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05. Januar 2012, 13:24 Uhr

Karriere im Mittelstand

Per Express in die Chefetage

Von Michael Gatermann

Das Gros der jungen Akademiker zieht es zu Großunternehmen. Muss es denn unbedingt ein Konzern sein? Wer rasant Karriere machen will, ist oft im Mittelstand besser aufgehoben. Dort wird schnell entschieden. Und rasant befördert. Ab durch die Mitte - auch die Provinz hat ihren Charme.

Großkonzern oder Mittelstand? Alexander Nachtwey hat sich entschieden: "Die Stellenanzeigen der Konzerne klingen zwar immer hoch spannend", sagt der 27-jährige Ingenieur, "aber Tatsache ist: Je kleiner das Unternehmen, desto vielseitiger die Aufgaben - Freiräume und kürzere Entscheidungswege wiegen vieles auf." Darum wechselte Nachtwey nach der Promotion 2010 von einem Konzern zum fränkischen Mittelständler Wika. Ein klassischer "Hidden Champion", Weltmarktführer in der Druck- und Temperaturmesstechnik mit einem Jahresumsatz von rund 600 Millionen Euro.

Seit Mai ist der junge Ingenieur als Gruppenleiter für ein Team von zehn Mitarbeitern verantwortlich. "In dem Konzern, in dem ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, dauert es bis zu einem vergleichbaren Schritt mindestens zwei Jahre", kommentiert Nachtwey und schaut zuversichtlich die Karriereleiter hinauf: "Nach zehn Jahren können Sie hier Mitglied der Geschäftsleitung sein, im Konzern sind Sie da gerade Abteilungsleiter."

Es muss nicht immer Siemens oder Audi sein: Spannende Aufgaben, frühe Führungsverantwortung, gute Karrierechancen, schnelle Entscheidungen - immer mehr Uni-Absolventen und Aufstiegsorientierte entdecken die Vorzüge des großen Mittelstands. Als das Beratungsunternehmen Kienbaum gemeinsam mit dem Ruhrunternehmen Haniel 2010 rund 300 Studenten der Wirtschaftswissenschaften nach der Attraktivität von Familienunternehmen als Arbeitgeber fragten, gaben 60 Prozent der jungen Leute den Familienunternehmen vor Großkonzernen den Vorzug.

"Hidden Champions" als Karrieresprungbrett

"Im großen Mittelstand haben Talente breiter angelegte Entwicklungsmöglichkeiten", beobachtet Tiemo Kracht, Geschäftsführer von Kienbaum Executive Consultants, dem Marktführer im Mittelstand unter den Personalberatern. Kracht empfiehlt die Hidden Champions sogar als Karrieresprungbrett: "Früher warben Mittelständler Führungskräfte aus Konzernen ab, heute läuft das umgekehrt - Großunternehmen suchen bei den kleineren junge Führungskräfte, die eigenverantwortliches Handeln gelernt haben und nicht matrixverdorben sind."

Gerade die großen deutschen Mittelständler - rund 5000 Unternehmen mit Jahresumsätzen von 50 Millionen bis drei Milliarden Euro - bieten jungen Talenten viele Chancen: Sie sind Motor unserer wirtschaftlichen Entwicklung, wachsen deutlich dynamischer als die ganz Großen und die ganz Kleinen. Viele dieser Hidden Champions sind sogar in ihrem Metier Weltmarktführer. Sie sind groß genug, um zeitgemäße Managementmethoden und globale Aufgaben zu bieten, aber weniger verkrustet und gremienlastig als klassische Konzerne.

Zwar sind die Einstiegsgehälter für Hochschulabsolventen meist rund 10 Prozent niedriger als in Konzernen, doch wegen der häufig deutlich zügigeren Beförderungen kehrt sich der Nachteil nach wenigen Jahren sehr oft wieder um. Frühe Verantwortung, schnelle Entscheidungswege, persönliche Atmosphäre in überschaubaren Strukturen - das sind die Trümpfe des Mittelstands im Kampf um den Nachwuchs.

Damit trifft er offenbar zumindest den Geschmack der Studenten: Entwicklungsperspektiven und Karriereoptionen waren in der Umfrage von Haniel und Kienbaum wichtigste Faktoren bei der Wahl des Arbeitgebers, gleichauf lag "kollegiales Arbeitsklima", gefolgt von "eigenverantwortlichem Arbeiten". Doch die Sache hat auch eine Kehrseite: Nicht jeder ist geeignet für eine Karriere im Mittelstand - von der Risikobereitschaft bis zum Kommunikationstalent zeichnet sich ein Anforderungsprofil, das stark von dem der Konzerne abweicht.

Frühe Verantwortung - "wir waren gerade mal 50 Leute, da musste ich alles machen"

"Wir suchen Typen, die mutig sind und sich etwas trauen", beschreibt Wika-Personalchef Peter Ballweg das Suchraster, "Einsteiger stehen bei uns sehr schnell im Blickpunkt und müssen frühzeitig Projekte vor dem Inhaber präsentieren." Mit Blick auf die aufziehende demografische Krise hat sich Ballweg einiges vorgenommen: "Wir müssen noch mehr in unser Personalmarketing investieren und unsere Arbeitgebermarke draußen positionieren."

Im Wettbewerb mit den Konzernen hält er sein Unternehmen für gut gerüstet: "Wir bieten den Mitarbeitern das befriedigende Gefühl, dass ihre Ideen aufgegriffen und umgesetzt werden." Was die Karriereaussichten angeht, sieht er Wika auf Augenhöhe: "Wir bieten ebenso international ausgerichtete Laufbahnen wie die Großunternehmen", verspricht Ballweg, "und natürlich gibt es auch persönliche Entwicklungspläne sowie Mentoren aus der Führungsebene für den Managementnachwuchs."

Die internationale Perspektive hat Sandra Ferreira Antunes besonders gereizt. Die 30-Jährige hat schon während der Schulzeit ein Praktikum in der Vertriebsabteilung "Overseas" von Wika gemacht: "Da hatte ich mit Ländern zu tun, von denen ich nicht mal wusste, wo die lagen." Nach dem Abitur absolvierte sie ein Studium bei Wika und an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach, Fachrichtung International Business und Marketing. Nach dem Bachelor ging's gleich hinaus, als Assistentin der Wika-Geschäftsleitung in Wien. "Wir waren gerade mal 50 Leute, da musste ich alles machen", sagt Antunes.

"Wer hier Initiative zeigt, kommt weit"

Im nächsten Job optimierte sie als In-House-Consultant Vertriebsprozesse in den Niederlassungen in Brasilien, Südafrika, China, Argentinien und in fast ganz Europa. Seit 2010 leitet sie ein Team von sieben Mitarbeitern in der Zentrale in Klingenberg und verantwortet dort den Vertriebssupport der elektrischen Temperaturmesstechnik. Erste Erfahrung: "Führung macht Spaß, obwohl es nicht so einfach ist, wie es oft aussieht." Und: "Die Herausforderungen wachsen stetig."

An ihrer Entscheidung für den Mittelständler hat sie keinen Zweifel: "Hier kann ich entweder selbst entscheiden oder bekomme eine sehr schnelle Entscheidung." Von ihren Karrierechancen ist Sandra Ferreira Antunes überzeugt: "Wer hier Initiative zeigt, kommt weit - so viel wird einem nicht oft geboten."

Marie-Luise Pörtner hat schon Karriere gemacht. Bei Juwi, einem stürmisch wachsenden Unternehmen, das Anlagen zur Erzeugung regenerativer Energie plant, finanziert, baut und betreibt, verantwortet die 44-Jährige seit Ende 2008 als Geschäftsführerin den Wind-Sektor. Bevor Pörtner 2007 zu dem Unternehmen in der rheinland-pfälzischen Provinz wechselte, hatte sie sechs Jahre lang als Projektmanagerin und Teamleiterin in einem Großkonzern gearbeitet. "Dort hatten wir uns während der letzten Jahre nur noch mit uns selbst beschäftigt und über den Umstrukturierungen völlig den Bezug zum Markt und zum Kunden verloren", erinnert sie sich, "ich wollte nur noch weg."

Weg von den Hierachien

Nach einer Initiativbewerbung startete Marie-Luise Pörtner Anfang 2007 als Einkaufsleiterin Windenergieanlagen: "Nach einer Woche verabschiedete sich mein Chef in ein Sabbatical, und ich musste allein den Einkauf für ein Großprojekt in Costa Rica verhandeln" - Verantwortung gibt's schnell im Mittelstand. Pörtner findet das gut: "Ich wollte ja weg von den Hierarchien, hin zu mehr Entscheidungsspielraum."

Branchenerfahrung und Spezialwissen stehen im Juwi-Anforderungsprofil nicht an erster Stelle. "Ich hatte gehofft: Wenn ich wachen Auges durch den Betrieb gehe, sehe ich, was man verbessern kann - und das hat sich bewahrheitet", sagt Pörtner, "deshalb habe ich als Allrounderin hier bessere Chancen als in einem Konzern, wo Spezialistentum zählt." Sie glaubt, dass der Mittelstand generell ein besseres Karriereumfeld für Frauen bietet als Großunternehmen: "Hier kommt das Multidimensionale, das man Frauen nachsagt, besser zur Geltung."

Der Charme und die Tücken der Provinz - "wir liegen hier an der Kreuzung der A 4 mit der A9"

Doch auch bei Juwi sind die Chefs ganz oben einstweilen noch Männer. Neben den beiden Gründern, die Mitte der neunziger Jahre gleich nach dem Studium starteten, sitzt Jochen Magerfleisch im Vorstand. Er verantwortet Personal, Recht, interne Services und Organisationsentwicklung, "Menschen und Prozesse", wie er seine Aufgaben zusammenfasst. Die werden zunehmend komplex: Arbeiteten im Jahr 2000 gerade 30 Menschen bei Juwi, war die Zahl 2010 schon auf 1100 gestiegen. Ende 2011 werden es 1600 sein. In diesem Jahr wird voraussichtlich die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro übersprungen, das Geschäft wächst mit hoch zweistelligen Raten und hat durch den Atomausstieg noch mehr Fahrt gewonnen.

Nachwuchssorgen kennt Juwi nicht: In diesem Jahr rechnet das Unternehmen mit 24.000 Bewerbungen, nicht nur wegen der freundlichen Kindertagesstätte auf dem Betriebsgelände oder wegen des Beachvolleyball-Feldes, des Rasenplatzes für Fußball oder der Biokantine. Noch verlockender scheint vielen die Perspektive, an vorderster Ökofront zu arbeiten.

"Wenn man wie ich gegen Atom- und Kohlekraftwerke ist, denkt man auch darüber nach, wofür man plädiert", beschreibt Magerfleisch, früher Unternehmensberater und Vorstand eines Immobilienunternehmens, was ihn vor drei Jahren zu Juwi geführt hat. Entsprechend achtet er heute bei Bewerbern darauf, ob sie die Unternehmensziele ("Raus aus dem gegenwärtigen Energieregime") teilen. Zweite Einstellungsbedingung bei Juwi: "Unsere Manager müssen eine Hands-on-Mentalität haben, wir stecken alle auch im Tagesgeschäft." Erst danach kommen die fachlichen Kriterien wie Ausbildung und Erfahrung.

Von der Großstadt in die Randlage von Zeulenroda

Das rasante Wachstum stellt besondere Probleme. "Vor zwei Jahren waren wir noch ein kleiner Mittelständler, hier herrschte ein Spirit wie in der sprichwörtlichen Gründergarage, heute brauchen wir wegen der rasant gewachsenen Größe und Komplexität mehr Ausdifferenzierung, es geht nicht mehr alles auf Zuruf", sagt Magerfleisch, "es ist unsere größte Herausforderung, professioneller zu managen, ohne bürokratisch zu werden."

Mit dem Management per Zuruf hat auch Götz-Peter Bierlich seine Bekanntschaft gemacht. Der Jurist hatte nach Erfahrungen beim Treuhandnachfolger BvS in einer Berliner Wirtschaftskanzlei gearbeitet, als ihn ein Angebot von Bauerfeind erreichte. Im Jahr 2000 fing der heute 43-Jährige bei einem der weltweit führenden Hersteller von Bandagen, medizinischen Kompressionsstrümpfen und orthopädischen Einlagen als Controller an. "Ich musste sofort die kaufmännische Leitung eines Bauprojekts übernehmen, dazu als Assistent der Geschäftsleitung aushelfen, eine Betriebsprüfung betreuen sowie die Bankkontakte pflegen", erinnert sich Bierlich an seinen rasanten Start.

Für den bunten Strauß an Aufgaben wechselte der Großstädter gern ins beschauliche Zeulenroda in Thüringen. Randlage, wieso? "Wir liegen hier an der Kreuzung der A 4 mit der A 9", sagt Bierlich nur halb im Scherz, "aber es ist schon klar: Wer nicht ohne seinen Edel-Italiener an der Ecke auskommen kann, hat hier Probleme." Er rühmt die Vorzüge der Provinz, gerade für Familien: "Hier gibt's kurze Wege zur Schule, genügend Kindergartenplätze, tolle Natur."

"Hier fragt keiner nach Zuständigkeiten"

Bierlich hat bei Bauerfeind eine rasante Karriere gemacht: 2003 übernahm er das Rechnungswesen, avancierte 2005 zum Bereichsleiter Finanzen und nahm vertretungsweise die Verantwortung im Vorstandsressort für Personal, Finanzen, Controlling, IT und Qualitätsmanagement wahr. "Eine umfassende Herausforderung" nennt Bierlich seinen Job, "aber so geht's im ganzen Unternehmen: Alle müssen die Bereitschaft zum übergreifenden Arbeiten mitbringen - da fragt keiner nach Zuständigkeiten."

Bauerfeind-Personalchefin Claudia Lehmann-Uthe ergänzt das Anforderungsprofil: "Wir suchen offene Personen, die auch mit dem Vorstand furchtlos reden, die Veränderung nicht nur ertragen, sondern selbst voranbringen - solche Menschen fühlen sich im Großkonzern vielleicht weniger wohl."

Um die Richtigen nach Zeulenroda zu locken, betreibt sie aktives Personalmarketing. Praktika für Schüler und Studenten sind selbstverständlich ("Ein Ex-Praktikant ist heute Bereichsleiter"), es gibt Kooperationen mit der Fachhochschule Jena und der Fachhochschule Münster. Die Gehälter verspricht Claudia Lehmann-Uthe, sind wettbewerbsfähig: "Wir zahlen Marktpreise." Und auch bei der Weiterbildung meint sie, dass Bauerfeind mit Großkonzernen mithalten kann: "Wir sind ein innovatives Unternehmen und können unseren Vorsprung nur halten, wenn wir in unsere Leute investieren."

Ein Trumpf sind jedenfalls die Karrierechancen. "Wer bereit ist, Verantwortung zu tragen, macht im Familienunternehmen fast automatisch Karriere", sagt Götz-Peter Bierlich, "denn Leistung wird vom Eigentümer wahrgenommen." Die Orientierung auf Aufstieg und Erfolg hält er für selbstverständlich: "Karriere machen zu wollen ist doch nicht verwerflich."

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