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Tipps von den Karriereberaterinnen Ich bin Künstlerin – wie werde ich entdeckt?

Dorothea Assig
Dorothee Echter
Ein Gastbeitrag von Dorothea Assig und Dorothee Echter
Maja ist Malerin, aber der große Durchbruch ist ihr noch nicht gelungen. Welche Strategien muss sie anwenden, um endlich erfolgreich und bekannt zu werden – und lassen sie sich auch auf andere Berufe übertragen?
Illustration: Niels Blaesi / DER SPIEGEL

Maja, Malerin, 45 Jahre alt, fragt: »Nach meiner Ausbildung an einer renommierten Kunstakademie geht es so lala dahin, seit Jahren kann ich eher schlecht als recht von meinen Bildern leben. Hier in meiner kleinen Heimatstadt kennen mich alle, ich stelle in Cafés aus, beteilige mich an kommunalen Kunst-Aktivitäten. Leider gibt es hier keine Galerie. Wer entdeckt mich? Sicher ist: Die Karrieretipps, die Sie hier sonst vorstellen, gelten für mich nicht. Für die Kunst gelten andere Regeln. Was kann ich machen, außer hoffen?«

Dorothea Assig und Dorothee Echter sind Beraterinnen für das internationale Topmanagement, Konferenzrednerinnen und Autorinnen von Fachartikeln und Fachbüchern. Dazu zählen »Freiheit für Manager« und »Ambition. Wie große Karrieren gelingen«. Ihr jüngstes Buch: »Eines Tages werden sie sehen, wie gut ich bin! – Wie Karrieremythen Ihren Erfolg blockieren und wie Sie dennoch weiterkommen.« Ariston Verlag. In ihren Beiträgen gehen sie besonders auf Probleme von Führungskräften ein. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben – Stichwort Assig und Echter 

Liebe Maja,

diese romantische Vorstellung: »Eines Tages wird gesehen, wie gut ich bin«, hält sich hartnäckig. Es ist eine Allmachtsfantasie, die mit der Realität nichts zu tun hat. Ihr Unterbewusstsein sagt: »Bis ich entdeckt werde, kann ich in meiner Komfortzone bleiben.« Künstlerin zu sein ist eine Berufung und wird dann erst zum Beruf, wenn die Anforderungen erfüllt werden, die mit einer Berufstätigkeit verbunden sind – sonst bleibt es ein Hobby.

Ihr großes Talent, Ihre Arbeiten, das ist die Basis, mehr nicht. Herausragende Leistungen erbringen und Karriere machen sind zwei völlig unterschiedliche Systeme. Das haben erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler verstanden. Von Michelangelo über Frida Kahlo bis zu Yayoi Kusama machen erfolgreiche Künstler:innen auf sich aufmerksam, manchmal über Jahrzehnte. Damit verbringen sie mehr als die Hälfte ihrer Zeit – eher 70 Prozent. Die plötzliche Entdeckung hat es nie gegeben, immer haben sie alles gegeben, um Menschen zu gewinnen, die sie wahrnehmen, weiterempfehlen, fördern. Nicht einmal, nicht zweimal, dauernd, damit sie dann, nach Jahren, wie zufällig »entdeckt« werden.

Herausragende Leistungen erbringen und Karriere machen sind zwei völlig unterschiedliche Systeme.

In der Kunst ist es wie in jedem anderen beruflichen Feld: Unsere Auswertungen von Hunderten Gesprächen mit sehr erfolgreichen Menschen ergeben das Gleiche wie die von Erfolgsforschern wie Albert-László Barabási oder Wissenschaftlern, die sich mit der Entstehung von Einfluss beschäftigen, wie Dacher Keltner. Es sind Gesetzmäßigkeiten, die in jeder Fachrichtung für jede Karriere gelten, die jedoch für noch nicht Erfolgreiche mitunter unglaubwürdig klingen. So sollte ich handeln? »Ich kenne niemanden, der so agiert« – vielleicht ist gerade das das Problem. Für Sie als Künstlerin im Kunstmarkt, einer weltweiten Industrie, sind dies Ihre Aufgaben, wenn Sie erfolgreich sein wollen:

Werden Sie immer besser

Lernen Sie von den Besten. Besuchen Sie Meisterkurse, suchen Sie Nähe zu erfolgreichen Künstler:innen. Statt Malkurse zu geben, die Ihnen das Gefühl geben, besser als andere – als die Hobbymaler:innen – zu sein, bewerben Sie sich auf Ausschreibungen und Stipendien. Höchste Ansprüche sind gerade hoch genug.

Gehören Sie dazu

Seien Sie dort, wo viele erfolgreiche Künstler:innen, wo Kunstliebhaber:innen, Sammler:innen, Journalist:innen etc. sind: in Galerien, bei Museumsveranstaltungen, Vernissagen, bei Kunstinitiativen oder in Kunstvereinen. Bewundern, fördern, empfehlen und feiern Sie erfolgreiche Künstler:innen, Käufer:innen, Mäzen:innen, Galerist:innen, denn Sie brauchen viele herzliche Verbindungen zu den Einflussreichsten. Nur daher kommen Anfragen, Einladungen, Empfehlungen für Sie. Gehen Sie raus. Im Kunstmarkt müssen viele Menschen von Ihnen wissen, damit Bewegung in Ihre Karriere kommen kann.

Verkaufen Sie

Diesen Aspekt möchten viele Selbstständige und Kunstschaffende gern ausblenden. Für Verkäufe sind Sie auch verantwortlich. Sehr viele Menschen müssen Ihre Bilder sehen, bevor eines gekauft wird. Sehr wenige Menschen kaufen ernsthafte moderne Kunst für ernsthafte Summen, und noch weniger kaufen sie gezielt. In Ihrer kleinen Heimatstadt sind das vielleicht 10, 20, 30 Personen? Ziehen Sie in eine Kunstmetropole. Wo viel Kunst ist, wird viel Kunst gekauft.

Seien Sie sichtbar

Präsentieren Sie Ihre Kunst auf Instagram und auf Ihrer Website. Laufend aktualisiert. Liken und kommentieren Sie öffentlich positiv das Werk anderer. Das ist nicht leicht, denn Sie selbst wollen ja bekannt werden … doch so geht es. Posten reicht nicht.

Ihre Fülle führt Sie weiter

Sie haben kaum Geld, keinen Zuspruch, nur Ihre Mutter, Ihr Vater und Ihre kleine Schwester glauben an Sie? Das ist hart, doch Mangelgefühle machen niemanden erfolgreich. Kultivieren Sie Ihren Blick dafür, wie andere Menschen Sie und Ihre Kunst promoten und wie positiv sie über Sie sprechen. Jede noch so winzige Aufmerksamkeit registrieren Sie, die kann sogar in einem ablehnenden Bescheid liegen, der vielleicht einen versteckten aber wertvollen Hinweis für Sie enthält. Die am schäbigsten von Künstler:innen behandelten Personen sind Galerist:innen und Journalist:innen, die ihnen eine Chance gegeben oder über sie berichtet haben – es war nicht genug, nicht richtig formuliert, die Hängung falsch, der Druck auch …

Stattdessen: Sie zeigen sich in der Fülle. Wer Sie fördert, wird beschenkt. Mit einem schönen Bild, nicht von der Resterampe, sondern eines, auf das Sie besonders stolz sind. Sie pflegen Ihre Fülle, denn Sie haben Ihre Kunst. Sie umwerben Galeristen, Sie stalken Sie nicht und überschwemmen Sie nicht mit Anfragen und Bitten. Sie sprechen positiv über die Kunst, die dort ausgestellt ist. Alle Menschen, die Sie gefördert oder empfohlen haben, etwas gekauft haben, werden zu einem Atelierfest eingeladen, und mit Wertschätzung, Likes, Glückwunschkarten verwöhnt.

Liebe Maja, wenn Sie ab jetzt studieren, wie Künstlerinnen und Künstler bekannt und erfolgreich wurden – dann schauen Sie auf die darunterliegende Dynamik, und Sie erkennen: Es ist harte Arbeit, in Erscheinung treten, Verbundenheit pflegen, andere wertschätzen. Machen Sie es genauso. Leben Sie nicht unter Ihren Möglichkeiten. Schöpfen Sie Ihr Potenzial aus.

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