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Familie und Beruf Papas Überstunden machen Söhne aggressiv

Wenn die Mutter Überstunden anhäuft, ist das kein Problem. Wenn der Vater lange schuften muss, dann schon. Männer, die im Job stark eingespannt sind, haben öfter Söhne mit auffälligem Verhalten - das zeigt eine neue Studie. Für Töchter gilt das nicht.
Papas Bester: Der Mann, das unbekannte Familienwesen

Papas Bester: Der Mann, das unbekannte Familienwesen

Foto: Corbis

Karrierefrauen mit Kindern gelten schnell als Rabenmütter. Eine australische Langzeitstudie zeigt nun aber, dass Muttis Arbeitszeiten deutlich weniger Einfluss auf das Wohlbefinden der Kinder haben als bislang gedacht. Viel wichtiger ist das Arbeitspensum des Vaters - vor allem für die Söhne. Zu dem Ergebnis kommt eine Untersuchung im Fachmagazin "Journal of Marriage and Family" .

Die Forscher gehen davon aus, dass die Altersphase zwischen Kleinkindalter und Pubertät, die sogenannte mittlere Kindheit, für die Entwicklung der Kinder besonders bedeutsam ist - und folglich auch der Kontakt zu den Eltern großen Einfluss hat. In dieser Zeit bilde sich die geschlechtliche Identität heraus, der Grundstein für den Erfolg in der Schule sowie für die spätere Eigenständigkeit werde gelegt.

Sie werteten deshalb die Daten von mehr als 1400 Kindern aus, die im Alter von fünf, acht und zehn Jahren auf Verhaltensauffälligkeiten getestet wurden. Die Eltern hatten zudem Angaben zu ihrem Beruf, den wöchentlichen Arbeitsstunden und dem täglichen Zeitrahmen mit den Kindern gemacht. In die Studie einbezogen wurden nur Familien, bei denen Vater und Mutter in einem Haushalt mit den Kindern lebten.

Die Ergebnisse zeigten nicht nur starke Unterschiede in den Arbeitsbiografien der Mütter und Väter, sondern auch im Wohlbefinden der Kinder. Acht von zehn Müttern gaben an, wochentags drei Stunden und mehr mit ihrem Kind verbracht zu haben, als es fünf Jahre alt war. Dabei gingen rund 12 Prozent der Mütter zu dieser Zeit einer Vollzeittätigkeit nach, arbeiteten also mehr als 35 Stunden pro Woche. Etwas mehr als ein Drittel arbeitete in Teilzeitanstellungen oder weniger.

Vielarbeiter haben aggressive Söhne

Im Vergleich sahen nur die Hälfte der Väter ihre fünfjährigen Kinder drei Stunden oder mehr am Tag. Etwa 85 Prozent waren zu diesem Zeitpunkt vollzeitbeschäftigt. Darunter befanden sich sowohl Mediziner, Anwälte und Universitätsprofessoren als auch Verkäufer oder Handwerker. Ein Viertel aller Väter schuftete jede Woche zwischen 40 und 54 Stunden, knapp ein Fünftel sogar mehr als 55 Stunden.

Bemerkenswert: Gerade die Kinder jener Vielarbeitergruppe waren in der Studie vermehrt verhaltensauffällig - vor allem die Söhne. Sie waren deutlich häufiger aggressiv oder antisozial als Kinder von Vätern, die weniger als 55 Stunden pro Woche bei der Arbeit verbrachten.

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Mut zur Familie?: Neue Väter, alte Rollen

Foto: Corbis

Wo genau der Zusammenhang liegt, lässt sich schwer sagen. Denn Verhaltensauffälligkeiten traten auch im Zusammenhang mit Vätern auf, die trotz hohem Arbeitspensum verhältnismäßig viel Zeit mit ihren Kindern verbrachten. Dagegen spielten andere Faktoren, die man intuitiv als wichtig erachten könnte, keine Rolle, etwa wie gut die Familie insgesamt miteinander harmonierte.

Ebensowenig fanden die Forscher bei Müttern einen dieser Effekte. Die Studienautoren diskutieren mehrere Theorien, warum ausgerechnet die Arbeitszeiten der Väter das kindliche Wohlbefinden beeinflussen, die berufliche Einbindung der Mutter aber unerheblich scheint. Mütter würden ihre Arbeit eher so arrangieren, dass es sich mit dem Familienleben vereinbaren lässt. Aber: "Vermutlich ist es nicht die Quantität der gemeinsamen Zeit, sondern die Qualität, die entscheidet."

Viele Erklärungsmöglichkeiten

Warum das alles vor allem für das Verhalten der Söhne bedeutsam ist, auch dazu diskutieren die Forscher mögliche Erklärungen. Lange Arbeitszeiten des Vaters könnten etwa dazu führen, dass dem Sohn typische Vater-Sohn-Spiele fehlen, in denen das Kind seine Energie herauslassen und Aggressionen abbauen könne. Andere Forscher indes hätten berichtet, dass Väter mit langen Arbeitszeiten dazu tendieren, in ihren wenigen Momenten mit den Söhnen vor allem solche stereotypen Spiele zu spielen. Ihre These: Dadurch werde generell aggressives Verhalten bei Kindern verstärkt.

Männer mit vereinnahmenden Jobs tendierten außerdem zu strenger Erziehung, was ebenfalls Verhaltensprobleme beim Kind fördern könnte. Der Zusammenhang könnte aber auch indirekt sein: Hochaktive Söhne sind für Mütter eine große Herausforderung, erst recht wenn der Vater kaum anwesend ist. Das führe zu Spannungen zwischen Mutter und Kind und folglich zu Auffälligkeiten beim Sohn.

Welche Theorie am ehesten zutrifft, bleibt vorerst unklar. Die Bedeutung der Väter für die Entwicklung von Kindern wird erst seit wenigen Jahren von Psychologen erforscht (mehr dazu im neuen SPIEGEL). Die australischen Wissenschaftler empfehlen, künftig den Einfluss des Erziehungsverhaltens, des Stresspegels der Eltern und der Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit näher zu untersuchen.

KarriereSPIEGEL-Autorin Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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