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Nach Diktat verreist Friedhof der Power-Sätze

Wenn der Chef einen neuen Plan hat, verpasst er ihm gerne ein knackiges Motto. Mittelmanager Achtenmeyer hat viele dieser Glückskekssprüche überlebt - und weiß, dass sie keiner ernst nimmt.
Foto: SPIEGEL ONLINE

Stimmt schon, das Dasein als Mittelmanager ist reich an Routine, und diese Routine schlägt gerne auch mal in Langeweile um. Andererseits hat Routine den großen Vorteil, dass Achtenmeyer gelassener geworden ist. Er rotiert jetzt nicht mehr bei jeder kleinsten Veränderung der Großwetterlage wie ein Flummi auf Red Bull durch sein Büro.

Wie damals in seinem ersten Job als Marketing Assistant, als ein neuer CEO antrat. Selbstredend, sagte der Neue, sollten die bisherigen Erfolgsgeschichten der company fortgeführt und die weniger erfolgreichen verbessert werden. Wie die Firma künftig strategisch ticken sollte, dafür hatte sich der neue Chef extra ein Motto ausgedacht: "Einfach. Individuell. Schnell.", kurz: EIS.

Achtenmeyer verbrachte zahllose Nächte im Büro und versuchte, seinen Job EIS-mäßig auszurichten. Doch "einfach" stellte sich als überraschend schwierig heraus, "individuell" ließ er erstmal links liegen, nur bei "schnell" erzielte er gute Fortschritte, wenn auch auf Kosten von "richtig" und "zuverlässig".

Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Reporter beim manager magazin und Buchautor. In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert der Protagonist - der fiktive, aber lebensnahe Mittelmanager Achtenmeyer - regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.Buch bei Amazon: "Ziemlich beste Feinde" von Klaus Werle Klaus Werle vei Twitter 

Erst nach einigen Monaten fiel Achtenmeyer auf, dass außer ihm offenbar keiner irgendetwas an seiner Arbeit veränderte. Zwar gab es schicke Broschüren, in denen "EIS" erläutert und in 27 Untermerksätze aufgeschlüsselt wurde. Es gab einen Lenkungsstab zur EIS-Implementierung. Und in den ersten Wochen streute jeder, der noch was werden wollte, in Meetings Sätze ein, die mit "Ausgehend vom EIS-Gedanken..." begannen. Aber irgendwann hörte auch das auf, und die Mitglieder des Lenkungsstabs, die sich eine Zeit lang vor Lunch-Dates nicht hatten retten können, saßen wieder alleine in der Kantine.

PEAK, SMART, BEYOND oder FIGHT

Power-Sprüche kommen, Power-Sprüche gehen, doch die Organisation schnurrt unbeirrt weiter - unter diesem ganz persönlichen Wappenspruch hat Achtenmeyer nun bereits diverse CEO-Wechsel samt jeweiligem neuen Motto überstanden. Irgendwann wurden die Sprüche englisch, immer aber spiegelten sie irgendwie den Zeitgeist. Zum Beispiel die Neunziger, als PEAK eingeführt wurde: "Performance. Efficiency. Ambition. Kick." Die Mischung aus Leistung, persönlichem Ehrgeiz und latenter Aggression passte derart gut in die Dekade, dass Achtenmeyer um ein Haar wieder auf die Magie der Motivationssentenzen hereingefallen wäre.

Dass er standhaft blieb, war sein Glück. Denn gemeinsam mit seinem Schöpfer verschwand PEAK nach nicht einmal zwei Jahren in den alles verzeihenden Sedimentschichten der company.

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Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde

Foto: Leo Leowald

Und wurde unter dem nächsten CEO ersetzt durch SMART ("Super. Maximum. Attention. Roots. Treasure.") Das war ziemlich verworren mit einem kräftigen Schuss Esoterik - ähnlich wie die Unternehmensstrategie seines Schöpfers, der dann ebenfalls schnell gehen musste. Es kam ein neuer Mann an der Spitze, ein neuer Lenkungsstab, alles ein bisschen größer und peppiger und hipper, denn es waren die Nullerjahre, und es galt, BEYOND in Szene zu setzen ("Be. Your. Own. Next. Director."). Jeder sein eigener Unternehmer, entrepreneurial spirit, der ganze Schmonzes. Fast war Achtenmeyer ein bisschen froh, als nach Lehman die große Krise kam und key messages nicht mehr nach Eroberung neuer Galaxien klangen, sondern "FIGHT" hießen oder "ROLLBACK" oder "STAND". Plötzlich war Wirtschaft hart und gefährlich und es ging ums Überleben in schwerer See.

Seit einigen Jahren aber ist auch das vorbei, und es herrscht GROW. Eingeführt, vorgestellt und interpretiert von CEO Waterwind persönlich: GROW steht für "Go. Restart. One. World." Werte, Nachhaltigkeit, Sinn - alles, was die Management-Literatur der vergangenen Jahre bevölkerte, hat Waterwind in GROW gegossen.

EIS für alle

Zur Überraschung aller propagiert GROW nicht nur Nachhaltigkeit - das Programm IST sogar nachhaltig, zumindest was Waterwinds Posten angeht, der nun schon ziemlich lange CEO ist. Weil dadurch der Ruckeffekt eines Neuen CEOs samt neuer Key-Messages ausbleibt, hat Waterwind kurzerhand beschlossen, selbst für frischen Wind zu sorgen. Mit einem neuen programmatischen buzzword für seine nächste Amtszeit.

Als Achtenmeyer davon vor einigen Wochen hörte, setzte er sich an die Tastatur, ließ die Key-Message-Erfahrungen der vergangenen zwanzig Jahre Revue passieren und verfasste binnen zehn Minuten ein nicht ganz ernst gemeintes Power-Motto: "Einfach. International. Schnell.", kurz EIS. Eine bewusste Reminiszenz an seine Anfänge (nur das "Individuell" hatte er noch nie verstanden und deshalb kurzerhand ersetzt). Klang zwar jetzt stark nach Spedition, hob sich aber per Vintage-Effekt angenehm von den üblichen Anglizismen ab. Achtenmeyer hinterlegte "Vintage-Effekt" noch rasch mit einem schmucken Goldton, klatschte begeistert in die Hände und danach versehentlich auf die Return-Taste. Die Mail an Waterwind war abgeschickt.

Jetzt ist er also im Lenkungsstab, ein Traum wird wahr. In den nächsten Wochen wird Achtenmeyer wohl keine Lunch-Termine mehr frei haben. Aber, beruhigt er seine Kollegen, das legt sich schnell wieder. Ganz sicher.

Lessons learned

1) Sein und Schein: Ein munter perlendes Power-Motto ist schnell ersonnen - doch über den Broschürenstatus kommt es nur hinaus, wenn a) der CEO es auch vorlebt und es b) konkret genug ist, um überhaupt gelebt werden zu können. Wolkenwörter à la "Wertekultur" sind da wenig hilfreich.

2) Innen und außen: Die meisten programmatischen Motti sollen nach innen wirken und die Mannschaft motivieren. Ihr Inhalt aber ist meist von außen inspiriert - statt den Zeitgeist sollten Power-Sprüche besser die Besonderheit des jeweiligen Unternehmens spiegeln.

3) Was nicht passt...: Die zwanghafte Suche nach Akronymen führt zudem häufig zu nichtssagenden bis irreführenden Wortschöpfungen, die mühsam wieder in Broschüren erklärt werden müssen. Besser auf ein gelungenes Akronym hören: "Keep It Short and Simple" (KISS). Dann klappt's vielleicht auch mit der Motivation.

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