In Kooperation mit

Job & Karriere

Mein Leben als Finanzbeamter "Wir müssen eben Gesetze einhalten"

Das sichere Auskommen als Staatsdiener war sein Ziel, doch dann erlebte er das reale Behördendasein: Ein Finanzbeamter berichtet - von uralten Computern, starrer Hierarchie und ungerechter Behandlung von Steuerzahlern.
Sachbearbeiter im Finanzamt Potsdam (Brandenburg)

Sachbearbeiter im Finanzamt Potsdam (Brandenburg)

Foto: Jan Woitas/ picture alliance / dpa

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Was es bedeutet, Beamter auf Lebenszeit zu sein, verstand ich erst so richtig an meinem ersten Arbeitstag. In einem Brief wurde mit mitgeteilt, wann mein 25-jähriges Dienstjubiläum sein wird - auf den Tag genau. Das Datum für das 40-jährige Jubiläum stand direkt darunter. Diese Sicherheit hatte mich auch bewogen, Finanzbeamter zu werden. Im Osten Deutschlands, wo ich herkomme, ist Sicherheit häufig ein wichtiges Kriterium bei der Jobsuche. Den Öffentlichen Dienst kannte ich auch schon; meine Mutter ist Lehrerin.

Das Studium zum Diplomfinanzwirt dauerte drei Jahre und es war echt hart. Danach habe ich vieles bearbeitet: Von der Einkommensteuer eines Angestellten bis zu Bilanzen von Firmen. Da ging es teilweise um 100 Millionen Euro. Der ein oder andere bekam auch schon mal eine saftige Nachzahlungsaufforderung - Mitleid hatte ich aber eher nicht. Die Arbeit von Finanzbeamten findet vor allem auf dem Papier statt. Wir müssen eben Gesetze einhalten. Außerdem arbeitet man in dem Glauben, dass es etwas wie Steuergerechtigkeit gibt.

Wie die Bürokratie an sich selbst scheitert

Was mich an der Arbeit gestört hat, ist die mangelnde Verhältnismäßigkeit. Es kann beispielsweise sein, dass genau überprüft wird, ob ein Angestellter tatsächlich ein Arbeitszimmer absetzen darf oder ob er auch alle Steuern gezahlt hat, als er im Ausland gearbeitet hat. Auf der anderen Seite geben große Firmen mit Millionenumsatz manchmal zweifelhafte Betriebskosten an. Da wird das Privatauto schnell mal zum Betriebswagen oder der Geschäftsführer stellt seine Frau ein, ohne dass die wirklich arbeitet.

Die Sachverhalte sind häufig kompliziert und nicht immer ist klar, was am Ende der Prüfung rauskommt. Deshalb musste ich sie öfter zu den Akten legen. Die Begründung der beteiligten Dienststellen: Zu viel Aufwand für zu wenig Aussicht auf Erfolg. Dabei ging es da um wesentlich höhere Summen als bei durchschnittlichen Arbeitnehmern.

In solchen Fällen scheitert die Bürokratie an sich selbst. Am Ende zählt da nur die Statistik und nicht, wie aufwendig ein Fall war oder um welche Summe es ging. Menschen, die keine Ahnung vom Steuersystem haben, schrecken häufig vor einer Steuerklärung zurück. Dabei könnten sie profitieren. Andere, die sich einen Steuerberater leisten können, sind im Vorteil. Das Finanzamt hat einfach nicht genügend Personal oder nicht immer das nötige Know-how, um die Angaben bis ins Detail zu prüfen. Das fängt schon mit den Computersystemen an. Die sind teilweise veraltet und anfällig. Da kam es schon mal vor, dass einen Tag niemand im Finanzamt arbeiten konnte.

Der Köder: Beamter auf Lebenszeit

Wegen der starren Hierarchie steht sich das Finanzamt oft selbst im Weg, wenn es um Veränderungen geht. Bei einer Beförderung ist vor allem entscheidend, wie lange man bereits beim Finanzamt arbeitet und nicht unbedingt, was man geleistet hat. Junge, motivierte Leute haben kaum Chancen, schnell aufzusteigen. Dabei kommen die frisch aus der Uni und bringen viel Wissen und neue Ideen mit. Die Verbeamtung ist derzeit das stärkste Argument, Finanzbeamter zu werden. Dabei gäbe es viel mehr Möglichkeiten, den Arbeitsplatz attraktiv zu gestalten.

Fotostrecke

Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Der Job als Finanzbeamter bietet aber auch viele Vorteile: Man kann nicht gekündigt werden und es wird viel Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelegt. Es gibt diverse Teilzeitmodelle und man kann auch auf bestimmte Zeit aussetzen. Außerdem ist der Zusammenhalt unter vielen Mitarbeitern sehr groß.

Ich kann den Job deshalb jedem empfehlen, der einen sicheren Arbeitspatz sucht. Ein Vorurteil stimmt aber definitiv nicht: Finanzbeamte arbeiten nicht nur bis mittags und es gibt auch nicht regelmäßig Sektfrühstück. Es ist im Gegenteil ein harter Job - vor allem, weil wir über immer weniger Personal verfügen, aber immer mehr Fälle übernehmen sollen.

Das liegt daran, dass das Steuersystem über die Zeit nicht einfacher geworden ist. Die Finanzbeamten müssen deshalb zusätzliche Anträge bearbeiten und werden mit Papier zugeschüttet. Außerdem werden immer mehr Mitarbeiter für die Überprüfung von Firmen abgezogen. Die fehlen dann in anderen Bereichen.

Für alle, die Karriere machen wollen, ist das Finanzamt aber definitiv nichts. Ich selbst habe nochmal studiert und arbeite jetzt in einer ganz anderen Branche. Aber wer weiß, vielleicht zieht es mich irgendwann zurück. Dann könnte ich auch noch mein 25-jähriges Dienstjubiläum erreichen.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.