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17. August 2011, 06:17 Uhr

Karriere mit Knick

"Du bist einfach dämlich"

Von Silvia Dahlkamp

Sind Frauen die besseren Chefs - oder deckeln sie Mitarbeiterinnen besonders unbarmherzig? Die Buchhalterin Silke Langer hat jahrelang gelitten und sich kaum gegen Demütigungen gewehrt: ein Kampf Frau gegen Frau, ein Ringen um Macht mit der früheren Kollegin und neuen Vorgesetzten.

Am Tag vor der Hochzeit reichte die Vorgesetzte zwei Briefe rein. "Alles Gute zum Fest" - keine Gratulationen, sondern Abmahnungen. Die höhnische Stimme und das falsche Lächeln verfolgten Silke Langer (Name geändert), 38, bis in die Hochzeitsnacht. Auch später, in den Flitterwochen, und noch heute hat sie diesen Ton im Ohr, wenn die Chefin in ihr Zimmer kommt. Tatsächlich war der Grund für die Verwarnungen harmlos. Die üblichen Kunden hatten sich beschwert, die, von denen jeder im Büro wusste, dass sie immer meckerten. Heute spricht keiner mehr davon. Silke Langer aber sagt: "Das werde ich ihr nie verzeihen."

Es war nicht der erste persönliche Angriff. Silke Langer nennt sie "heimtückische Attacken". Seit zehn Jahren arbeitet sie als Debitorenbuchhalterin in einem großen Unternehmen, treibt Forderungen von Kunden ein, die nicht zahlen. Eine undankbare Arbeit, besonders während der Wirtschaftskrise. "Bei vielen Käufern gibt es einfach nichts mehr zu holen."

Ihre Chefin bekam Druck von oben. Sie trat nach unten und schrie: "Du bist einfach dämlich." Die Beleidigung hat gesessen, die Botschaft hat Silke Langer genau verstanden: "Ich bin klüger, ich kann das besser." Sie kennt ihre Abteilungsleiterin, schließlich waren sie jahrelang Kolleginnen. Aus der Zeit kommt auch das "Du". Heute wäre Silke Langer gern wieder beim "Sie". "Dann könnten wir vielleicht sachlich reden."

Die Kollegen taten es als Zickenkrieg ab

Liegt McKinsey falsch? Laut einer Studie der Unternehmensberatung sind gerade Frauen in Führungspositionen einfühlsamer und verständnisvoller als ihre männlichen Kollegen und somit wichtig für den Erfolg einer Firma. Silke Langer ist überzeugt: "Das heißt nicht, sie sind lieb und nett." Sagt auch die Berliner Psychologin und Mediatorin Regina Michalik, die ausschließlich mit Frauen im Beruf arbeitet: "Frauen in Führungspositionen sind meist die besseren Chefs. Aber oft reagieren sie besonders hart. Damit niemand denkt, sie könnten nicht durchgreifen wie ein Mann."

Macht das Frauen zu Mobbern? Das ständige Nörgeln ihrer Chefin hat Silke Langer störrisch gemacht: "Ich weiß, wie meine Arbeit geht." Als Buchhalterin schickt sie Mahnungen raus, vereinbart Ratenzahlungen, und wenn alles nichts nutzt, schaltet sie ein Inkasso-Unternehmen ein. Sie hört geduldig zu, wenn Alleinerziehende um Aufschub betteln oder Rentner versprechen: "Im nächsten Monat zahle ich, bestimmt." Sie hat Verständnis, wenn Hartz-IV-Empfänger weinen: "Wir sparen, ehrlich."

Sie schickt die Briefe trotzdem. Nur dass sie manchmal zuvor ein paar Tage gewartet hat, ob das Geld vielleicht doch noch kommt. "Aber deshalb bin ich noch lange nicht dämlich, wie meine Chefin meinte."

Wer sich nie wehrt, wird zum dankbaren Opfer

Der erste Krach vor vier Jahren: Der alte Abteilungsleiter war noch nicht weg, da stand die bisherige Kollegin und künftige Chefin schon im Büro. Frontalangriff vor allen anderen: "Du klagst über zu viel Arbeit?" Natürlich hatte Langer mal über Querulanten gelästert. Das machte schließlich jeder. Jetzt ärgerte sie sich. "Warum behauptet die, dass ich meine Arbeit nicht schaffe?" Sie weiß nicht, was sie mehr wurmte: "Dass mich meine Chefin niedermachte oder ich mich nicht wehren konnte."

"Vielleicht aber auch, dass es eine Frau war?", vermutet Regina Michalik. Sie kennt die unbewussten Verhaltensmuster und weiß: "Kritik von Frauen nehmen andere Frauen oft persönlich. Einem Mann verzeihen sie Fehler schneller."

Die zukünftige Vorgesetzte musterte die Aktenwand und mäkelte weiter: "Warum brauchst du sechs Ordner für Inkasso?" Merkwürdige Frage, schließlich war Silke Langer für Inkasso zuständig. Doch wieder schwieg sie, so wie immer. Und tobte erst zu Hause: "Was will die Hexe überhaupt?" Sie fand eine eigene Antwort: "Die ist wütend, weil sie mir den Job auch angeboten haben." Sie hoffte, irgendwann würde sich das schon geben.

Für die Kollegen herrschte Zickenkrieg, Frau gegen Frau, da halten wir uns raus. In Wirklichkeit prallten zwei Persönlichkeiten aufeinander: Die eine - zurückhaltend, häuslich, fleißig - gegen die andere, offen, forsch, ehrgeizig. Tradition gegen Emanzipation. Kompromisse wurden nicht gemacht. Silke Langer verlor einen Kampf, den sie nie wollte.

Abgemahnt, gedemütigt, ausgeknockt - und eine Rückkehr nach langer Krankheit

Ein doppelter Bandscheibenvorfall knockte sie aus. Als sie nach drei Monaten Klinik und Reha wieder ins Büro humpelte, stand dort ein neuer Computer. Die Chefin empfing sie mit den Worten: "Sieh zu, dass du fertig wirst." Keiner erklärte ihr das neue System. Silke Langer beschwerte sich. Die Chefin zog die Augenbrauen hoch und sagte schnippisch: "Ach, du hast keine Schulung gekriegt?"

War es wirklich schnippisch, oder hatte die Vorgesetzte einfach Stress, weil eine von 20 Mitarbeiterinnen wieder etwas von ihr wollte? Wie auch immer, es reichte schon ein leichter Hauch, und Silke Langer kippte um. Psychologin Michalik kann die Reaktion verstehen: "Verunsichert nach langer Krankheit und persönlich enttäuscht." Und versteht es trotzdem nicht: "Warum hat Frau Langer sich nicht endlich gewehrt?"

Wieder ist sie bei den weiblichen Fehlern: "Das ist typisch. Männer sprechen unter vier Augen über Regeln, Ziele und Schwächen, Frauen finden es peinlich." Und der Hamburger Mobbing-Experte Alfred Fleissner kennt das Ende: "Wer immer schluckt und akzeptiert, wird zum dankbaren Opfer."

Auf der Abschussliste ganz oben

Wenigstens hat sie erfolgreich gegen die Tränen gekämpft. Nach Feierabend schaffte es Silke Langer mit dem Auto nur bis zum nächsten Parkplatz. "Da habe ich über dem Lenkrad gelegen und nur noch geheult." Sie jammerte: "Wie kann jemand nur so bösartig sein?" Sie war wütend: "Ich bekomme keine Chance, alle putzen mich runter." Sie hatte Angst zu versagen. Sie quälten Zweifel an sich selbst. Sie fiel in ein Loch. Acht Wochen später gab es neue Komplikationen mit dem Rücken. Wieder musste Langer in die Klinik.

Was dann kam, hatte nichts mehr mit "typisch Frau" und "typisch Mann" zu tun. Das war knallharte Wirtschaft. Das Management beschloss Personalabbau. Weil Silke Langer schon seit Wochen ausgefallen war, stand sie auf der Liste ganz oben. Der Abschussliste, Ausschussliste, der Liste mit den unerwünschten Personen.

Die Chefin genehmigte keine Urlaube mehr, strich freie Tage. Einmal wollte die Angestellte auf ein Familienfest, doch zahllose Mails blieben ohne Antwort. Da pinnte sie einen Merkzettel an den Bildschirm ihrer Chefin "Betr. Urlaubsantrag Langer..." Die Entscheidung fiel kurzfristig: "Du bleibst hier." Stattdessen nahm sich die Vorgesetzte selber einen freien Tag, ganz spontan.

Auf dem Schreibtisch lauter Mahnungen und Abmahnungen

Silke Langer ging trotzdem und erhielt die erste Abmahnung, "ohne Erlaubnis vom Arbeitsplatz entfernt". Tage später kam die zweite, "Kunden um 6.30 Uhr die Tür nicht geöffnet". Und so ging es weiter: Reklamation - Abmahnung. Telefonbeschwerde - Abmahnung. Sie wurde wieder krank, diesmal waren es die Nerven.

Zwei Jahre ist das jetzt her. Silke Langer war lange krank. Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich die Mahnungen, das Telefon klingelte pausenlos, Kunden beschwerten sich: "Wo ist Frau Langer?" Die Kollegen haben ihren Job nicht zusätzlich geschafft. Die Chefin besorgte Ersatz. Wieder eine Frau, wieder war sie nicht zufrieden. Aushilfskräfte kamen. Doch niemand blieb lange. Und irgendwann hieß es: "Wir wollen Frau Langer zurück."

Nach Monaten kehrte die Buchhalterin zurück, zunächst nur für wenige Stunden. Der Arzt hatte das "Hamburger Modell" empfohlen - eine vorsichtige, stufenweise Wiedereingliederung in den Beruf. Kein Arbeitgeber muss da mitmachen. Silke Langer bekam die Chance. Seit wenigen Wochen sitzt sie wieder an ihrem Schreibtisch. Bisher hat niemand über ihre Ordner gemeckert und niemand gesagt: "Du bist dämlich."

Ende offen, die Chefin hat noch Urlaub...

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