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Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Muss ich in meiner Freizeit mit Chef und Kollegen essen gehen?

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Der Chef lädt das Team zum gemeinsamen Essen in die Nachbarstadt ein. Aber Simone hat keine Lust, nach Feierabend hinzufahren. Muss sie ihre Freizeit trotzdem opfern?
Muss ich jetzt auch noch nach Feierabend mit den Kollegen zusammen sein?

Muss ich jetzt auch noch nach Feierabend mit den Kollegen zusammen sein?

Foto: Niels Blaesi / DER SPIEGEL

Simone, 46 Jahre, fragt: »Ich arbeite im Homeoffice. Mein Chef ist demnächst mit einigen Kollegen bei Kunden in der Nähe meines Wohnortes – und hat mich eingeladen, am Abend mit allen zusammen essen zu gehen. Ich habe, ehrlich gesagt, wenig Lust darauf: Hin und zurück fahre ich fast zwei Stunden. Kann ich absagen? Oder ist das genau das Networking, das so karriereentscheidend ist? Und wenn ich schon hin muss: Soll ich das als Arbeitszeit geltend machen und die Fahrtkosten einreichen – oder muss ich auch noch meine Freizeit opfern?«

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Liebe Simone,

Sie haben absolut recht. Was für eine ungeheuerliche Unverschämtheit Ihres Chefs, Sie zum Abendessen mit Ihren Kollegen einzuladen und einfach so zu erwarten, dass Sie hierfür Ihr kuscheliges Homeoffice außerhalb der Arbeitszeit verlassen, die weite Fahrt auf sich nehmen und zudem auch noch die Fahrtkosten selbst tragen. Das wäre ja wirklich ein unzumutbares Opfer – warum sollten Sie dies alles freiwillig über sich ergehen lassen?

Zumutung oder Wertschätzung – eine Frage der Perspektive

Ich hoffe, Sie haben die Ironie in meiner Stimme bemerkt. Denn dies waren tatsächlich meine ersten Gedanken, die mir beim Lesen Ihrer Frage durch den Kopf gingen. Mir sitzen im Coaching aktuell viele Angestellte gegenüber, die sich so sehr danach sehnen, ihre Kolleginnen und Kollegen endlich wieder persönlich sehen zu dürfen. Andere vermissen die Wertschätzung ihrer Führungskräfte und fühlen sich mit ihren Leistungen auf Distanz zu wenig gesehen. Wieder anderen fehlt die Entwicklung in ihrem Beruf, sie langweilen sich im Homeoffice oder haben das Gefühl, in einer Karrieresackgasse festzustecken.

Nun hat Ihr Chef an Sie gedacht und Sie zu diesem Abendessen eingeladen. Ich kenne Ihren Chef und die Historie Ihrer Zusammenarbeit nicht, doch ich gehe einmal davon aus, dass er Sie mit dieser Einladung nicht mobbend bestrafen, sondern Ihnen etwas Gutes tun möchte. Weil auch Sie vielleicht Ihre Kollegen und ihn schon lange nicht mehr persönlich gesehen haben. Oder er mit dieser Einladung seine Wertschätzung Ihnen gegenüber zum Ausdruck bringen möchte. Und ja, natürlich können sich in solchen Gesprächen abseits des Tagesgeschäfts auch Themen oder neue Kontakte ergeben, die Ihnen für Ihre Karriere wertvolle Impulse geben oder neue Chancen eröffnen.

Echte Kollegin im Team oder nur Dienst nach Vorschrift?

Die meisten Angestellten sagen mir, dass sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen nicht dicke Freunde sein müssen und nicht auch noch ihre Freizeit gemeinsam verbringen möchten. Ich verstehe, dass vielen die Trennung von Berufs- und Privatleben wichtig ist. Doch bei Ihnen hört es sich für mich so an, als haben Sie sich darüber hinaus für strengen Dienst nach Vorschrift entschieden. Schließlich geht es hier nicht um den freitäglichen After-Work-Umtrunk.

Was ist es wirklich, das Sie angesichts der Einladung Ihres Chefs derart in den Widerstand gehen lässt? Wir kennen einander nicht, doch ich wage die Vermutung, dass es Ihnen gar nicht um die Erstattung der Fahrtkosten geht, sondern sich ein anderes Thema dahinter verbirgt, das Sie von Ihrer Zusage abhält. Vielleicht war es ein einschneidendes Ereignis mit Ihrem Chef oder den Kollegen? Oder ist Ihre Gewohnheitszone im Homeoffice so eng geworden, dass Sie Angst vor persönlichen Kontakten haben? Wenn dem so ist, sollten Sie an diesen Themen arbeiten und etwas verändern, denn chronischer Dienst nach Vorschrift tut niemandem gut.

Zusage oder Absage – Hauptsache Klarheit

Ich werde Ihnen die Entscheidung über eine Zu- oder Absage nicht abnehmen. Wenn Sie den gemeinsamen Abend als Zeitverschwendung oder Zumutung empfinden, dann sollten Sie Ihrem Chef absagen, bevor Sie womöglich auch Ihren Kollegen die Stimmung vermiesen.

Ist Ihre Teilnahme wirklich an die Erstattung der Fahrtkosten geknüpft, dann können Sie sich auch entscheiden, dies mit Ihrem Chef zu besprechen. Sofern seine Einladung ernst gemeint ist, scheint er sich jedenfalls darauf zu freuen, Sie zu sehen.

Mal angenommen, Sie nehmen die Einladung an – was müsste dort geschehen, damit Sie im Anschluss auf dem Heimweg sagen, dass es sich für Sie gelohnt und Ihnen womöglich sogar Freude gemacht hat? Was haben Sie dort erlebt oder erfahren? Gibt es etwas, das Sie sich hierfür von Ihrem Chef oder den Kollegen wünschen? Und was war auch Ihr Beitrag als Kollegin zu einem schönen Abend?

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