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Job & Karriere

DER SPIEGEL, Alexander Epp, Roman Höfner

Gestört, aber erfolgreich "Lüge niemals für einen Psychopathen!"

Sie sind machthungrig und kaltschnäuzig, kennen weder Selbstzweifel noch Skrupel. Und doch gelingen vielen Psychopathen steile Karrieren. Im Interview erklärt der britische Psychologe Kevin Dutton, was man von ihnen lernen kann - und wie man mit bösen, gestörten Bossen umgeht.
Von Bärbel Schwertfeger

KarriereSPIEGEL: Sie selbst sagen, dass Ihr Vater ein Psychopath war. Sind Sie auch einer?

Dutton: Das ist eine unanständige Frage. Mein Vater war ein sehr erfolgreicher Verkäufer. Er war rücksichtslos und furchtlos, aber auch extrem charmant und charismatisch. Bestimmte Charakteristika habe ich wohl schon geerbt. Aber ich bin nicht so rücksichtslos, man kann mir vertrauen. Wenn mein Vater Bayern München unter den Psychopathen war, dann bin ich nur Borussia Dortmund.

KarriereSPIEGEL: Was fasziniert Sie an dem Thema?

Dutton: Ich wollte mit den Mythen aufräumen, dass Psychopathen immer verrückt und böse sind und dass man entweder ein Psychopath ist oder nicht. Das ist nicht so schwarzweiß.

KarriereSPIEGEL: Was zeichnet Psychopathen aus?

Dutton: Sie sind selbstsicher, schieben nichts auf, fokussieren sich aufs Positive, nehmen Dinge nicht persönlich und machen sich keine Vorwürfe, wenn etwas nicht geklappt hat. Sie bleiben cool, wenn sie unter Druck stehen. Sie sind furchtlos, charmant und gewissenlos. Es gibt Situationen im Leben, wo das eine oder andere Merkmal durchaus nützlich sein kann.

KarriereSPIEGEL: Sie meinen, wir alle sollten etwas psychopathischer sein?

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Psychopathen: Raubtiere ohne Kette

Foto: ROBERT GALBRAITH/ REUTERS

Dutton: Ja, stellen Sie sich vor, Sie könnten alle diese Merkmale wie an einem Mischpult in verschiedenen Kombinationen hoch- und runterdrehen. Manchmal wäre das durchaus hilfreich. Zum Beispiel, wenn Sie mehr Gehalt von ihrem Chef wollen. Für viele ist das eine schwierige Situation - sie denken daran, was passiert, wenn es nicht klappt. Psychopathen beschäftigen sich nicht mit einem möglichen Scheitern. Sie fokussieren sich immer nur auf die gewünschte Belohnung. Dadurch werden sie automatisch selbstsicherer und überzeugender. Sich selbst in einen richtigen Psychopathen zu verwandeln, ist weder wünschenswert noch empfehlenswert. Aber wir alle können den psychopathischen Regler manchmal etwas höher drehen.

KarriereSPIEGEL: Das heißt, wir sollen auch rücksichtsloser werden?

Dutton: Ja, absolut. Rücksichtslosigkeit an sich ist weder gut noch schlecht, es kommt auf die Situation an. Vor kurzem interviewte mich ein Journalist. Sein Termin war um 15 Uhr zu Ende, der nächste Journalist wartete schon vor der Tür. Aber er hörte einfach nicht auf. Sein Kollege hatte dann nur noch 15 Minuten für sein Interview und klagte über seine Rücksichtslosigkeit. Da wäre es besser gewesen, wenn er ein bisschen psychopathischer gewesen wäre. So war er zwar nett, aber auf seine Kosten. Er hätte seine Rücksichtslosigkeit und seine Furchtlosigkeit etwas hochdrehen sollen.

KarriereSPIEGEL: Welche psychopathischen Ausprägungen sind noch akzeptabel?

Dutton: Kandidaten mit sehr hohen Ausprägungen sind für niemanden gut und können das Unternehmen ruinieren. Aber je nach Job kann eine bestimmte Kombination von manchen psychopathischen Merkmalen nützlich sein. Nehmen Sie einen Top-Anwalt. Der braucht nicht nur brillante analytische Fähigkeiten, muss Informationen schnell aufnehmen und komplexe Zusammenhänge verstehen. Er braucht auch ein unerschütterliches Selbstvertrauen, um sich in einem vollen Gerichtssaal nicht aus dem Konzept bringen lassen. Kann er das nicht, wird er nie ein Top-Anwalt. Haben die Leute die richtigen Kombination und Ausprägungen für ihren Job, dann ist es okay. Ist der Regler zu hoch gedreht, werden sie gefährlich und destruktiv.

KarriereSPIEGEL: Kann man einen Psychopathen im Top-Management noch bremsen?

Dutton: Das ist sehr schwer. Wenn er schon an der Spitze ist, dreht er auf und denkt, er kann das auch ungestraft tun. Interessant ist aber vor allem: Je höher jemand auf der Karriereleiter steigt, desto mehr dreht er oft psychopathisch auf.

KarriereSPIEGEL: Hilft da vielleicht ein Coaching?

Dutton: Das könnte helfen, aber oft werden Manager dazu gar nicht bereit sein. Wenn ein Top-Manager extrem selbstbewusst, rücksichtslos und narzisstisch ist, dann ist er meist auch davon überzeugt, dass mit ihm alles in Ordnung ist - die Probleme liegen immer nur bei den anderen. Psychopathen sind sehr gut darin, andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen.

Psychopathen im Job

KarriereSPIEGEL: Sind Psychopathen überhaupt teamfähig?

Dutton: Bisher dachte man immer, dass sie das nicht sind. Aber nach neuen Forschungsergebnissen können sie durchaus gut im Team arbeiten. Aber nur dann, wenn sie das Team als direkte Erweiterung von sich selbst sehen und das Team ein wichtiger Teil ihrer eigenen Identität ist.

KarriereSPIEGEL: Heißt das, die anderen müssen ihn ständig bewundern?

Dutton: Wenn man mit einem Psychopathen zusammenarbeitet, ist es immer schwer, seine eigene Position aufrechtzuhalten. Die wichtigste Regel ist, sich nie verletzbar oder unsicher zu zeigen. Wenn Psychopathen das merken, greifen sie dich an. Und man darf nie an ihre Großzügigkeit oder ihren guten Willen appellieren, sondern immer nur an ihre Selbstinteressen. Das ist der einzige Weg, um seine eigenen Interessen durchzukriegen.

KarriereSPIEGEL: Kann man überhaupt mit einem psychopathischen Chef zusammenarbeiten?

Dutton: Wenn der Boss ein destruktiver Psychopath ist, der die Moral ruiniert und die Produktivität reduziert, sollte man besser gehen. Ganz wichtig ist es auch, einen Psychopathen niemals zu decken. Sie versuchen immer, dich in Sachen reinzuziehen, die sie gut aussehen lassen. Lüge niemals für einen Psychopathen! Dann bist du in seinem Spinnennetz gefangen, und er manipuliert und erpresst dich.

KarriereSPIEGEL: Sie behaupten, dass Apple-Boss Steve Jobs psychopathische Merkmale gut genutzt hat. Wie hat er das gemacht?

Dutton: Er hat die Wesenszüge eines erfolgreichen Geschäftsmanns optimiert. Er war extrem fokussiert, charismatisch und charmant, konnte sich phantastisch selbst darstellen und hatte großes Talent. Gleichzeitig war er rücksichtslos und trieb seine Leute an ihre Grenzen. Wer zu empathisch und zu soft ist, wird nicht zur Nummer eins einer Branche.

KarriereSPIEGEL: Führungstrainings setzen häufig auf mehr Selbstreflexion bei Managern. Der falsche Weg?

Dutton: Oft gibt es im mörderisch harten Geschäft dafür einfach keine Zeit. Da muss man schnell und unter Druck entscheiden und hart sein. Wir leben nun mal in keiner idealen Welt. Das ist übrigens auch ein Grund, warum Frauen oft nicht so erfolgreich sind. Sie machen sich selbst häufiger Vorwürfe, wenn etwas schief geht.

Zur Person

Kevin Dutton (Jahrgang 1967) inszeniert sich gern - auf seiner Website in Schwarzweiß mit schwarz umrandeter Brille, Dreitagebart, finsterem Blick und pinkfarbenem Hemd. "Überzeugung und sozialer Einfluss" lautete sein Promotionsthema in Psychologie an der University of Essex. In Cambridge lehrte er Psychologie an der Theologie-Fakultät und forscht heute an der Universität Oxford. 2010 erschien sein erstes Buch "Gehirnflüsterer" über die Macht der Manipulation. 2012 folgte "Psychopathen" - was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann.