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Karriere und Konflikte Von dem Rotzlöffel lass ich mir gar nichts sagen

Berufsstarter fremdeln oft mit starren Hierarchien. Und plötzlich sagen in Firmen vorlaute Jungspunde dem verdutzten Chef, wo es langgeht. Was nun? Konfliktmoderator Timo Müller über den Kampf zwischen den Generationen.
Von Silvia Dahlkamp
Alt gegen Jung: "Immer häufiger knallt es zwischen den Generationen"

Alt gegen Jung: "Immer häufiger knallt es zwischen den Generationen"

Foto: Corbis
Timo Müller
Foto: IKuF

Timo Müller leitet das private Institut für Konfliktmanagement und Führungskommunikation (IKuF) in Köln. Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler arbeitet als Business-Trainer.Institut für Konfliktmanagement und Führungskommunikation 

KarriereSPIEGEL: Herr Müller, Sie werden als Konfliktmoderator gerufen, wenn es zwischen Chef und Mitarbeitern kracht. Haben Sie diese Woche schon einen Frieden besiegelt?

Müller: Leider nein. Wenn ich gerufen werde, sind die Fronten in der Regel sehr verhärtet. Da gibt man sich nicht einfach die Hand und sagt: Entschuldigung, vergeben und vergessen, Friede.

KarriereSPIEGEL: Wie kann eine Situation in einer Abteilung so eskalieren?

Müller: Oft gibt es zu viel Druck, der irgendwie rausmuss. Dazu einen Chef, der nicht spricht, erklärt, ausgleicht. Und Mitarbeiter, die sich erst hinter dem Rücken des anderen, dann offen beharken, ohne dass der Vorgesetzte frühzeitig dazwischengeht. Meist ist es ein Mix aus verschiedenen Problemen. Und immer häufiger knallt es zwischen den Generationen. Alt gegen Jung, da prallen zurzeit verschiedene Lebenswelten aufeinander.

KarriereSPIEGEL: Berufseinsteiger der Generation Y rebellieren gegen starre Hierarchien?

Müller: Genau. Sie bringen Ideen ein, machen Vorschläge, wollen mitbestimmen. Am liebsten auf Augenhöhe.

KarriereSPIEGEL: So entsteht doch Fortschritt, das bringt eine Firma voran.

Müller: Aber das sind Ansprüche, die man in vielen konservativen Firmen noch nicht kennt. Altbewährte Strukturen werden durchbrochen. Plötzlich sitzen in den Meetings lauter vorlaute, arrogante "Rotzlöffel", die alles besser wissen - so sehen es zumindest autoritäre Chefs und kommen damit nicht klar.

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Foto: Dirk Schmidt

KarriereSPIEGEL: Kein Wunder, wenn bisher alle vor ihnen gekuscht haben und sie plötzlich einen Kuschelkurs fahren sollen.

Müller: Ja, wegen des Fachkräftemangels. Der verändert alles. Die Unternehmen haben keine Wahl: Entweder sie erfüllen die Bedürfnisse der Generation Y, oder sie verlieren wertvolle Mitarbeiter, weil die ihr Glück woanders suchen. Etwa bei Arbeitgebern, die flexiblere Arbeitszeiten bieten oder einen Hort für das Kind...

KarriereSPIEGEL: ...plus pünktlich Feierabend und bezahlte Überstunden, das geht einem traditionell geprägten Chef gegen den Strich.

Müller: Sollte es aber nicht. Die Welt ist nicht mehr wie vor 20 Jahren. Darauf muss sich ein guter Vorgesetzter einstellen. Er sollte die jungen Leute aussprechen lassen und sich bedanken, wenn sie Vorschläge machen.

KarriereSPIEGEL: Hat denn ein Chef unter Druck, dem vielleicht ein Projekt zu zerschellen droht, Zeit für Streicheleinheiten?

Müller: Ein Lob kostet nicht viel Zeit, und es ist gut investiert. Wenn sich junge Mitarbeiter wohlfühlen, gucken sie nicht auf die Uhr und arbeiten freiwillig viel. Werden sie aber gegängelt, so wie früher manche ihrer Eltern, dann sind sie ganz schnell weg. Neulich erzählte mir ein junger Mann, wie sein Chef zu ihm kam und barsch sagte: Schmidt, wie weit ist der Projektstand? Darauf der Mitarbeiter: Ich heiße Schuster. Und der Chef: Schmidt, Schuster, ist mir doch egal, mich interessiert nur, wie weit sie sind. Seine Eltern hätten den cholerischen Anfall über sich ergehen lassen und geschwiegen. Der junge Mann wollte mehr als nur eine Nummer sein. Er hat gekündigt.

KarriereSPIEGEL: Und dann?

Müller: Damit war das Problem ja nicht gelöst, zumindest nicht für das Unternehmen. Der nächste junge Kollege kam und ging. Und dann wieder ein Neuer. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch unglaublich teuer. Ein Headhunter muss einen neuen Mitarbeiter suchen, der muss eingearbeitet werden... Eine Kündigung einer Fachkraft mit mittlerer Qualifikation kostet eine Firma ungefähr 32.000 Euro. Dass der Nachwuchs flieht, hat schließlich der Vorgesetzte des Vorgesetzten gemerkt.

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Foto: Carolin Saage/ SPIEGEL JOB

KarriereSPIEGEL: So kamen Sie ins Spiel?

Müller: Genau. Meist passiert das viel zu spät. In diesem Fall waren die Jungen weg, und die Altgedienten hatten schon innerlich gekündigt, machten Dienst nach Vorschrift, gerade so viel, dass es nicht negativ auffiel. In Einzelgesprächen haben sie über ihren cholerischen Vorgesetzten geflucht: Wenn der bleibt, gehe ich.

KarriereSPIEGEL: Und später im Gruppengespräch?

Müller: Alle hatten Angst, haben sich weggeduckt. Es kamen nur die üblichen Floskeln - man möge einander mehr wertschätzen, besser kommunizieren. Noch so ein Problem in vielen Firmen: Über Fehler und Missstände spricht man nicht. Aber dann ändert sich auch nichts. Und ich bin sicher, in Zukunft wird sich in unseren Unternehmen noch ganz viel ändern.

KarriereSPIEGEL: Erwarten Sie ernsthaft, dass jemand in der Gruppe vor dem Chef offen Fehler anspricht und das Risiko eingeht, seinen Job zu verlieren?

Müller: In Firmen mit vielen jungen Mitarbeitern gelingt das schon. Andere Firma, ähnliche Situation: Die Altgedienten schauten verlegen auf ihre Schuhe, nur ein 27-jähriger Maschinenbau-Ingenieur meldete sich mutig zu Wort. Er war eigentlich das schwächste Glied in der Kette und hatte am meisten zu verlieren. Trotzdem hat er sehr sachlich ausgesprochen, was ihn stört: Ich möchte, dass jemand hinter mir steht, wenn ich Fehler mache. Ich möchte nicht angeschrien werden. Der Chef guckte ganz komisch. Er hat wohl zum ersten Mal jemanden erlebt, der offen Stellung bezieht.

KarriereSPIEGEL: Wo arbeitet der Ingenieur heute?

Müller: Immer noch dort. Es hat dem Chef wohl imponiert, dass er sich so für den Betriebsfrieden und damit auch für den Unternehmenserfolg eingesetzt hat.

Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967). Sie arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.