Deutscher Auswanderer in Kambodscha Am glücklichsten um sechs Uhr morgens

Der Mekong ist sein zweites Zuhause: Seit vier Jahren lebt Tobias Bergner, 43, in Kambodscha und arbeitet als Hotelmanager für Flussfahrtschiffe. Das Leben im Ausland findet er chaotisch - trotzdem will er nicht zurück.

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"Wenn ich gegen sechs Uhr morgens aufs Sonnendeck gehe und höre, wie die Mönche in den Tempeln der Dörfer ihre Morgenlieder singen, bin ich glücklich. Diese Momente machen mir bewusst, wie gut es mir hier in Kambodscha geht. Seit mehr als vier Jahren wohne ich in der Hauptstadt Phnom Penh und arbeite als Hotelmanager für Flussfahrtschiffe.

Mich hat es schon früh in die weite Welt gezogen: Als ich 21 Jahre alt war und in Bremen Soziologie und Kulturwissenschaften studierte, wollte ich ein halbes Jahr auf den Kaimaninseln verbringen. Daraus sind drei Jahre geworden.

Ich habe dort anfangs in einem Restaurant Tische abgeräumt und mit den Eigentümern einen Comedy-Klub aufgebaut, den ich nach den drei Jahren sogar teilweise moderieren durfte. Ich schmiss mein Studium, blieb in der Gastronomie, arbeitete auf Hoher See in Südamerika, London und Berlin.

Über ein Hamburger Unternehmen für Schiffs-Catering bin ich vor einigen Jahren auf die Flussschiffahrt gekommen. Erst fuhr ich auf dem Rhein, dann schickte mich das Unternehmen nach Asien. Auf den Schiffen, die dort unterwegs waren, gab es noch keine westlichen Manager und wir sollten darauf achten, dass die Standards eingehalten und die Gäste mit allem gut versorgt werden.

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Neue Heimat Phnom Penh: Chaotisches Kambodscha

Als ich zurück nach Deutschland sollte, wechselte ich zu einem anderen Catering-Unternehmen und arbeite nun als Hotelmanager für dessen Luxusschiffe in Phnom Penh. Früher war ich nur auf den Schiffen unterwegs, die auf dem Mekong fuhren, inzwischen arbeite ich viel vom Büro in Phnom Penh aus, übernehme aber immer wieder gerne Urlaubsvertretungen.

Im August bekommen wir ein neues Schiff, nun muss ich Leute einstellen und trainieren. Dazu gehört auch, darauf zu achten, dass jeder schwimmen kann. Sonst kümmere ich mich um alles, was auf den Schiffen mit der Gastronomie zu tun hat, etwa um die Teller, die Gläser, das Menü und die Weinauswahl. Es wäre schlimm, wenn ein Gast im Urlaub einen Wein serviert bekäme, den er aus dem heimischen Discounter kennt.

Die Gäste sind sehr unterschiedlich, vom Broadway-Produzenten bis hin zum Schafzüchter aus Neuseeland - und viele sind sehr anspruchsvoll. Eine Nacht auf einem unserer Schiffe kostet auch mehrere hundert Euro. Dafür ist alles inklusive, sogar ein Butler. Und wenn jemand ein alkoholfreies Bier möchte, das es in Kambodscha nicht gibt, dann wird es zur Not mit dem Nachtbus aus Bangkok geholt.

Wenn ich auf dem Schiff arbeite, dann sieben Tage die Woche, 12 bis 14 Stunden am Tag. Manchmal mehrere Wochen am Stück. Pro Woche bekomme ich zwei Tage frei - die ich dann nehme, wenn mein Dienst auf dem Schiff vorbei ist. Das hört sich anstrengend an, aber ich gewöhne mich immer schnell an diesen Rhythmus. Und ich muss mich in dieser Zeit um nichts anderes kümmern, weil die Crew für mich kocht und wäscht.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Auf dem Schiff stehe ich halb sechs auf, rede mit den Gästen, frage nach, ob alles in Ordnung ist. Bespreche dann mit den einzelnen Teams den Tag, plane Events, begrüße die Gäste, wenn sie von ihren Tagestouren zurückkommen, rede mit den Reiseleitern und schaue, dass abends beim Fünf-Gänge-Menü alles reibungslos funktioniert. Den Job finde ich nicht eintönig, auch wenn viele Touristen das Gleiche erzählen, ist ab und zu mal jemand dabei, mit dem man sich richtig gut unterhalten kann.

Nach mehreren Wochen auf dem Schiff fährt mein Körper meist runter und ich brauche Ruhe. Ich fahre dann oft erst einmal an einen Strand. Nur meine Freundin, die mich aus Kroatien nach Kambodscha begleitet hat, kommt dann mit.

Meinen restlichen Urlaub lege ich immer um die Schulferien meiner zwölfjährigen Tochter herum, die in Deutschland bei ihrer Mutter aufwächst. Ich hole sie dann meist ab und besuche mit ihr asiatische Länder wie zum Beispiel Indonesien, Japan oder Thailand. Während der Osterferien sind wir in Malaysia unterwegs.

Aber meine Basis ist Phnom Penh. Hier wohne ich mit meiner Freundin. Als Frau hat sie es hier oft nicht so leicht, weil das Land recht patriarchisch geprägt ist. Sie leitet eine Bar in der Stadt und wird oft nicht ernst genommen.

In Phnom Penh habe ich nicht so viele Freunde, es ist schwer, in dieser Branche Kontakte zu knüpfen, weil man so viel unterwegs ist. Für Vereinstypen wäre das sicher nichts. Leider spreche ich auch die Landessprache nicht, deswegen kann ich mich nur auf Englisch unterhalten. Ich bin einfach nicht so sprachbegabt.

Generell finde ich das Leben hier ziemlich chaotisch. Es gibt kaum Regeln im Straßenverkehr und manchmal habe ich das Gefühl, die roten Ampeln gehören nur zur Stadtdekoration. Ein Leben scheint hier weniger wert zu sein als in Europa. Kaum jemanden interessieren die ganzen Verkehrstoten, die es jedes Jahr gibt.

Wir haben lange gebraucht, in Phnom Penh eine Wohnung zu finden, die ein sicheres Treppenhaus hat, nicht zu dunkel und nicht zu klein ist. Nun leben wir direkt am Fluss, haben 100 Quadratmeter und zahlen etwa 600 Euro Miete dafür - inklusive Reinigungskraft, die drei Mal in der Woche bei uns sauber macht. Ich verdiene ganz gut, muss mich aber privat um meine Rente und die Krankenversicherung kümmern.

Am meisten vermisse ich gute Milchprodukte hier. 100 Gramm Cheddar kosten hier ungefähr sieben Euro. Wenn ich in Europa bin, bringe ich mir meist Käse mit.

Momentan wird ziemlich viel in Phnom Penh gebaut und weil das für das Stromnetz zu viel ist, wird manchmal in einem Teil der Stadt vormittags und in einem anderen Teil nachmittags der Strom abgestellt.

Sonst ist das Land aber sehr fortschrittlich. Wir bestellen alle Lebensmittel online und die werden uns direkt in die Küche geliefert. Wenn ich auf dem Flughafen ankomme, habe ich meinen Koffer innerhalb von fünf Minuten und sitze schon nach einer Stunde geduscht zu Hause.

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