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Vorsicht, Studentenfalle: Lost in Perfection

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Karriere-Konkurrenz unter Studenten Burnout beim Bachelor

So smart wirken sie, so zielstrebig, so leistungsorientiert. Die "Generation Bachelor" weiß, was sie will - flott studieren und Erfolg im Beruf. Doch Psychologen warnen vor dieser Lebenslaufoptimierung: Das ständige Vergleichen unter den Studenten ist der schnellste Weg, unglücklich zu werden.

Ein Leben ohne Vergleichen und Messen ist Meditation, sagte der indische Philosoph Krishnamurti. Wer mittags vor dem Schwarzen Brett im Philosophenturm der Uni Hamburg steht, merkt schnell: Das ist nicht der Ort zum Meditieren. Studenten kreiseln durch die Drehtüren, steuern gen Mensa, ihre Gespräche summen wie ein Bienenschwarm. Was den Schwarm beschäftigt: Leistungspunkte, Noten, Praktika. Und dahinter lauert die Frage: Bin ich gut genug, sind die anderen besser?

Wenn Laura*, 22, Bachelor-Studentin der Germanistik, in die Bibliothek im vierten Stock wollte, nutzte sie die Treppe aus dem dritten Stock, von der "Linguistikbib". So konnte sie erspähen, welche Kommilitonen oben lernten. Waren es die "Ausfrager", schlich sie die Wendeltreppe zurück und lernte an einem sicheren Ort. Zu sehr nagten die Pausengespräche an ihr: "Hast du dies gelernt, hast du jenes…?" Eigentlich, glaubte sie zu wissen, waren auch die Fragenden peinlich davon berührt, andere "so blöd auszuquetschen". Trotzdem will sie ihren wahren Namen nicht veröffentlicht sehen.

"Das Thema Konkurrenzdruck beschäftigt immer mehr Studenten", sagt Volker Koscielny, Studienberater in Münster, "auch wenn sie es selbst nicht möchten, schwingt es in vielen Gesprächen mit." Mit den stark verschulten, zweckrationalen Bachelorstudiengängen kam für viele Studenten das große Messen und Vergleichen. Kommilitonen besuchen gleiche Veranstaltungen, rivalisieren um limitierte Master-Plätze. Da wächst der soziale Druck - und bei manchen das Gefühl, andere ausstechen zu müssen.

Viele "must haves" sind nur gefühlt, nicht real

"Der klar vorgegebene Studienablauf schürt Ängste, zurückzubleiben und den Anschluss an die anderen zu verlieren", beobachtete Hans-Werner Rückert, Leiter der psychologischen Beratung an der FU Berlin, bereits zu Beginn des Bologna-Prozesses vor sechs Jahren. Eine Untersuchung der Uni Konstanz  aus dem vergangenen Jahr belegt, dass die Konkurrenz unter Studenten seit 2004 zunimmt und jeder Fünfte sie als Belastung spürt. Doch der Druck liegt nicht allein an den realen Anforderungen der Hochschulreform, sondern auch an subjektiv gefühlten "must haves" in den Köpfen: Fremdsprachen, Auslandserfahrung, Praktika, das Alter beim Abschluss.

Für viele ist die Karriere ein Projekt. Hinzu kommen heute immer "nettere" und doch "oft hysterische" Eltern, sagen Hochschulpsychologen wie Koscielny und Rückert unisono. Sie böten wenig Reibungsfläche, würden dafür aber ihren Nachwuchs "fördern, fördern, fördern". Erfolg wird da fast zur Dankbarkeitsgeste. Stresspegel und Versagensängste steigen, viele Studenten isolieren sich und klagen heimlich über die Ellenbogenmentalität der anderen.

Auf Effizienz ausgerichtetes "Bulimie-Lernen" führt mehr Studenten mit Depressionen, Angsterkrankungen und Erschöpfungssymptomen in die psychologische Beratung. Psychopharmaka wie Antidepressiva waren 2010 das am häufigsten an Studenten verschriebene Arzneimittel, so ein Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse. Konkurrenz- und Leidensdruck sind hässliche Geschwister. Es grassieren weniger Neid und Missgunst als die Furcht, nicht gradlinig genug zu studieren, nicht mit den anderen Studenten mithalten zu können: ein ängstlicher Vergleich, kein kämpferisch-lustvoller.

"Der größte Druck kommt von mir selbst"

"In einer Welt mit vielen Unsicherheiten erscheint die eigene Karriere unterbewusst noch als das Kontrollierbare, als Weg zum Glück", sagt Wilfried Schumann, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg. "Ich kann das verstehen, auch wenn es langfristig ungesund ist." Eine Elitelogik treibt Studenten an. Volker Koscielny sieht Arbeitsüberlastung, die Angst vor verpatzten Klausuren, psychosomatische Symptome und eine höhere Infektanfälligkeit.

Sozialdarwinismus statt Persönlichkeitsentwicklung: Noten haben Studenten auch früher schon verglichen, doch die Studienwege waren individueller, schwerer vergleichbar. War ein Magisterstudium auch Ort für Vertiefung und Erfahrung, bleibt heute kaum Platz für Themen am Wegesrand. Die Mitstudenten werden umso aufmerksamer gescannt - nicht aus Interesse, sondern aus Härte gegen sich selbst.

Auch Lauras Selbstsicht folgte der Lebenslaufoptimierung: Wie alt bin ich, verspricht das Praktikum Prestige, lerne ich Menschen zum Networking kennen, die mir nützen? Und immer dieses blöde Gefühl: Da geht noch mehr.

Marcel Wicker, 23, kennt das mulmige Gefühl. Er hat den Bachelor in Marburg gemacht und im Studium die Konkurrenz ignoriert, doch bei der Jobsuche im Medienbereich fragt er sich: Reichen die Leistungen, sollen weitere Praktika her? Muss er sich verbiegen, oder kann er "authentisch" bleiben? Er fürchtet zu straucheln, vergleicht sich mit Vorbildern im Beruf und sagt: "Der größte Druck kommt von mir selbst."

* Name von der Redaktion geändert.

Zerbrechen, bevor die Karriere überhaupt begonnen hat - wenn jeder Umweg zur persönliche Katastrophe wird

Schumann von der Uni Oldenburg beschreibt es so: "Umwege werden als Versagen gewertet, Studienverzögerungen als Katastrophe. Wie soll man die erklären?" Besonders problematisch: "Dass die Studenten kein Scheitern ertragen, keinen Plan B formulieren können. Der ist in diesen zielgerichteten Denk-Konstellationen gar nicht vorgesehen."

Zeit zur Selbst- und Berufsfindung, einfach mal was ausprobieren - in den steril anmutenden Lebensentwürfen oft undenkbar. Manchmal verzweifeln und zerbrechen die Leistungsträger von morgen, bevor die Karriere richtig begonnen hat. "Es ist kein gesundes Scheitern mehr möglich", sagt Schumann. Das berge die Gefahr, "in eine Sackgasse zu geraten", festzukleben und "unglücklich zu werden".

Riecht's schon brenzlig?

Der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger hat den Hang zur Selbstbewertung in einer geselligen Kraft des Menschen verortet. Im Bachelorstudium regiert eher ein Selbst-Misstrauen: Falle ich unten aus der Gruppe heraus? Dieser stete, nagende Zweifel kann destruktive Kraft entfalten, krank machen, auch zu Uniformität führen.

Mit Versagensängsten, nahe an der Depression (neudeutsch: Burnout) kommen Studenten zu Schumann in die Beratung. Probleme mit dem gestuften Modell haben nicht zuletzt jene, die auf "Einzelkämpfertum" beim Übergang ins quotierte Masterstudium setzen: Nach dem Bachelorstudium ist der Master-Platz ungewiss; wer hindurch muss durchs Nadelöhr, schaut argwöhnisch auf seine Mitstreiter.

"Da geht es Mann gegen Mann"

"Das Klima der Konkurrenz fängt schon bei Erstsemestern an", sagt Brigitte Golob, Oldenburger Pädagogikstudentin im fünften Semester. Viele kämen mit dem Ziel, einen Master anzuschließen; da seien Jahrgänge, "da geht es Mann gegen Mann". So wirke es bei der Jagd nach Stipendien manchmal, als würden Förderungen gezielt schlechtgeredet und Zugangsbedingungen falsch geschildert, um mögliche Rivalen fernzuhalten.

Golob kennt Kommilitonen mit Schlafstörungen, eine mit massiver Depression. Eine andere Studentin spricht von "Überbietungstendenz": Man versuche unter der Regelstudienzeit zu studieren, ein "stiller Wettkampf" tobe bis zu den Praktika.

Schumann bedauert, dass die Universität nicht mehr als "Lebenswelt mit vielfältigen Möglichkeiten des kulturellen und politischen Engagements" erlebt werde. Er sagt: "Eigentlich leben wir gesamtgesellschaftlich im Paradies. Doch viele Menschen sind unglaublich gestresst." Den Hauptstress bringe das ewige Vergleichen - der schnellste Weg, um unglücklich zu sein.

Oft muss der Berater Studenten enttäuschen, die nur wieder flott gemacht werden wollen: "Zeig mir schnell, wie das Unerreichbare geht." Klappt nicht, muss Schumann ihnen sagen - um Potentiale wieder auszuschöpfen, gelte es umzudenken: Das Gehirn funktioniere unter Stress und Angst schlechter, Gelassenheit verspreche mehr Erfolg. Volker Koscielny gibt seinen Studenten den simplen Tipp: "Reden Sie über den Konkurrenzdruck." So lasse sich Misstrauen abbauen, sagt der Münsteraner Studienberater.

Der Umbruch im Unisystem hat auch kuriose Folgen. Wenn Studenten wie Laura ihre Praktika absolvieren, fangen sie oft zusammen mit Absolventen der hergebrachten Studiengänge an. Die Magister und Examenskandidaten sind fünf bis zehn Jahre älter. Da wundert sich Laura schon: "Was haben die eigentlich die ganze Zeit gemacht?"

KarriereSPIEGEL-Autorin Stefanie Maeck (Jahrgang 1975) ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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