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Nach Diktat verreist Der wache Vogel fängt den Job

Können noch nichts, machen nur Scherereien, ein lästiges Übel - über Praktikanten mault Mittelmanager Achtenmeyer sonst nur. Aber gute Ideen erkennt er, wenn er sie sieht. Und Wunderknaben sowieso.
Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Einarbeitung oder gar Betreuung von Praktikanten ist selbstredend unter Achtenmeyers Niveau, als Mittelmanager mit Klasse und Ambitionen. Bei aller Liebe zu teamplay und leading from behind - das ist einfach nicht seine Gehaltsklasse. Doch wenn das so weitergeht, wird er bald mit dieser Regel brechen müssen.

Vorhin stand in seinem Büro wieder Bedermann, den er mit der Betreuung des neuen Praktikanten Berlinger beauftragt hatte. Weil Bedermanns social skills in der Abteilung gerühmt werden. Und weil er das Wortspiel mochte: Bedermann kümmert sich um Berlinger.

Als BER / BER wurde das Gespann in den Quartalsplan eingetragen. Achtenmeyer feilte bereits an bissigen Anspielungen auf den Hauptstadtflughafen, sollte der Praktikant sich als Null herausstellen. Wie die meisten seiner Vorgänger.

BER / BER: Double Trouble

Leider gibt Berlinger im Gegenteil den juvenil-engagierten performer, und Bedermann freut sich wie eine Mama, deren Kind zum ersten Mal drei Schritte läuft ohne hinzufallen. "Berlingers forecasts waren die exaktesten in der ganzen Abteilung". "Berlinger hat eine super Idee für die Strongwater-Kampagne". "Berlingers Agentur-Briefing war so pointiert, dass die Werber mal keine fünf Anläufe brauchten, bis der TV-Spot stand" - kaum ein Tag ohne aktuelle Erfolgsmeldung. Die Aufmerksamkeit, die Achtenmeyer BER / BER widmen muss, steigt noch rasanter als die Flughafenkosten.

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Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde

Foto: Leo Leowald

Jetzt hat Achtenmeyer zwei Möglichkeiten: Er kann Bedermann auffordern, ihn künftig verdammt noch mal mit seinen lächerlichen Berlinger-Spontanbriefings zu verschonen. Das würde funktionieren, zu Bedermanns social skills gehört eine gehörige Portion Loyalität.

Oder er nutzt die Ruhe eines spätsommerlich-entspannten Business-Tags, um den vermeintlichen Wunderknaben Berlinger einmal persönlich unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, Nähe zur Basis zu demonstrieren und seine eigenen, bisweilen recht verkümmerten social skills höheren Orts ins rechte Licht zu rücken.

"Also dann, Berlinger, schießen Sie mal los", sagt Achtenmeyer und lehnt sich demonstrativ chefmäßig im Sessel zurück. "Wie wollen Sie Strongwater nach vorn bringen?" Stille senkt sich über den Konferenzraum "Stuttgart". Denn am Strongwater-Problem beißen sich Achtenmeyers Marketing-Fachleute seit Monaten die Zähne aus.

Strongwater ist Wasser mit Koffein und sollte mal ein Lifestyle-Getränk für Vielarbeiter und Partypeople werden, eine Art Red Bull, nur ohne den fiesen Gummibärchen-Geschmack. Leider scheiterte die Produktentwicklung trotz Dutzender Anläufe an einer zufriedenstellenden Alternative. Jetzt muss Achtenmeyer eine Koffein-Lauge vermarkten, die nach nichts schmeckt, aber länger wach hält als ein achtfacher Espresso.

Problem? Lösung!

"Die Lösung für Strongwater liegt auf der Hand", setzt Berlinger an; von der altklugen Attitüde ist Achtenmeyer jetzt schon genervt. "Wenn wir keinen Geschmack haben, sollten wir genau damit werben", fährt Berlinger fort. "Die Menschen wollen keine Kalorien, und Getränke, die nach etwas schmecken, geraten sofort unter Dickmacher-Verdacht. Also machen wir aus Strongwater den Wachmacher für Menschen, die nicht nur wach bleiben, sondern auch auf ihre Linie achten wollen." Stille im Raum "Stuttgart", mit einer Mischung aus Begeisterung und Furcht erwartet das Team Achtenmeyers Urteil.

Praktikums-Quiz

Achtenmeyer denkt nach, aber nur um der Managerpose willen. Natürlich hat er in Berlingers Vorschlag sofort die geniale Schlichtheit erkannt, die einst seine eigenen Ideen ausmachte und die er für das Erfolgsgeheimnis guten Marketings hält. "Kein schlechter Ansatz, Berlinger", sagt er und genießt das allgemeine Aufatmen. "Kommen Sie doch nachher zusammen mit Bedermann noch in mein Büro."

Da strahlt Bedermann der Stolz auf "seinen" Praktikanten aus jeder Pore. Aber die Freude wird ihm gleich vergehen. "Berlinger, das war wirklich gut eben", sagt Achtenmeyer. Und dann wird Bedermann immer blasser. Denn Achtenmeyer stellt Berlinger vom Fleck weg ein und überträgt ihm die Strongwater-Projektleitung. Die hatte bislang Bedermann. Vielleicht wird das sein Engagement beim nächsten Praktikanten ein wenig abkühlen, denkt Achtenmeyer.

Lessons learned

1) Der Nutzen der anderen: Noch immer betrachten viele Unternehmen Praktikanten als lästiges Übel. Was nicht nett und zudem unklug ist: Praktikanten sind meist motiviert, weil sich sich beweisen wollen. Und sie bringen frische Ideen von außen in die tägliche Routine.

2) Neben der Spur: Manager reden oft davon, wie wichtig es sei, auch mal über den Tellerrand hinaus zu denken, "out of the box". Aber nur wenige tun es - nicht einmal, wenn ein Team über längere Strecken nicht weiterkommt.

3) Management bei Macchiavelli: Ein Problem mit einem anderen lösen und zugleich demonstrieren, wer wirklich in charge ist, das hat Achtenmeyer elegant gelöst. Und auch noch von eigenen Fehlern abgelenkt: Als Chef hätte er "Strongwater" nie so lange vor sich hindümpeln lassen dürfen.

Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Reporter beim manager magazin und Buchautor. In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert der Protagonist - der fiktive, aber lebensnahe Mittelmanager Achtenmeyer - regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.Buch bei Amazon: "Ziemlich beste Feinde" von Klaus Werle Klaus Werle vei Twitter 

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