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31. Mai 2012, 08:43 Uhr

Hochschullehrer aus Überzeugung

Ja, wir mögen Studenten

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Prestige und Aufstiegschancen winken allein in der Forschung, traditionell gelten Vorlesungen und Seminare als lästige Pflicht. Muss das so sein? Manche akademische Talente lehren gern und aus echter Überzeugung - ein Glücksfall für Universitäten unter Zugzwang.

Wenn sich Katharina Sachse, 34, auf den Heimweg von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin macht, hat sie das gute Gefühl, einen sinnvollen Job geleistet zu haben. Gerade noch hat die promovierte Psychologin im Hörsaal rund 60 Studenten für "Empirische Methodenlehre" zu begeistern versucht. Sperriger Stoff, der aber gebraucht wird, um Projekte wissenschaftlich zu bearbeiten. Regelmäßig bekommt Sachse positives Feedback: wie Studenten die Vorlesung fanden, E-Mails mit Nachfragen. Etliche wählen im nächsten Semester gezielt einen Kurs bei ihr. Das gibt Sachse Bestätigung, beruflich das Richtige zu tun.

Dozentin ist allerdings ihr Nebenjob. Mehr Zeit verbringt die Postdoktorandin an der TU Berlin mit Forschung zur Mensch-Maschine-Interaktion: Wie müssen elektronische Geräte beschaffen sein, damit Nutzer sie intuitiv bedienen können? Zweifellos spannend, aber wie es nach Ende des Drittmittelprojekts weitergeht, ist unklar. Unbefristete Stellen in der Forschung sind selten.

Kopfzerbrechen bereitet das Katharina Sachse nicht: "Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft mehr Lehre zu machen." Denn Forschung sei hochspezialisiert, oft weit weg von dem, was Studenten lernen müssten. Sachse findet es großartig, "jungen Leuten Inhalte zu vermitteln, die sie wirklich brauchen, und am Ende des Semesters zu sehen, dass sie in der Prüfung gut abschneiden, weil sie viel aus dem Kurs anwenden konnten". Eine gute Hochschullehrerin zu sein und das gelegentlich mit eigener Forschung zu verknüpfen, wäre für Sachse beruflich "der Idealzustand".

Forschen geht nur am Wochenende

Den hat Jurist Kyrill-Alexander Schwarz schon erreicht. Er ist seit zwei Jahren Lehrprofessor für öffentliches Recht an der Würzburger Uni und voll ausgelastet, mit 14 Semesterwochenstunden Lehre plus Vorbereitungszeit. Nur noch abends oder an Wochenenden kann er selbst forschen, um wissenschaftlich auf dem aktuellen Stand zu bleiben. "Das zwingt einen zum harten Zeitmanagement", sagt Schwarz, 44.

Dass trotz seines Engagements und Verzichts auf Freizeit aus ihm kein nobelpreisverdächtiger Spitzenforscher wird, stört ihn nicht: "Ich hatte immer das Ziel, an einer Universität zu unterrichten. Man hat eine hohe Verantwortung gegenüber jungen engagierten Menschen, die im Seminar sitzen. Sie für mein Fach Verfassungsrecht zu begeistern, gibt mir Befriedigung." Schwarz will gute Hochschullehre aus Überzeugung machen, auch wenn es dafür keinen finanziellen Anreiz gibt. Die meisten Lehrprofessuren an deutschen Hochschulen sind sogenannte W2-Stellen; der Verdienst liegt je nach Bundesland auf dem Niveau eines Realschul- oder Gymnasiallehrers.

Auch Bernhard Stahl ist Lehrprofessor. Seit eineinhalb Jahren unterrichtet er internationale Politik an der Uni Passau. Und ist begeistert: "Lehre hat etwas sehr Konkretes. Man arbeitet mit Studierenden zusammen. Man erreicht was, man sieht, wo sie am Anfang waren und wo sie am Ende stehen." In der Forschung dagegen erfolge die Anerkennung viel später und diffuser.

Die wenigen Lehrprofessuren in einigen Bundesländern gibt es noch nicht lange. Sie entstanden als Reaktion auf wachsende Studentenzahlen. Nach Stahls Ansicht spricht viel für dieses Stellenprofil: Ein exzellenter Forscher sei nicht zwangsläufig ein guter Hochschullehrer (was umgekehrt ebenso gelte) - und eine klarere Aufgabenverteilung darum sinnvoll. Zudem steige der Arbeitsdruck bei den klassischen Forschungsprofessoren, die sich auch um die Akquise von Drittmitteln sowie immer mehr Administration und Lehre kümmern müssen. "Wenn es so weitergeht, kommen wir zum Ideal des Burnout-Professors", sagt Stahl.

Zwei Klassen an den Hochschulen?

Traditionell gilt Lehre unter Forschern eher als lästige Pflichtaufgabe, die von höheren Ambitionen abhält. Studenten fühlen sich dann mit Massenveranstaltungen abgespeist und von Professoren schlecht betreut. Mit ihrem Ärger stehen sie nicht allein: Auch begabte Wissenschaftler wie Sachse, Schwarz und Stahl wenden sich gegen die Schieflage an den Universitäten, gegen herkömmliche Karriereklischees. Statt um Prestige in der Forschung zu ringen, finden sie es sinnvoller, einfach gute Hochschullehrer zu sein.

Solche Dozenten sind eigentlich ein Glückfall für Universitäten unter Zugzwang. Angesichts weiter steigender Studentenzahlen sind Lehrprofessuren ein Weg aus ihrem Dilemma - aber kein Allheilmittel, so Bettina Jorzik vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, der ebenfalls die Lehre aus ihrem Schattendasein holen will. Jorzik betont: "Es wäre fatal, wenn man bei Hochschulprofessuren Lehr- und Forschungsaufgaben grundsätzlich und dauerhaft voneinander trennt." Sie dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden; zudem befürchtet Jorzik eine "Zweiklassengesellschaft" des Hochschulpersonals.

Die mit Auszeichnung habilitierte Mathematikerin Simone Göttlich, 33, ist seit über einem Jahr Lehrprofessorin an der Mannheimer Uni. Und grübelt mittlerweile, ob sie sich zu voreilig für diesen Job entschieden hat: "Durch das erhöhte Lehrdeputat bleibt wenig oder keine Zeit für die Forschung. Ich möchte mich aber noch weiterentwickeln. In jungen Jahren hat man als Wissenschaftler viele Ideen, was man alles machen könnte. Forschung ist notwendig, sie gibt neue Impulse für die Lehre." Göttlich hält es für sinnvoller, den Mittelbau unterhalb der Professur zu stärken und für den Ausbau attraktiverer Dozentenstellen zu nutzen.

Neue Lecturer, aber nicht als Leichtlohngruppe

Genau das tut die Universität Bremen, Vorreiter eines neuen Personalmodells. Sie hat in den letzten Jahren sogenannte Lecturer-Stellen auf- und zügig ausgebaut, und zwar nicht als reine Leichtlohngruppe: Wissenschaftliche Mitarbeiter leisten 12 bis 16 Semesterwochenstunden Lehre. Für die teils befristeten, teils unbefristeten Stellen gibt es ein W2-Grundgehalt (in Bremen rund 4250 Euro) oder ein Gehalt des öffentlichen Dienstes (bis zu 4390 Euro).

Neben 245 Professoren beschäftigt die Bremer Uni rund 500 wissenschaftliche Mitarbeiter, davon 67 "Lecturer" oder "Senior-Lecturer" - so viele wie keine andere deutsche Hochschule. "Der Mittelbau hat eine hohe Bedeutung für die Leistung der Universitäten, ihm sollten mehr Karrieremöglichkeiten zukommen", sagt Rektor Wilfried Müller. "Wir wollten auch zum Ausdruck bringen, dass wir wissenschaftliche Mitarbeiter schätzen und der qualifizierte Mitarbeiter an der Hochschule nicht erst beim Professor beginnt."

Inspirieren ließ sich die Uni Bremen auch im Ausland, wo hauptberufliche Lecturer schon lange einen Großteil der Hochschullehre schultern - etwa in Schweden, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden. "Nach einer kurzen Probezeit ist die unbefristete Anstellung als Hochschullehrer üblich, mit der Möglichkeit des internen Aufstiegs zum Senior-Lecturer oder Professor", erläutert Karin Zimmermann vom Institut für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg. In Schweden sowie in Frankreich kommen auf jeden Professor etwa zwei Lecturer oder "Maîtres de Conférences", in den Niederlanden drei. In England liegt das Verhältnis bei eins zu vier bis fünf. Deutsche Universitäten haben bis dato höchstens zwei Prozent Lehr-Spezialisten - deutlich ausbaufähig.

Kompliziert sei es gar nicht, Lecturer-Stellen einzurichten, sagt Rektor Müller - gut für lehrbegeisterte Forscher und wissenshungrige Studenten. Inzwischen klopfen andere Hochschulen an und bekunden Interesse am hanseatischen Modell.

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