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Karriere im Ausland Vom Sex-Appeal des wilden Ostens

Englisch, Französisch, Spanisch? Spricht doch jeder. Aber Serbisch? Bulgarisch? Wer eine osteuropäische Sprache beherrscht, sammelt Pluspunkte auf dem Karrierekonto. Erfolgreiche Absolventen erzählen, warum sie sich mit komisch klingenden Wörtern plagten und wie man in einer WG mit drei Polinnen besteht.
Von Julia Herrnböck

Es ist unglaublich heiß und schwül an diesem Juninachmittag in Berlin. Vor dem Franklin-Gebäude der Technischen Universität lagern ein paar Studenten schlapp auf den Treppen, ab und zu nehmen sie einen Schluck aus ihren Club-Mate-Flaschen. Heute wird hier niemand mehr etwas beginnen, was irgendwie mit Arbeit zu tun hat.

Aber drinnen, im ersten Stock, Zimmer 1002, hocken noch Bertil, Robert und Thomas. Konzentriert beugen sie sich über ihre Bücher, kein sehnsüchtiger Blick geht zum Fenster. Ihr Ziel lässt keine Ablenkung zu: Sie wollen Bulgarisch lernen. Deswegen sitzen sie jede Woche drei Stunden im Kurs der Sprach- und Kulturbörse der TU. Sonia Ivanova, die quirlige Lehrerin, meint, Bulgarisch sei keine Sprache, die man "einfach so lernt", aus Spaß. Das muss man schon wollen.

"Meine Freundin kommt aus Bulgarien - ich möchte mich gern mit ihr unterhalten können", erklärt Bertil, "bis jetzt passiert das eher mit Händen und Füßen." Er könne sich gut vorstellen, irgendwann in Bulgarien zu leben und zu arbeiten. Robert hingegen ist zwar zweisprachig aufgewachsen, mit einem bulgarischen Vater, will die Sprache aber perfekt beherrschen - und irgendwann vielleicht ebenfalls in Bulgarien arbeiten. Das Fach, das er studiert hat, Technischer Umweltschutz, lässt sich, so hofft er, gut exportieren.

Warum Osteuropa sexy ist - in fünf persönlichen Geschichten:

Wer heute eine slawische oder osteuropäische Sprache lernt, hebt sich deutlich hervor aus der Masse der Studenten, die - neben dem selbstverständlichen Englisch - vor allem ihr Schulfranzösisch oder Spanisch aufpeppen. Denn wer absolviert schon ein Auslandssemester in Sofia oder Moskau?

Und wer kann behaupten, einige Monate in Georgien, Usbekistan oder Sibirien verbracht zu haben? Die Geschichten, die man von dort mitbringt, schlagen jede Schilderung à "L'Auberge Espagnole".

Wer es schafft, in einer WG in Polen ohne Englisch auszukommen oder die zukünftigen Schwiegereltern in Moskau von sich zu überzeugen, lässt sich von Sprachhürden nicht mehr so schnell beeindrucken. Und schärft sein Profil für den Arbeitsmarkt.

Der Weg in den wilden Osten lohnt sich

Seit dem Mauerfall vor mehr als 20 Jahren hat sich die wirtschaftliche Lage Osteuropas drastisch gewandelt. Nach und nach zogen die ehemals kommunistisch regierten Länder Unternehmen, Versicherungen und Banken aus dem Westen an; die Wachstumsraten stiegen und stiegen. Gutausgebildetes Personal aus dem wirtschaftswissenschaftlichen oder technischen Bereich, das auch der Landessprache mächtig ist, war plötzlich sehr gefragt. Und ist bis heute umkämpfte Mangelware auf dem Personalmarkt - die Politik hat es verschlafen, die Osterweiterung auch mal sexy rüberzubringen, als riesige Chance für Berufsanfänger. Denn das ist sie: Personalberater wie Jacobi & Partner beobachten, dass deutsche Unternehmen gezielt Fachkräfte mit Russisch- oder Polnischkenntnissen suchen.

"Englisch ist in internationalen Teams natürlich weiterhin unverzichtbar", sagt Klaus Reiners vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU). "Aber Französisch steht nicht mehr uneingeschränkt an zweiter Position. Es ist durchaus sinnvoll, schon während des Studiums in eine Sprache aus Zentral- und Osteuropa zu investieren."

Wolfram Schrettl leitet den Fachbereich Wirtschaftswissenschaften am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Internationale Institutionen, sagt er, brauchten immer mehr Leute; die Absolventen kämen sehr gut unter. Und die Bewerber? "Jedes Jahr werden es mehr." Auch beim Hochschulteam der Arbeitsagentur informieren sich mittlerweile immer öfter Studenten über Berufschancen in Osteuropa - offenbar weicht das einst von Kriminalität und Krisen überschattete Bild dieser Länder dem Image moderner, globaler Jugendkulturen in erblühenden Metropolen wie Moskau oder Krakau.

Je ne regrette rien - Französisch ist kein Muss mehr

An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), der akademischen Brücke zwischen Ost und West, haben sich die Immatrikulationen für einen Master in European Studies seit dem Wintersemester 2008 beinahe verdoppelt. Wolfram Schrettl freut sich über das späte Interesse, es sei überfällig, schon aus wirtschaftlichen Gründen: "Andere Länder wie Großbritannien oder die USA nehmen uns sonst die Butter vom Brot. In Deutschland haben wir einfach zu viel Zeit mit der Suche nach der slawischen Seele verbracht."

Doch vor einer womöglich glänzenden Karriere als Umwelttechniker in Sofia oder Unternehmensberater in Tallinn gilt es, ein bisschen Zeit und Mühe aufzuwenden. Denn slawische oder osteuropäische Sprachen rollen dem Deutschen nicht von selbst von der Zunge; ein sechswöchiger Intensivkurs im netten Riga reicht nicht.

Es erinnert denn auch an alte Zeiten, Mittelstufendrill, wenn Sonia Ivanova in Berlin die Hausaufgaben abfragt. Zögerlich tragen die drei Studenten ihre bulgarischen Sätze vor, blicken oft verunsichert zu Sonia. Als die Lehrerin plötzlich niesen muss, schmettern die Schüler ihr aber ein promptes und einstimmiges "Nazdrave!" entgegen. Das klappt schon mal ganz gut.

Die UniSPIEGEL-Mitarbeiterin Julia Herrnböck, 28, hat in Wien, Spanien und Venezuela Politikwissenschaft und Publizistik studiert und kann Englisch, Spanisch sowie Französisch - und "ein bisschen Rumänisch", seit sie für eine Unternehmensberatung in dem Land tätig war.

"Gerettet hat mich ein Intensivkurs" - Wie Florian, 27, Russisch lernte, damit ihn Frau und Tochter verstehen

Foto: Julian Finney/ Getty Images

Florian Dahlmann, 27, Unternehmensberater - Russisch für die Familie

"Ich habe während meines BWL-Studiums ein Semester in Mexiko und eines in Brasilien studiert. Aber während eines Praktikums in Shanghai - da wollte ich auch noch Chinesisch lernen - habe ich meine jetzige Frau kennengelernt. Asel ist Russin und in Wahrheit auch der Grund, warum ich mich so sehr für Russland und die russische Sprache interessiere.

2007 habe ich dann ein Praktikum in Russland absolviert, vier Monate. Mit dem Hintergedanken, Russisch so nebenbei zu lernen. Was für ein Quatsch - nach drei Monaten war klar, dass das nicht geht. Selbst zweimal die Woche Privatunterricht war zu wenig.

Gerettet haben mich drei Monate Intensivsprachkurs in Moskau. Wir haben nämlich eine inzwischen zweijährige Tochter, und ich wollte nicht, dass sie später einmal denkt, ihr Papa sei blöd, weil er sie nicht versteht. Wir erziehen sie jetzt auf Deutsch, Englisch und Russisch.

Seit dem Studium bin ich als Unternehmensberater in Berlin tätig, aber mein Russisch brauche ich nur bedingt. Vielleicht einmal während einer Kaffeepause im Meeting. Mit meiner Frau und meiner Tochter telefoniere ich aber auf Russisch."

Früher war ich eine Exotin - Warum Alexandra, 30, Polnisch lernt

Foto: Carsten Koall/ Getty Images

Alexandra Schweiger, 30, Doktorandin - Polnisch als Schlüssel

"Ich habe mich schon sehr früh für Polen interessiert, wahrscheinlich, weil meine Großmutter in Schlesien aufgewachsen ist und mir viel erzählt hat. Als ich 1999 anfing, unter anderem Osteuropäische Geschichte an der Uni Köln zu studieren, war ich noch eine absolute Exotin. Und ganz ehrlich: Das erste halbe Jahr Polnisch lernen war richtig schwer. Als ich für ein Auslandssemester nach Krakau kam, war ich entsetzt, wie wenig ich mich unterhalten konnte.

Aber am Ende war Polnisch mein Schlüssel zu anderen slawischen Ländern. Nach Estland-Exkursionen und Praktika in Slowenien und Lettland habe ich angefangen, Russisch zu lernen - und das klappt erstaunlich gut! Derzeit promoviere ich in polnischer neuzeitlicher Geschichte und arbeite als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Herder-Institut in Marburg. Ich liebe Polnisch, es ist sehr melodisch, es macht mir Freude, die Sprache zu hören und zu lesen.

Schön, dass das Interesse an Osteuropa stärker wird. Auch wenn es langsam passiert: Hauptsache, es passiert!"

Egal, ob es beruflich was nützt - Warum Annegret, 23, Tschechisch lernt

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Annegret Schneider, 23, Studentin - Europäische Integration live

"Als Kind habe ich oft mit meinen Eltern Urlaub in Tschechien und Polen gemacht. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht einmal "danke" auf Tschechisch sagen kann, aber sehr wohl auf Spanisch - ohne Spanisch wirklich zu sprechen. So weit entfernt ist Tschechien von Deutschland, nicht geografisch, sondern im Kopf!

Ich habe 2008 in Bremen einen Bachelor für Europastudien abgeschlossen und im zweiten Semester mit Tschechisch begonnen. Allerdings auf einer privaten Sprachschule in Prag. Es gab keinen Kurs an der Uni. Wobei Prag so international ist, dass man im Wohnheim praktisch nur ausländische Studenten trifft - da kam ich mir auch nach drei Monaten noch wie eine Touristin vor. Mein Auslandssemester in Brünn war besser, die Stadt ist kleiner, und die Leute interessieren sich mehr für Erasmus-Studenten.

In Tschechien kann man europäische Integration live erleben, das ist spannend! Ich habe das Ziel, Tschechisch auf hohem Niveau zu beherrschen. Egal ob mir das beruflich nützt."

"Hier bin ich nun, in Priština" - Warum Hagen, 33, ins Kosovo ging

Foto: Chris Hondros/ Getty Images

Hagen Scherble, 33, Student - "Ich beschloss, mein Profil zu schärfen"

"Ich habe nach dem Abitur einen Bachelor-Studiengang in European Economic Studies begonnen. Eigentlich wollte ich mein Auslandssemester in Barcelona oder Paris verbringen. Aber ich bekam keinen Studienplatz dort. Ich musste nach Vilnius, in die litauische Hauptstadt. Und es war toll: unbekannt, neu, reizvoll!

Ich habe mich dann prompt für den brandneuen Osteuropa-Studiengang an der Münchner Uni entschieden. Nach einem Praktikum in Kiew habe ich ein halbes Jahr in Moskau verbracht und neben Litauisch mit Russisch begonnen. Dann kam der Master, anschließend habe ich mich bei deutschen Banken und Versicherungen beworben. Aber deren rein profitorientiertes Geschäftsmodell in Osteuropa hat mir bei näherer Betrachtung nicht gefallen. Ich beschloss, mein Profil zu schärfen, daher mache ich derzeit ein Praktikum am Ministerium für Europäische Integration im Kosovo, das ist Teil des postgradualen Europa-Studiengangs, den ich auf mein Studium draufgesattelt habe.

Ich habe im Ausland viele tolle Leute kennengelernt, junge Menschen, die sich für Europa begeistern. Als ich voriges Jahr zwischendurch zurück nach Deutschland kam, dachte ich mir: Mensch, ich möchte wieder zurück! Und hier bin ich nun, in Priština."

"Ausdauer und Willenskraft" - Warum Sina, 30, Polnisch und Serbo-Kroatisch lernte

Foto: Z1022 Patrick Pleul/ dpa

Sina Greinert, 30, Dozentin - "WG mit drei Polinnen - eine Grenzerfahrung"

"Als ich 14 Jahre alt war, wurde uns ein einwöchiger Schüleraustausch angeboten: in Frankreich, Großbritannien oder Polen. Ich wollte nach Polen, ein Land des Ostens entdecken. Mit 20 habe ich angefangen, in Bremen Politikwissenschaften zu studieren - und zusätzlich Veranstaltungen der Forschungsstelle Osteuropa besucht. Ich beschloss, Polnisch zu lernen.

Das war ganz schön zeitintensiv. Zweimal die Woche Unterricht und dann noch zu Hause lernen. Nach dem Grundstudium habe ich mit Serbo-Kroatisch angefangen. Ich kann nur sagen, es braucht Ausdauer und Willenskraft, eine slawische Sprache zu lernen. 2005 war ich in Breslau, Auslandssemester.

Alle ausländischen Studenten waren in einem Stockwerk des Studentenheims untergebracht, ich bin ausgezogen, weil ich das polnische Leben kennenlernen wollte. Ich fand eine WG mit drei Polinnen. Eine Grenzerfahrung: Zwei schliefen im Doppelbett, zwei am Boden, wir hatten kein warmes Wasser. Aber ich lernte endlich Polnisch!

Mein erster Job nach dem Studium: Kulturmanagerin am Institut für Auslandsbeziehungen in Breslau. Dieses Jahr war ich für zwei Monate als Fachdozentin für Politik und Internationale Beziehungen in Aserbaidschan."

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