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Von Köln nach Kanada »Seitdem wir hier sind, waren wir nicht mehr krank«

Die nächste Siedlung ist eine Dreiviertelstunde entfernt, nachts streifen Wölfe um die Hütte: Die Auswanderer Peter Zenkl und Sophie Mutlu erzählen, wie sie inmitten der Wildnis Kanadas leben. 2020 einer der meistgelesenen SPIEGEL-Artikel.
Illustratorin Sophie Mutlu und Fotograf Peter Zenkl haben ihr Leben in Köln gegen die Wildnis Kanadas eingetauscht.

Illustratorin Sophie Mutlu und Fotograf Peter Zenkl haben ihr Leben in Köln gegen die Wildnis Kanadas eingetauscht.

Foto: Peter Zenkl

Das Bärenspray hat Peter Zenkl immer dabei. Eine Dose, gefüllt mit pulverisierter Chilischote, mit der man im Ernstfall auf die Bärennase zielt. "Ich habe es noch nie einsetzen müssen", sagt er, aber beruhigend sei es doch, es bei sich zu wissen. Zum Beispiel früh um vier auf einer verlassenen Straße in Yukon, im äußersten Nordwesten Kanadas. "Da stand ich, und dieser Grizzly kam direkt auf mich zu, bevor er dann doch abdrehte."

Zum Haarewaschen benutzt Mutlu einen Blecheimer und eine Kanne. Fließendes Wasser haben sie in ihrer Hütte nicht.

Zum Haarewaschen benutzt Mutlu einen Blecheimer und eine Kanne. Fließendes Wasser haben sie in ihrer Hütte nicht.

Foto:

Peter Zenkl

Vor drei Jahren kam der Wildlife-Fotograf mit seiner Freundin Sophie, einer Illustratorin, nach Kanada. "Wir waren in Mexiko mit einem VW-Bus gestartet und wollten hoch bis Alaska, dann wieder runter nach Argentinien." Da ihr Rumpelbus regelmäßig Pannen hatte, zog sich die Reise wochenlang hin. "Wir beschlossen, so lange nach Norden zu fahren, bis wir einen Bären und einen Elch gesehen hatten."

Zenkl und Mutlu essen viel selbst angebaute Kartoffeln und Zwiebeln.

Zenkl und Mutlu essen viel selbst angebaute Kartoffeln und Zwiebeln.

Foto:

Peter Zenkl

Im kanadischen Whitehorse warteten sie wieder wochenlang auf Ersatzteile. Sie lasen Jack London und verliebten sich in die Idee zu bleiben. Ein Anlassversuch bei minus 50 Grad verpasste dem Bus die finale Schrottung, jemand erzählte von dieser verlassenen Holzhütte, eine Dreiviertelstunde von der nächsten Siedlung entfernt, ohne fließend Wasser.

Seit zweieinhalb Jahren wohnen sie nun in der Wildnis, mit zwei Dobermännern, die sie aus Mexiko mitgebracht haben. Waschen sich im Sommer über einem Eimer und begnügen sich im Winter mit Waschlappenwäsche, kochen selbst angebaute Kartoffeln und Zwiebeln auf dem Gasofen und viel Fisch, selbst geangelt. Früher in Köln sei er gern in Restaurants gegangen, "aber hier können wir jeden Tag spontan entscheiden: Gehen wir wandern oder Kanu fahren?"

Nachts hören sie die Wölfe um die Hütte schleichen. Sie kennen alle Fuchsbauten in der Nähe, vor denen im Frühjahr die Welpen spielen. Den ersten Grizzly sahen die beiden übrigens erst nach sechs Monaten: "Wir waren wandern, hatten Stinkekäse-Brote ausgepackt. Er starrte uns an, dann raste er zurück ins Gebüsch." Weniger scheu war ein Elch: "Er kam so nah, dass wir ihn riechen konnten."

Nicht nur sein Verhältnis zur Natur habe sich durch das neue, einfache Leben verändert, sagt Zenkl, sondern auch das zur Technik: "Wenn früher am Auto die Bremsen quietschten, dachte ich sofort, ich sterbe! Wenn ich jetzt ein komisches Geräusch höre, halte ich an, baue ein paar Teile aus und wieder ein und schaue, ob alles okay ist."

Etwas anderes bleibt ihm auch kaum übrig auf seinen Fototouren etwa zum Polarmeer, bei denen ihm oft den ganzen Tag kein Mensch begegnet. Seine Fotos verkauft er an Magazine und über einen eigenen Onlineshop, auch Sophie Mutlu bietet auf ihrer Webseite Drucke zum Kauf an, gerade arbeitet sie an ihrem ersten Kinderbuch.

Vor wenigen Tagen haben die beiden dem Outdoor-Magazin "Walden" ein Video-Interview gegeben, das auf YouTube zu sehen ist . In dem Clip sitzen sie vor ihrer Hütte vor einem großen Holzstapel. Feuerholz für den Winter zu beschaffen, ist gerade ihre wichtigste Tagesaufgabe. "Da hat man durchgängig das Gefühl: Ah, das reicht nicht!", sagt Zenkl. Jetzt im Herbst erscheine ihnen jeder Tag zu kurz. Sie stehen früh auf, sammeln Cranberries im Wald und kochen diese ein, jagen wilde Hühner, ernten Kartoffeln, sägen und hacken Holz.

Wenn Zenkl im Polargebiet auf Fototour ist, begegnet ihm oft tagelang kein anderes Auto. Bei Pannen hat er gelernt, selbst anzupacken.

Wenn Zenkl im Polargebiet auf Fototour ist, begegnet ihm oft tagelang kein anderes Auto. Bei Pannen hat er gelernt, selbst anzupacken.

Foto:

Peter Zenkl

Ihre Lebenshaltungskosten seien sehr niedrig, erzählen die beiden. Weniger als 1000 Euro im Monat geben sie gemeinsam für Miete, Benzin und Essen für sich und die beiden Hunde aus. Und noch einen Vorteil habe das Leben in der Wildnis, berichtet Mutlu: "Seitdem wir hier sind, waren wir nicht mehr krank. Keine Erkältung, nichts."

Schon im ersten gemeinsamen Urlaub, einer vierwöchigen Kanutour in Schweden, hatten Zenkl und seine Freundin rumgesponnen, wie es wäre, in der Wildnis zu leben. "Wir waren sicher: Das wird nicht passieren." Mittlerweile können sie sich das Leben ohne unberührte Natur nicht mehr vorstellen. Auf die Nerven gehen sie sich trotz der Nähe selten, "und selbst wenn man mal genervt ist, nimmt man die Hunde und geht spazieren oder joggen und dann ist es auch wieder gut", sagt Mutlu.

Und der Kontakt zur Außenwelt? An einer einzigen Stelle in ihrer Hütte haben sie im Winter Handy-Empfang - sofern die Witterung stimmt. "Wenn wir das Telefon auf die Staffelei stellen, kommt manchmal eine WhatsApp-Nachricht rein."

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