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Berufsexperte über Olaf Scholz »Wir wollen sehen, dass er schwitzt«

Was ist im neuen Job wichtig? Ein Führungskräfteberater erklärt, was der frisch gewählte Kanzler jetzt beachten sollte – und wann die Zeit für den ersten Urlaub reif ist.
Ein Interview von Franca Quecke
Karrierecoach Jürgen Hesse über den neuen Bundeskanzler: »Andere haben eine längere Einarbeitungsphase und können mit mehr Nachsicht rechnen.«

Karrierecoach Jürgen Hesse über den neuen Bundeskanzler: »Andere haben eine längere Einarbeitungsphase und können mit mehr Nachsicht rechnen.«

Foto: Janine Schmitz / photothek / IMAGO

SPIEGEL: Heute wurde Olaf Scholz zum Bundeskanzler gewählt. Wie sollte er sich am ersten Tag in der neuen Position verhalten?

Jürgen Hesse: Olaf Scholz muss jetzt relativ zügig Zeichen setzen. Demonstrativ handeln, schnell entscheiden und auch die Stimmung verbreiten, dass es jetzt einen Neuanfang geben wird. Das ist bei einem Berufseinsteiger in der normalen Arbeitswelt anders. Manches unterscheidet sich doch deutlich beim Antritt eines neuen Bundeskanzlers oder einer neuen Geschäftsführerin.

SPIEGEL: Was denn?

Hesse: Olaf Scholz übernimmt jetzt das Schiff und kommt mit einer eigenen Führungsmannschaft. Der größere Teil der Belegschaft, die Mitarbeiter in den Ministerien, ist aber derselbe. Als Führungskraft muss er nun alle möglichst schnell zusammenbringen und loslegen. Andere haben eine längere Einarbeitungsphase und können mit mehr Nachsicht rechnen.

SPIEGEL: Darf man als neuer Chef gleich alle duzen?

Hesse: Nicht in der Rolle des Bundeskanzlers, das passt aber auch nicht zu Olaf Scholz. In anderen Jobs sollte man sich das ebenfalls gut überlegen: Will man neue Kolleginnen oder Mitarbeiter für sich gewinnen, muss man sie sehr respektvoll behandeln. Ein neuer Chef ist darauf angewiesen, von den Älteren im Betrieb die Spielregeln des Hauses zu lernen. Man bringt ja nicht gleich all das Detailwissen mit, was notwendig ist. Der oder die Neue kann also gar nicht sofort helfen, sondern kostet Einarbeitungszeit und macht garantiert Fehler. Deshalb muss man die Kollegen oder Mitarbeiterinnen so behandeln, dass die schnell und gern Wissen teilen und einen nicht mit falschen Informationen füttern.

SPIEGEL: Olaf Scholz fängt doch nicht ganz von vorne an. Und er hat seine Partei hinter sich.

Hesse: Das mag stimmen. Zumindest nach außen hin muss er nicht so zurückhaltend auftreten, sondern kann demonstrativ zeigen: Wir sind die Neuen, wir machen jetzt alles anders und vor allem besser. Aber natürlich muss auch er um Toleranz, Geduld und Unterstützung bei den Mitarbeitern in den Ministerien bitten. Zurücklehnen und entspannen ist nicht angesagt: Obwohl der Wahlkampf schon gewonnen wurde, geht es ähnlich anstrengend und herausfordernd weiter.

»Eine Führungskraft muss Menschen einnehmen, sie begeistern und gemeinsame Ziele definieren. Das gilt für den Bundeskanzler genauso wie für den Abteilungsleiter.«

Karrierecoach Jürgen Hesse

SPIEGEL: Die einen hoffen auf Veränderung. Andere hätten gern, dass alles so bleibt. Das ist ja im Grunde nicht zu vereinbaren.

Hesse: Das ist doch ein wenig wie mit den eigenen Eltern: Wenn man selbst erst einmal Elternteil ist, muss man damit leben, nicht alles richtig machen zu können. Wichtig ist doch zu reflektieren: Was haben meine Eltern gut gemacht, was will ich anders machen? Inwiefern haben sich die Zeiten und Werte geändert?

Dann ist es wichtig, um Verständnis zu werben, ob beim Volk, bei den Ministerinnen oder den eigenen Mitarbeitern. Mein früherer Chef hat immer gesagt: »Man muss nicht versuchen, die Leute zu besiegen. Man muss sie gewinnen.« Eine Führungskraft muss Menschen einnehmen, sie begeistern und gemeinsame Ziele definieren. Das gilt für den Bundeskanzler genauso wie für den Abteilungsleiter.

SPIEGEL: Olaf Scholz steht jetzt ganz oben auf der Karriereleiter. Wie verschafft man sich als Chef oder Chefin gleich am Anfang Autorität?

Hesse: Ich würde lieber von Respekt sprechen. Fragen stellen und zuhören ist enorm wichtig für jede Führungskraft. Das funktioniert natürlich nur, wenn man Menschen die Chance gibt, etwas zu sagen. Man muss nicht alles umsetzen, was einem vorgeschlagen wird. Aber man muss zumindest eine Atmosphäre entstehen lassen, in der das Gegenüber das Gefühl hat, ernst genommen zu werden. Was ist dringend und was erwarten die Minister und ihre Mitarbeiter? Was erwarten Bürgerinnen und Bürger? Am Ende muss man damit leben, dass man nicht alle gleichermaßen glücklich machen kann.

»Wenn man Macht hat, gibt es genügend Anwärter, die nicht nur darauf warten, dass man stolpert – sondern selbst noch schubsen.«

Karrierecoach Jürgen Hesse

SPIEGEL: An die Spitze zu kommen, ist das eine. Oben zu bleiben, dürfte aber schwieriger sein.

Hesse: Beides sind enorme Herausforderungen. Teile und herrsche, so hieß es doch schon bei den alten Römern. Wenn man Macht hat, gibt es genügend Anwärter, die nicht nur darauf warten, dass man stolpert – sondern selbst noch schubsen. Insofern ist es wichtig, Vertraute zu haben, auf die man sich verlassen kann, und die auch belohnt. Angela Merkel war sehr talentiert darin, sich Menschen vom Hals zu halten, die ihr Sand ins Getriebe streuen wollten. Viele Menschen, die erfolgreich Macht besitzen, lassen andere das aber gar nicht spüren. Und gleichzeitig sollte man auch Mitarbeiter wertschätzen, die anderer Meinung sind. Unterbreitet ein Angestellter dem Chef einen Verbesserungsvorschlag und der lacht nur darüber oder nimmt sich erst gar keine Zeit, wird er den Angestellten als Verbündeten verlieren. Daran kann eine Führungskraft sehr schnell scheitern.

SPIEGEL: Der Job des Bundeskanzlers ist stressig. Wann darf Olaf Scholz den ersten Urlaub nehmen?

Hesse: Nicht vor den ersten sechs Monaten. Die deutsche Bevölkerung hat ihm ja einen Auftrag gegeben. Jetzt wollen wir erst einmal sehen, dass er schwitzt und sich ins Zeug legt.

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