gerade vor - wann begreifen es die deutschen Unternehmen?

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