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Geschenke für die Generation Y Interrail geht gar nicht

Interrail! Mittelmanager Achtenmeyer erinnert sich gern an seinen Railroad-Trip, damals, als Bahnfahren noch Abenteuer war. Heute ist die Europa-Tour schrecklich out. Sie zu verschenken, kann sogar der Karriere schaden.
Foto: SPIEGEL ONLINE

Obwohl die spontane, genialische Eingebung eher seiner Natur entspricht, ist Achtenmeyer durchaus zu langfristiger strategischer Planung fähig. Sein langfristigstes und wichtigstes Projekt ist die "Operation Florian".

Florian ist der Sohn von Dr. Marx, und Dr. Marx ist CEO bei Miller & Shaddock, dem wichtigsten globalen Wettbewerber von Achtenmeyers company. Dr. Marx und Achtenmeyer kennen sich seit dem Studium; mit ihrem nahezu zeitgleichen Eintritt ins Berufsleben wurden Achtenmeyer zwei Dinge klar. Erstens: Dr. Marx würde es einmal weit bringen. Zweitens: Sollte seine eigene Karriere einmal stocken, könnte eine enge Bindung an ihn sich als genau der aufstiegstechnische Turbolader erweisen, den er dann dringend bräuchte. Er musste die ganze Sache nur geschickt einfädeln.

Die passende Gelegenheit ergab sich, als Dr. Marx Vater wurde. Achtenmeyer und seine Frau hatten sich bereits in einem Alltag ohne Kinder eingerichtet und nicht vor, an diesem Zustand etwas zu ändern. Also bot er Dr. Marx an, der Patenonkel des kleinen Florian zu werden. Aus Achtenmeyers Sicht eine perfekte Konstellation: Regelmäßig ein Kuscheltier verschenken, später ein Lego-Technik-Fahrzeug, noch später ein kompliziertes Modellauto, der ein oder Ausflug zum Zelten oder Angeln - fertig war die karrieretechnische fall-back-option.

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Jetzt, gute achtzehn Jahre später, ist es Zeit, die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Achtenmeyers anfangs kometenhafter Aufstieg in der Firma hat zuletzt ein wenig an Schwung vermissen lassen, gleichzeitig hat ihm Dr. Marx neulich angedeutet, dass im board von Miller & Shaddock demnächst die Position des Marketing-Vorstands neu zu besetzen ist. Und Florian ist kein kleiner Racker mehr, sondern ein junger Mann, der gerade sein Abitur macht. Was, wie jedermann weiß, die klassische Gelegenheit für Patenonkel ist, noch einmal richtig aufzutrumpfen.

Natürlich muss ein Geschenk zum Abi die perfekte Mischung aus Coolness und Prestige, beziehungsweise aus Geld und Abenteuer darstellen. Achtenmeyer musste keine Sekunde überlegen, um auf die Lösung zu kommen: ein Interrail-Ticket.

Gras rauchen an der Algarve, Bier-Marathon in Brüssel

Mit wohliger Melancholie erinnerte er sich viele Abende lang an seinen eigenen Railroad-Trip durch Europa, als er gerade Abitur gemacht hatte, damals, im frühen 18. Jahrhundert: Odile und Babette am Becken von Arcachon, Gras rauchen an der Algarve, Bier-Marathon in Brüssel und, ach ja, natürlich, Rebecca auf Capri. Eine wahrhafte Coming-of-Age-story, der Übergang vom Teenager zum Mann, in sonnigen oder stürmischen Etappen absolviert im ewigen Ratatam-Ratatam auf den Schienen des europäischen Kontinents.

Florian würde begeistert sein, zumal Achtenmeyer noch ein großzügig bemessenes Handgeld drauflegt, schließlich muss der Junge unterwegs auch etwas essen und die ein oder andere Mademoiselle auf einen Café au Lait einladen. Und wenn Florian begeistert ist, ist auch Dr. Marx begeistert. Und wenn Dr. Marx begeistert ist, wird Achtenmeyer Vorstand.

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Voller Vorfreude fiebert er dem Tag von Florians Zeugnisverleihung entgegen. Für den Abend ist eine kleine Feier auf Dr. Marx' Anwesen geplant, nichts Überkandideltes, eine kleine Band, ein paar Häppchen, nur der engste Kreis. Exakt der richtige Rahmen für den Auftritt als ebenso hipper wie großzügiger Patenonkel. Als die Sterne zu funkeln beginnen und die Band mit ihrer HipHop-Version von "I Did It My Way" fertig ist, springt Achtenmeyer auf die Bühne, angelt locker nach dem Mikrofon und hält die spontane Rede, an der er drei Tage lang gefeilt hat.

Florian steht vor ihm, glühend vor Zukunftsfreude und dem ein oder anderen Mojito. Als Achtenmeyer von "neuen Horizonten", einer "ganz anderen Dimension von Freiheit" und "kulturellem Austausch auf allen Ebenen" fabuliert, beginnen die Augen seines Patensohns, falls das überhaupt noch möglich ist, noch mehr zu strahlen. "Absolut perfekt, meine Idee", denkt Achtenmeyer und überreicht feierlich den Umschlag in Reisepass-Optik, in den er das Interrail-Ticket gepackt hat.

"Interrail? Ist das die Kiste mit dem Zug?"

Florian reißt den Umschlag auf - und seine Miene verschattet sich schlagartig. "Interrail?", fragt er tonlos, "ist das die Kiste mit dem Zug?" - "Allerdings, mein Junge, ganz Europa wartet auf Dich", entgegnet Achtenmeyer voller Euphorie, in die sich angesichts von Florians Gesichtsausdruck bereits eine leichte Irritation mischt. "Europa?? Oookaayy, danke Onkel Achtenmeyer", entgegnet Florian matt, dreht sich um und geht ins Haus zurück. Trotz seines ziemlich bedröppelten Zustands bleibt Achtenmeyer noch auf einen Drink, verabschiedet sich dann von einem merkwürdig distanzierten Dr. Marx und fährt nach Hause.

Wo ihm seine Frau die wahren Ausmaße seines Fauxpas' genüsslich auseinandersetzt: "Niemand macht heute noch Interrail, du Neandertaler! Die Abiturienten fliegen heute um die ganze Welt, richten ihre Gruppen auf WhatsApp ein und verabreden sich dann spontan auf Bali, in Mexico City oder in einem Starbucks in Tokio. Du hättest mich fragen sollen, wie immer: Zum Abi schenkt man ein Around-the-World-Ticket."

Das war's dann also mit dem Karriere-Turbo. Was Achtenmeyer bleibt, ist die Erinnerung ans Becken von Arcachon. Und die Erkenntnis, dass schon so manche Langfrist-Strategie genau daran gescheitert ist: an ihrer Langfristigkeit.

Lessons learned

1) Die Kraft der Netze: Beziehungspflege kann nach wie vor ein wichtiger Karrierefaktor sein. Der Kungel-Aspekt spielt dabei eine geringe Rolle - wichtiger sind die Informationen (etwa über frei werdende Posten) und die Tatsache, dass man den anderen und dessen Qualifikationen besser einschätzen kann, wenn man sich kennt.

2) Genosse Trend: Was heute in ist, kann morgen schon out sein - das ist eine Binsenweisheit. Dennoch wird sie überraschend oft ignoriert, gerade in veränderungsintensiven Zeiten: Der Versuch, aus der Vergangenheit in die Zukunft zu extrapolieren, ist für Manager nur allzu verführerisch.

2) Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler: Der alte Marketingspruch wird von Achtenmeyer konsequent ignoriert. Damit steht er nicht alleine. Ob private Geschenke oder ganze Geschäftsstrategien - oft genug scheitern sie an der Gleichsetzung der eigenen Maßstäbe mit denen des Gegenübers.

Klaus Werle (Jahrgang 1973) ist Reporter beim manager magazin und Buchautor. In seiner Kolumne "Nach Diktat verreist" demonstriert der Protagonist - der fiktive, aber lebensnahe Mittelmanager Achtenmeyer - regelmäßig, dass Karrieremachen wirklich ganz einfach ist. Nach allem, was er so hört.Buch bei Amazon: "Ziemlich beste Feinde" von Klaus Werle Klaus Werle vei Twitter 

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