Karriere nach der Bundeswehr Warum Unternehmen ehemalige Soldaten rekrutieren

Versandhändler, Logistikunternehmen, öffentlicher Dienst: Zahlreiche Arbeitgeber sprechen gezielt Soldaten an, wenn sie neue Mitarbeiter suchen. Was fasziniert die Firmen an den früheren Uniformträgern?

Mögliche zukünftige Mitarbeiter von Amazon oder Deutscher Bahn
DPA

Mögliche zukünftige Mitarbeiter von Amazon oder Deutscher Bahn


"Meine Familie war für mich der ausschlaggebende Grund, in die private Marktwirtschaft zu wechseln", sagt Andreas Seidel. Mehr als 14 Jahre lang war Seidel Soldat bei der Bundeswehr. Zum Schluss beschäftigte er sich für die Nato mit strategischer Kommunikation und psychologischen Operationen.

Als ihn sein kleiner Sohn beim Wiedersehen nach einer vierwöchigen Übung nicht mehr erkannte, beschloss der Offizier, nach einer Alternative zu suchen: "Es war absehbar, dass bei der Armee zu bleiben bedeuten wird, weiterhin in die Auslandseinsätze zu gehen."

Zwar sind die Berufsbilder und Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr in den vergangenen Jahren deutlich vielfältiger geworden, die generellen Nachteile gegenüber der Privatwirtschaft sind jedoch geblieben: Fremdbestimmte Umzüge etwa oder gefährliche Auslandseinsätze in Ländern wie Afghanistan oder Mali.

Erste Bewerbung führt direkt zur Karriere

Heute kümmert sich Seidel als Senior Manager um die Sicherheit von Mitarbeitern, Waren und Gebäuden von Amazon in Deutschland, Polen und Österreich. "Ich habe in den letzten fünf Jahren durch Leistung eine Stellung erreicht, die mich auf die strategische Ebene gehoben hat." Ein derartiger Aufstieg wäre ihm bei der Bundeswehr nur mit langen Wartezeiten gelungen, sagt der 37-Jährige. Es war der erste Job, auf den er sich beworben hatte.

Amazon beschäftigt in Deutschland eigens einen Military Recruiter, der für das Unternehmen nach Zeitsoldaten speziell für Führungspositionen sucht. Damit ist der Versandhändler bei weitem nicht allein.

Die Deutsche Bahn hat bereits 2014 eine Kooperation mit dem Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD) abgeschlossen. "Das war damals rein rechnerisch schon ein logischer Schritt, weil die Bundeswehr jedes Jahr Tausende Menschen in die freie Wirtschaft entlässt und wir jährlich rund 20.000 neue Mitarbeiter einstellen", sagt Detlef Albrecht, der für die Bahn Soldaten anspricht.

Offene Positionen und Karrierewege werden seither direkt in den Kasernen an das Zielpublikum kommuniziert. Um neue Jobs vorzustellen, veranstaltet die Bahn eigene Soldatentage.

Arbeitgeber schätzen Qualifikationsniveau

Viele Berufe, die bei der Bundeswehr ausgeübt werden, seien auch für die Deutsche Bahn interessant, sagt Albrecht. Mechatroniker oder Lkw-Fahrer könne man oftmals eins zu eins übernehmen. "Die Bundeswehr hat, so erleben wir es, den Anspruch zu sagen: 'Jeder, der zu uns kommt, den qualifizieren wir bestmöglich weiter.' Und das merken wir bei den ehemaligen Soldaten, die zu uns kommen", so der Personalleiter.

Hauptsächlich suche die Bahn unter den Soldaten allerdings Quereinsteiger. Etwa Leute, die sich zum Fahrdienstleiter ausbilden lassen und anschließend in den Leitstellen die Züge durch das Schienennetz navigieren. "Das ist ein Job mit höchster Verantwortung, da brauchen wir gewissenhafte Mitarbeiter, die wissen, was sie tun", so Albrecht.

Bei der Vorbereitung auf die Karriere nach der Bundeswehr soll der Berufsförderungsdienst (BFD) die Zeitsoldaten unterstützen. Je nach Länge der Dienstzeit stehen dazu Gelder für Fort- und Ausbildungen zur Verfügung. Die zukünftigen Ex-Soldaten können vieles beantragen - vom Rettungsschwimmerkurs bis zum Auslandsstudium.

Als Dienstherr habe die Bundeswehr eine Fürsorgepflicht, sagt Markus Krämer, Oberregierungsrat beim BFD in Köln. "Wir sorgen dafür, dass die Soldatinnen und Soldaten auf dem Arbeitsmarkt angemessen integriert werden." Der BFD kooperiere mit mehr als 4500 Unternehmen - allerdings nur mit etwas mehr als einer Handvoll so eng wie mit der Bahn.

Hauptsächlich vermittelt der Berufsförderungsdienst Soldaten in den öffentlichen Dienst, sagt Krämer. Derzeit liege die Quote bei 31 Prozent, Tendenz steigend. Oftmals werden Stellen in Behörden für Soldaten vorbehalten. Waren sie mindestens zwölf Jahre bei der Bundeswehr, stehen ihnen unter bestimmten Voraussetzungen zehn Jahre lang Ausgleichszahlungen zu, falls sie in ihrer zivilen Stelle im öffentlichen Dienst weniger verdienen als beim Militär.

Gerade solche komfortablen Aussichten machen den BFD oftmals unflexibel, kritisieren einige ehemalige Zeitsoldaten. Ansprechpartner in den Kasernen könnten oftmals nicht nachvollziehen, warum jemand lieber in die freie Wirtschaft will. Auf entsprechende Fördermaßnahmen seien sie nicht vorbereitet. "Das mag von Standort zu Standort vielleicht unterschiedlich sein, aber man muss sich da pro-aktiv drum kümmern, die Informationen zu bekommen", sagt Marcus Biermann.

Als Feldwebel hat er sich mehr als neun Jahre lang mit Panzerhaubitzen und Materialbewirtschaftung beschäftigt. Er sagt, bei der Genehmigung von Förderprogrammen seien die Soldaten auch auf wohlwollende Vorgesetzte angewiesen. "Es herrscht der weit verbreitete Glaube, man könne erst kurz vor Dienstzeitende die Angebote des BFD wahrnehmen", sagt er. "Dass das auch schon währenddessen möglich ist, wird aber nur sehr wenig kommuniziert - warum auch immer."

Gerade für Truppendiener, wie er einer war, sei das ein Problem, so Biermann. Sie sind die Kämpfer. Im Gegensatz zu Fachdienern machen sie bei der Bundeswehr keine Ausbildung, die in ähnlicher Weise auch in der freien Wirtschaft existiert. Auf der Suche nach einem Logistikunternehmen, über das er ein duales Studium machen konnte, kam Biermann in der Realität ungelernter Bewerber an. Weit mehr als 50 Bewerbungen habe er verschickt, bis er einen Praktikumsplatz bei einem mittelständischen Unternehmen fand.

Wenn Soldaten ihren Marktwert falsch einschätzen

Die Macher der Jobbörse dienstzeitende.de empfehlen Soldaten, sich frühzeitig über die nötigen Voraussetzungen für die angestrebte Karriere zu informieren. Auch um abschätzen zu können, wann man nach Fortbildungen oder Studium überhaupt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.

Personalabteilungen machen zudem die Erfahrung, dass ehemalige Soldaten oftmals den Wert ihrer Qualifikation und marktübliche Gehälter falsch einschätzen - meist zu niedrig. Bei der Frage nach dem Wunschgehalt übersehen viele, dass sich das Bruttogehalt in der freien Wirtschaft erheblich von ihrer Entlohnung unterscheidet.

Während Ihrer Dienstzeit sind Soldaten nicht krankenversicherungspflichtig, auch in die Sozialversicherung müssen sie nicht einzahlen. Wie bei Beamten wird deshalb lediglich die Lohnsteuer vom Bruttogehalt der Soldaten abgezogen. Außerdem sollten sie sich über die Gehälter von Berufen informieren, die mit ihren Aufgaben bei der Bundeswehr vergleichbar sind.

Für Unternehmen wiederum ist es eine Herausforderung, dass Zeitsoldaten als unmittelbare Bewerber meist ausfallen. Zu dem Zeitpunkt, an dem sie über die spätere Karriere entscheiden, ist das Ende der Dienstzeit oftmals noch Monate oder Jahre entfernt. Stellen werden aber selten mehr als ein halbes Jahr im Voraus ausgeschrieben, sagt Detlef Albrecht von der Deutschen Bahn. "Da gilt es, in Kontakt zu bleiben und immer mal wieder zu schauen, was gerade angeboten wird."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes entstand der Eindruck, dass Soldaten kaum Steuern zahlen müssten. Dies ist falsch. Zwar sind Soldaten nicht sozial- und krankenversicherungspflichtig, sie zahlen aber Lohnsteuer.



insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
salomohn 02.04.2019
1. Grundausbildung
Die Werbung der BW mit Berufsmöglichkeiten ist leider nur eine Seite der Medaille. An der Wehrpflicht habe ich immer geschätzt, daß alle Teilnehmer einen Einblick erhielten in geregelte Abläufe, Hierarchien und vielfältige Berufsbilder. Zudem bekamen alle viele Eindrücke von Menschen aus unterschiedlichen Kreisen. Schade, daß es diese "Schule der Nation" in der Form nicht mehr gibt.
ingbeti 02.04.2019
2. Berufshinderungsdienst
wurde der BFD schon zu meiner Zeit vor über 30 Jahren genannt, die Qualität der Berater war auch damals schon fragwürdig. Man muss sich selbst kümmern! Ich hatte nach 12 jähriger Dienstzeit mein Ingenieur Studium gegen den Widerstand des BFD erfolgreich abgeschlossen. Hilfreich waren meine sehr wohlwollende Vorgesetzten, um Urlaub und Dienst freie Tage ansammeln und so legen zu können, dass ich mein Studium pünktlich beginnen konnte, gegen den Widerstand des BFD...
b1964 02.04.2019
3. Was soll dieser Unterton?
Schon beim Lesen der Überschrift und dem Einleitungstext bekomme ich "einen Hals". Was soll dieser Unterton, als ob Menschen, die Soldat bei der Bundeswehr waren, irgendwie suspekt sind. Ich habe als Wehrpflichtiger gedient und bin stolz darauf. Zumindest habe ich auch damit geliebäugelt, mit als Zeitsoldat (damals zwei Jahre) zu verpflichten, um Reserveoffiziert zu werden. Das habe ich gemacht, weil ich meine Mitwirkung an der Landesverteidigung als meine selbstverständliche bürgerliche Pflicht angesehen habe. Mir ist im Übrigen die Bergpredigt bekannt und - auch als bekennender Atheist - erlebe ich, dass ich von christlicher Nächstenliebe offenbar mehr verinnerlicht habe, als so mancher "Links-Bewegter" (siehe G20-Krawalle in Hamburg). Die Bundeswehr - jedenfalls in den 80er Jahren - hatte sich zwar einerseits noch auf die Tradition "deutscher Armeen" berufen, verwirklichte aber gleichzeitig glaubhaft das Bild des "Staatsbürgers in Uniform". Das wird heute alles weggewischt, in Verdrehung historischer Wahrheiten einerseits und in der sehr bequemen, geradezu naiven Vorstellung, dass man Sodaten nicht mehr braucht. Hat der Autor eigentlich gedient? Warum sagt man "gedient"? Weil es ein Dienst am Vaterland war und ist, für welches man in unserem freiheitlich demokratischen Land Respekt und Anerkennung bekommen sollte und nicht nur diesen geradezu unverschämten Unterton.
exHotelmanager 02.04.2019
4. Der wichtigste Grund
ist, dass sich der Soldat an seine Weisungen hält und nicht permanent alles in Frage stellt und kaputt diskutiert.
Luchs 49 02.04.2019
5. Unternehmen stellen also ehemalige Soldaten ein...
Vor 30 Jahren waren Verwaltungen verpflichtet Bewerber aus den Reihen der Soldaten kurz vor Dienstende zu nehmen. Den besten Ruf genossen diese ehemaligen Zeitsoldaten in den zivilen Verwaltungen nicht. Noch heute sind ehemalige Zeitsoldaten in den Verwaltungen nicht sehr Kundenfreundlich - oder sie haben ihre militärische Vergangenheit abgelegt - im Idealfall haben sie die klaren Strukturen aus der Kaserne behalten (das zeichnet sie aus). Es ist bezeichnend, das AMAZON und die Deutsche Bahn angeblich ehemalige Soldaten einstellen. Die legen Wert auf klare Unterstellungen und das Anweisungen exakt ausgeführt werden.AMAZON und die DB werden es nicht gern hören: Sie sind wie alle Großunternehmen eher eine Behörde - starr organisiert, keine Eigeninitiative gewünscht. Die Mitarbeiteraktionen auf diesem Feld sind eher ein Witz. In den meisten kleineren Unternehmen passt das nicht - hohe Eigenverantwortung, flexibel reagieren. Und Kraftfahrer gibt es längst nicht mehr so viele beim Bund wie früher. Feuerwehren und zivile Speditionen müssen inzwischen selbst ausbilden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.