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Durchboxen im Job "Sei hart, aber unfair"

Wer immer nur nett ist, kommt mit der Karriere selten voran, sagt Aggressionsexperte Jens Weidner. Sein Rat für alle Aufsteiger: Einfach mal ein Schwein sein. Vor allem die Frauen.
Aggressiv an die Spitze: "Frauen müssen heute härter kämpfen denn je"

Aggressiv an die Spitze: "Frauen müssen heute härter kämpfen denn je"

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Zur Person
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Jens Weidner ist Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Er hält Vorträge und schreibt Bücher("Die Peperoni-Strategie") für Menschen, die aggressiv ihre Ziele durchsetzen wollen. Sein letztes Buch erschien unter dem Titel "Hart, aber unfair".

KarriereSPIEGEL: Sie sagen, wer vorankommen will, muss aggressiv auftreten. Gilt das für jeden?

Weidner: Ja, aber in besonderem Maße für Frauen. Sie müssen heute härter kämpfen denn je. Denn ein altes Tabu gilt nicht mehr: Früher hat man Frauen nicht abgesägt, das tat man als Gentleman nicht. Heute ist das anders.

KarriereSPIEGEL: Frauen wurden damals gar nicht erst eingestellt.

Weidner: Richtig. Man muss nur einen Blick auf die Anzahl der Führungskräfte werfen. Früher hatten wir 100 Prozent Männer, heute sind es 80. Und die ganzen Vertreter der Chancengleichheit sagen zu Recht, das ist uns zu wenig, wir wollen die Hälfte. Das bedeutet für die Männer, dass 30 Prozent gehen müssen, die sich den Job hart erarbeitet haben. Natürlich fühlen die sich jetzt bedroht.

KarriereSPIEGEL: Und deshalb stürzen sich diese Männer nun auf Frauen?

Weidner: Nur auf die aufstiegsorientierten, die das Potenzial haben, einen zu überholen. "Jetzt ist die Kollegin noch Anfang 30 - nutze ich also besser die Chance", denken sich viele Männer. Sie geben den Frauen Aufgaben, die nicht zu bewältigen sind. Und wenn sie es trotzdem schaffen - es gibt verdammt gute Frauen heute -, dann konzentrieren sie sich eben auf den kleinen Teil des Ergebnisses, der Schrott ist. "Erlege die Frau, solange sie noch im Wachstum ist", solche Sprüche hört man.

KarriereSPIEGEL: Wo hört man denn so was?

Weidner: Ich habe knapp tausend Interviews mit Führungskräften und Menschen im Aufstieg geführt. Kein Karriere-Mann sagt, er sei gegen Gleichberechtigung. Aber wenn ich frage, was sie mit Konkurrentinnen tun, antworten sie: "Wir locken sie in die Frauen-Aggressivitätsfalle." Die geht so: Alles, was bei Männern hoch gelobt wird - Durchsetzungsstärke, Zielorientiertheit, Coolness - wird umgedeutet. Bei einer Frau heißt das dann plötzlich, sie sei hysterisch, verkrampft, habe einen krankhaften Ehrgeiz entwickelt, vielleicht ist der private Kontext ja auch allzu schwierig, wer weiß. Ihr Ruf wird dadurch angekratzt, ihr Status geschwächt.

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Pure Harmonie macht schläfrig. Solange Konflikte nicht entgleisen, können sie im Berufsleben sogar fruchtbar sein. Im Magazin SPIEGEL JOB (www.spiegeljob.de ) gibt es die Anleitung zum richtigen Zoffen. Wo lauern Gefahren? Und wie vermeidet man ein Gemetzel?

KarriereSPIEGEL: Das sind doch Rezepte aus den Siebzigerjahren. Ist das alles?

Weidner: Nicht nur aus den Siebzigern, sondern aus Jahrhunderten der Machtgeschichte. Beliebt ist auch die Innovationsfalle. Denn Frauen ändern Dinge gern, noch lieber als Männer. Das Problem ist jedoch: Innovationen sind risikobehaftet. Ein bis zwei Sachen klappen, der Rest geht in die Binsen. Außerdem mag traditionellerweise niemand Menschen, die Unternehmen umkrempeln. Die zerstören ja die Tradition des Hauses. Eine Lose-Lose-Situation für innovative Frauen.

KarriereSPIEGEL: Und was hilft dagegen?

Weidner: Wann gilt in einem Unternehmen das Motto "Im Zweifel für den Angeklagten"? Doch nur, wenn man so gut vernetzt ist, dass sich die anderen nicht trauen, einen anzuschießen. Die ganzen Machtspiele finden nicht statt, wenn ich weiß, dass ich dann mit mächtigen Leuten Ärger bekomme. Und hier liegt ein weiteres Problem, das viele Frauen haben: Sie definieren Netzwerken zum Teil als überflüssige Zeitverschwendung, die von der eigentlichen Arbeit ablenkt. Und mit ihrem Netzwerk offen umzugehen, finden sie noch schlimmer, geradezu anbiedernd. Dabei nützt ihnen ihr ganzes schönes Netzwerk nichts, wenn sie es nicht nach außen tragen. Gut, die mächtigen Freunde können natürlich immer aus dem Hintergrund noch das Schlimmste verhindern. Aber ich will erst gar nicht in den Brunnen fallen, aus dem die mich dann wieder herausholen müssen.

KarriereSPIEGEL: Finden Sie das nicht ein wenig pessimistisch?

Weidner: Im Berufsleben kann man gern zu 80 Prozent ein feiner Mensch sein. Die übrigen 20 Prozent sollten wir aber durchsetzungsstark, strategisch und bereit sein, pessimistisch anthropologisch zu denken. Den Menschen als des Menschen Wolf zu sehen. Wenn Sie im Berufsleben jedem unterstellen, er meine es gut mit Ihnen, werden Sie permanent enttäuscht und ein Opfer von Machtspielen.

KarriereSPIEGEL: Sie sind Kriminologe. Wie kamen Sie auf diese Theorie?

Weidner: Ich habe zehn Jahre lang hauptberuflich mit Gewalttätern gearbeitet und deren Aggressivität abgebaut. Damals kamen Manager auf mich zu und fragten: "Kann man das nicht auch umdrehen - und Gutmenschen ein bisschen bissiger machen?" Es gebe so viele hochqualifizierte Männer und Frauen, die zu gut seien für diese Welt. Sobald ein starker, aufgeblasener Ellenbogenkarrierist vorbeikommt, fallen die um. Ich habe dann eine Befragung mit Führungskräften gemacht: Welche Schattenseiten brauchten Sie zu Ihrem Erfolg? Und welche bissigen Sachen sind mit Ihnen gemacht worden? So kam ich zu meinen Machtspiel-Erkenntnissen: Sei hart, aber unfair, wenigstens zu 20 Prozent, dann kommst du voran.

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