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09. Juli 2019, 08:01 Uhr

Management trifft Mensch

Projektplanung nach dem Greta-Thunberg-Prinzip

Eine Karriere-Kolumne von

Fakten? Gähn! Über den Erfolg einer Idee entscheiden ganz andere Dinge. Was Sie von Greta Thunberg lernen können - und von Bundesumweltministerin Svenja Schulze besser nicht kopieren.

Sie kennen das bestimmt: Sie haben eine brillante Idee für ein Produkt oder ein Projekt, von der Ihr Unternehmen mächtig profitieren könnte. Sie haben eine entzückende kleine Präsentation vorbereitet, doch als Sie fertig sind, herrscht im Meeting kühles Schweigen. Halbherzig versucht der Abteilungsleiter, Ihre totale Blamage zu verhindern: "Interessanter Ansatz. Wir schauen uns das mal in Ruhe an."

Wenige Tage später präsentiert ein Kollege eine Idee, die Ihrer eigenen im Kern verblüffend ähnlich ist. Allerdings ist seine Präsentation deutlich kürzer - und mehrere Menschen in der Runde loben den Ansatz, noch während er spricht. Als er fertig ist, sagt der Abteilungsleiter: "Super Sache! Was brauchen Sie und wann können Sie starten?"

Der Unterschied zwischen Ihnen und Ihrem Kollegen ist: Sie sind Svenja Schulze - und Ihr Kollege ist Greta Thunberg. Schulze, die Bundesumweltministerin, kämpft in diesen Wochen mühsam für ihr Konzept einer CO2-Steuer. Die Reaktionen reichen von heftiger Kritik (Wirtschaftsminister Peter Altmaier) über zurückhaltendes Wohlwollen (einige Experten) bis hin zu großflächigem Desinteresse (alle anderen).

Dabei ist die Idee einer Besteuerung von CO2 nichts anderes als ein Schritt zur Umsetzung der Forderungen, die Greta Thunberg seit Monaten mit Erfolg und Vehemenz auf die gesellschaftliche Agenda setzt. Und damit Hunderttausende auf die Straße bringt.

Im Video: Wie Greta Thunberg ein Thema emotional auflädt

Der Unterschied ist: Greta Thunberg hat eine simple Botschaft ("I want you to panic"), Svenja Schulze hat viele komplizierte Zahlen. Thunbergs Thema hat eine weltweit bewunderte Idenfikationsfigur (Thunberg), während Schulze ausgerechnet beim Megathema Klima bislang nicht mit großen Würfen auffällig geworden ist.

Vor allem aber: Svenja Schulze hat es ganz offenkundig versäumt, sich rechtzeitig Unterstützer zu sichern - während Greta Thunbergs Anhängerschaft in die Millionen geht und sich gewissermaßen per Knopfdruck mobilisieren lässt.

Naives Vertrauen auf Fakten

Ihr Problem mit der Präsentation und Svenja Schulzes Problem mit der CO2-Steuer haben den gleichen Kern: das naive Vertrauen darauf, dass allein die Fakten über Bedeutung und Erfolgsaussichten eines Themas entscheiden. Das tun sie aber nicht. Ja, eine CO2-Steuer ist unter bestimmten Voraussetzungen sicher eine prima Sache - aber das reicht nicht, um zu überzeugen. Von Begeisterung gar nicht zu reden.

Ob in der Politik, in der Firma, ja, auch nur im Freundeskreis - wer ein Thema oder eine Idee durchsetzen will, braucht mehr als nur die Fakten auf seiner Seite. Es braucht Unterstützer, klare Botschaften - und vor allem Emotionen. Etwas, das die Menschen gefühlsmäßig anspricht. Das ihnen über die Zahlen und Argumente hinaus einen Grund gibt, sich für eine Sache einzusetzen.

Aber Vorsicht: Damit ist nicht gemeint, ein Sachargument an das nächste zu reihen - ganz im Gegenteil. Wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, sind die Argumente meist schon ausgetauscht, alle kennen sie. Jetzt ist es wichtig, dem Gegenüber den winzigen Schubs zu geben, der ihn auf die richtige Seite schiebt - auf Ihre. Und dieser Schubs ist nur selten das 52. Argument - aber oft der erste emotionale Aspekt, der bislang in der Diskussion nicht aufgetaucht ist.

All die Studien zum Klimawandel, die Zahlen, die Meeresspiegel-Anstiegsgrafiken, die Zeitlinien - seit Jahren bekannt. Was fehlte, war das Gefühl. "Wenn wir die Erderwärmung nicht bis zu dem und dem Jahr um so und so viel Grad verringern, wird die Durchschnittstemperatur um so und so viel Grad ansteigen" - das ist ein Argument. "I want you to panic" - das ist Emotion.

Der entscheidende Punkt ist: Die Sache mit der Emotion gilt auch für den Absender - also für Sie. Thunberg ist mit Leidenschaft bei ihrem Thema, sie wirft sich selbst komplett rein. Für Svenja Schulze, so wirkt es oft, ist die Rettung des Klimas eben ein Punkt auf ihrer ministerialen To-do-Liste, den sie abarbeitet. Das mag sogar dem Amtsverständnis entsprechen - überzeugender wird sie dadurch allerdings nicht.

Wenn Sie also beim nächsten Mal eine Idee vorstellen, denken Sie immer daran: Von ihr hängen Wohl und Wehe der gesamten Firma ab - mindestens!

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