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Katrin Wilkens

Tipps von der Karriereberaterin Die Lehrerin, die nicht mehr zur Schule gehen will

Katrin Wilkens
Ein Gastbeitrag von Katrin Wilkens
Michaela ist seit mehr als 20 Jahren Lehrerin – und genervt von den Umständen des Berufs, den sie eigentlich liebt. Jetzt will sie etwas ganz Neues machen. Die Karrierecoachin hat eine andere Idee.
Foto: Five Buck Photos / iStockphoto / Getty Images

Michaela, 48 Jahre, fragt: »Ich bin vor 22 Jahren sehr gern Lehrerin geworden, Mathe und Geschichte, seltene Kombination. Inzwischen strengt mich der Job in so vielen Bereichen an, dass ich mir überlege, etwas ganz anderes zu machen. Dieser überzogene Leistungsanspruch, der Klassenlärm, die Eltern. Es sind nicht die Kinder, die nerven, es sind die Umstände. Und an denen kann ich nichts drehen. Mich reizen Psychologie, Ernährung oder Kunst.«

Liebe Michaela,

wenn ein Kind mit einer Erörterung über die Französische Revolution nicht zurechtkäme, würden Sie ihm auch nicht raten: Dann schreib halt was über die Kulturrevolution in China. Sie würden es ermuntern, die Sache aus einem bestimmten Blickwinkel zu betrachten und dann einfach loszulegen, Schritt für Schritt.

Ich würde die fundierte, anerkannte und langjährige akademische Ausbildung zum Lehrer nicht einfach komplett wegschmeißen, ich würde den Beruf aus einer anderen Perspektive betrachten. Was sind denn Gemeinsamkeiten von Psychologie, Ernährung und Kunst? Motivation, Kreativität und Spaß am Kompromiss: Manches Mal muss man den ungesunden Eistee erlauben, wenn dafür der Fleischkonsum gesenkt werden kann.

Als Krankenhauslehrerin  brauchen Sie genau diese Fähigkeiten: die Lust, kranke Kinder (einzeln! Leise! Ohne Elternabende!) zu motivieren, sich in deren Lage hineinzuversetzen und dann aus jeder Stunde etwas zu zaubern, sodass nicht die Französische Revolution im Mittelpunkt steht, sondern die Hoffnung, eines Tages gesund wieder in die Schule zu gehen. Sie sind als Krankenhauslehrerin Hoffnungsträgerin, keine Übermittlerin schlechter Nachrichten (Arzt), keine Spritzenbringerin (Schwester), kein Übungsmeister (Physiotherapeut).

Sie werden also nur mit einem gespielten Entsetzen begrüßt, wenn Sie durch die Tür kommen: In Wahrheit freut sich jeder kranke Schüler, jeder Angehörige über diese zukunftsgerichtete Abwechslung. Neurotische Probleme wie überzogenen Leistungsdruck oder Klassenmobbing findet man in einer Krankenhausschule  eher selten. Alle Kranken sitzen in einem Boot, das macht sich dann auch in einer extrem heterogenen Zielgruppe bemerkbar: Diese Schüler sind mit dem Gesundwerden beschäftigt, nicht mit dem Mobben.

Eine besondere Form von Demut

Wenn die Akutzeit im Krankenhaus vorbei ist, haben chronisch kranke Kinder auch einen Anspruch auf einen Hauslehrer, der sie zu Hause besucht und unterrichtet. Natürlich braucht man als Lehrer für diese Fülle an Not und Krankheit auch eine besondere Form von Demut, um sich durch fehlende Abgrenzungskompetenz nicht aufzureiben oder schuldig zu fühlen (»Mir geht es ja viel besser, warum rege ich mich eigentlich auf?«). Aber viele Pädagogen begegnen dieser Herausforderung gezielt mit Netzwerken, Supervisionen, seelsorgerischen Stammtischen. Mit dem Ziel, von anderen Lösungsstrategien zu lernen, Entlastungen zu erfahren, frühzeitig vor einer Überforderung gewarnt zu werden.

Die Kehrseite dieser Medaille: Als Krankenhaus- oder Privatlehrerin werden Sie sich nie wieder die Sinnfrage stellen. Und die Eltern sind in der Regel so dankbar, dass Sie Ihr Interesse als Ernährungslehrerin eher an sich ausüben müssen (Nusskuchen, Zimtschnecken, gedeckter Apfel-Mohn …).

Um noch eine etwas ältere Zielgruppe ins Spiel zu bringen, die gesund, aber ebenfalls grunddankbar ist: Auch ein Abendschullehrer hat häufig mit besonders motivierten Schülern zu tun, denn wer sich den Stress macht, nach der Arbeit noch sein Abitur nachzuholen, hat mitunter vielleicht ein Konzentrationsproblem, aber grundsätzlich kein Motivationsloch. Sie müssen schauen, ob der Unterricht am Abend eher Ihrem privaten Rhythmus entspricht. Ich kenne viele Mütter, die genau diese Unterrichtszeit gut in ihr Familienleben integrieren können, wenn sie einen Partner haben, der sich am späten Nachmittag/frühen Abend um die Kinder kümmern kann.

Sie sehen, dass es für eine Lehrerin, die mit den Umständen hadert, viele Möglichkeiten gibt, trotzdem weiterhin in ihrem Job als Pädagogin zu arbeiten. Bevor Sie den kompletten Wechsel starten, versuchen Sie lieber, Ihren Blickwinkel zu ändern. Ich wünsche Ihnen Schüler, die Ihr Anliegen nach Wissensvermittlung wertschätzen und nutzen können. Ich bin sicher, es gibt sie!

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